Die Liedermacher Franz Josef Degenhardt (rechts) und Hannes Wader im Dezember 1970 in Hamburg.
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Die Liedermacher Franz Josef Degenhardt (rechts) und Hannes Wader im Dezember 1970 in Hamburg.

Nachruf

Väterchen Franz kämpft nicht mehr

Franz Josef Degenhardt hat seinem Liedermacherkollegen und Antipoden Wolf Biermann schon immer gerne dazwischengefunkt. Nun wird der 75. Geburtstag Biermanns begleitet von Degenhardt-Nachrufen. Zum Tod des Liedermachers.

Von xxhj

Geboren 1931 am östlichen Rand des Ruhrgebiets, berief sich Degenhardt stets auf dieselben Vorbilder wie Biermann, auf Villon, Tucholsky, Brecht, natürlich auch auf Walther von der Vogelweide, aber er machte etwas völlig anderes daraus. Wo Biermann schrie und polterte, schmeichelte sich Degenhardt ins Ohr mit einer Stimme, als wolle er faule Kredite loswerden.

1965 wurde er durch ein Lied von seiner zweiten Platte mit einem Schlag berühmt. „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ fasste die antibürgerliche Stimmung des Zeitgeistes in maximalem Wohlklang zusammen. Es ist eine samtig wie schneidend gesungene, fröhlich hüpfende Hymne gegen die Doppelmoral: „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder, geh doch in die Oberstadt, mach’s wie deine Brüder.“ Der Text endet wenig erfreulich: Der in die Oberstadt gepresste, beruflich erfolgreiche Seelenkrüppel holt sich eines Tages ein Kind, ein schmuddeliges: „Eines Tags in aller Helle, hat er dann ein Kind betört und in einen Stall gezerrt.“

Hang zu den Schmuddelkindern

Balladesk bis moritatenhaft, bedrohlich und schockierend in diesem bewusst rattenfängerhaften Schmeichelton, traf Degenhardt einen deutschen Nerv. Schauerromantik, die Attitüde des fahrenden Gesellen und eine Erotik, in der es, genau wie bei Biermann, dauernd um „Pflaumenhintern“ geht, stellen das „Protestlied“ in eine nationale Tradition. Das zahlte sich aus. Degenhardt hatte angefangen, Lieder zu machen, weil er als wissenschaftlicher Assistent am juristischen Institut mit seinem Geld nicht auskam; und tatsächlich ging der Plan auf. Das Zubrot war beträchtlich.

Aufgewachsen in einer streng katholischen Familie (sein Vetter war Erzbischof von Paderborn), verfiel Degenhardt dem Hang zu den Schmuddelkindern immer mehr, jedenfalls interpretierte er es selbst so. Er verteidigte Studenten bei APO-Prozessen, wurde 1978 aus der SPD ausgeschlossen, weil er im Wahlkampf die DKP unterstützt hatte, der er 1978 beitrat. Spätestens dort war mit den Schmuddelkindereien freilich Schluss.

Degenhardt unterwarf sich der spießigen Disziplin der Partei und dichtete brav: „Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf“. „Väterchen Franz“ sang Idyllen vom Abend, „wenn so was wie Frieden scheinheiligstill aufs Land niedersinkt“, wenn die Freunde beieinandersitzen im Garten und die Geliebte ihren Kopf auf seinen Schoß legt, und er sich fragt „Geht’s nicht auch so?“ – „Nein!“, brüllte er in den gerade noch sich wohlig wiegenden Saal, „so geht es nicht!“ Der Kampf müsse weitergehen.

Auf diese Art brachte Franz Josef Degenhardt rund 30 Alben heraus und verfasste sieben Romane. 2008 erschien noch die CD „Dreizehnbogen“. Der letzte Satz der kurzen Biographie auf seiner Internetseite lautet: „Sein künstlerisches Gesamtwerk ist abgeschlossen“. Will sagen: Ich bin in Rente. Kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag starb er am Montag friedlich am Wohnort seiner Familie in Quickborn bei Hamburg.

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