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Eine solche Aufgabenteilung im Umgang mit Technik gab es in dieser Generation schon lange vor dem Computer.

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Väter und Geräte

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Früher telefonierten vor allem Mütter, heute sind sie die Heldinnen am Tablet - und der Gatte schaut in die Röhre.

In der Generation meiner Eltern, also bei den jetzt über 70-Jährigen, beobachte ich in den letzten zehn Jahren eine unerwartete Entwicklung: Die Väter sind von den Müttern abgehängt worden, was den Computergebrauch angeht. Also, nicht den Gebrauch des Computers, der in ihren Haushalten oft noch die Form eines vor 20 Jahren angeschafften grauen Riesengeräts hat. Der ist noch fest in Vaterhand. Er steht im „Arbeitszimmer“ oder sonst einem Raum, der jedenfalls nicht das Wohnzimmer ist. Im Wohnzimmer sitzt die Mutter mit ihrem Tablet oder einem Smartphone. Sie benutzt es, um mit anderen Menschen Kontakt zu halten – über Whatsapp, Videotelefonie, Spiele oder den Chat, der bei ihrer Lieblingsapp eben dabei war.

Eine solche Aufgabenteilung im Umgang mit Technik gab es in dieser Generation schon lange vor dem Computer. Der soziale Gebrauch des Telefons war Muttersache, der Vater telefonierte zweckgebunden und kurz. Während andere Familienmitglieder telefonierten, war es die Aufgabe des Vaters, im Hintergrund herumzumurren, dass es jetzt auch mal reiche, man einander sowieso nichts Neues zu sagen habe und die Sache schließlich Geld koste.

Wenn man ein klassisches Telefon benutzt, lernt man telefonieren und sonst nicht viel. Bei Smartphone und Tablet ist das anders. Hier führt die traditionelle Aufgabenteilung dazu, dass sich die Mutter als Nebeneffekt ihrer sozialen Nutzung eine Menge allgemeiner Fähigkeiten im Umgang mit dem Gerät angeeignet hat. Dem Vater, der nur auf Radtouren gelegentlich das Regenradar aufruft, fehlen diese Fähigkeiten. Natürlich will er sich von der Mutter auch nichts erklären lassen. Selbstständiges Herumexperimentieren ist schwer für ihn, weil niemand – schon gar nicht die Mutter – sehen darf, wie er sich ungeschickt anstellt. Eigentlich will er sich nicht einmal selbst dabei sehen. Lieber erklärt er alles, was über das Regenradar hinausgeht, für zeitraubenden Tand. Aber wenn die übrige Verwandtschaft ein Sozialleben an den Geräten hat und er nicht, stimmt ihn das unzufrieden. Coronabedingt gibt es zu dieser Unzufriedenheit derzeit mehr Anlass als sonst.

Im Mai 2004 schrieb ich zusammen mit Holm Friebe für die „Berliner Zeitung“ eine Kolumne voll kriegerischer Metaphern über die Versuche der Technik, ins Wohnzimmer vorzudringen. Die „zentrale Bastion“ des Fernsehers schien wegen der Nachschubwege bis dahin uneinnehmbar. Strom, Telefon, Fernsehen, Internet gab es nur dort, wo ein entsprechendes Kabel lag. Das änderte sich zu diesem Zeitpunkt gerade durch mobiles Internet und WLAN.

Wir zitierten aus der Berichterstattung über die damals noch florierende, mittlerweile eingestellte IT-Messe Cebit: „Schlacht ums Wohnzimmer“ und „Computerbranche will Wohnzimmer mit digitaler Technik erobern“. Wie das genau aussehen sollte, konnten wir uns offenbar auch nicht vorstellen: Von „kleineren und nicht mehr ganz so hässlichen Geräten“ fürs Arbeitszimmer war die Rede. Gleich danach dachten wir aber doch wieder nur an den Fernseher: „Die mauen Absatzzahlen sprechen dafür, dass dieser Angriff fürs Erste pariert wird. Offenbar sind die Konsumenten wenig erpicht auf die Aussicht, dass demnächst auch der Fernseher abstürzen kann.“ Falls Kolumnistinnen mitlesen: Ich kann nur davon abraten, beim Schreiben über Technik mit mauen Absatzzahlen ganz neuer Geräte zu argumentieren. Schon wenige Jahre später wirkt man mit diesem Argument kurzsichtig.

Die nächste Begründung für unsere Zweifel an zukünftiger Wohnzimmertechnik ist noch schlechter gealtert: „Historisch gesehen ist die vielbeschworene ‚Konvergenz‘, die Verschmelzung mehrerer Geräte zu einem einzigen, selten und nur in ihren bescheidensten Formen begrüßt worden. Denn wo nur eine Funktion vorhanden ist, kann auch nur eine kaputtgehen.“ Drei Jahre nach der Veröffentlichung der Kolumne kam das erste Smartphone auf den Markt. In ihm verschmolzen sehr viele Geräte und Funktionen. Es wurde freudig begrüßt. Ein Gerät, das aus Kabel- oder Platzgründen fest installiert werden muss, befindet sich in einem Haushalt mit traditioneller Aufgabenteilung von Anfang an im Einflussbereich entweder des Vaters oder der Mutter. Der Ort der Aufstellung legt bereits einen Großteil dessen fest, was später damit geschehen kann. Tablets und Smartphones bewegen sich auf der Grenze zwischen Vaterhaushalt und Mutterhaushalt. In der Generation meiner Eltern haben die Mütter – wenn auch eher versehentlich – von dieser Chance Gebrauch gemacht und sich die Vorherrschaft am Gerät gesichert. Alles hier Beschriebene spielt sich in einem kurzen Zeitfenster der Technikgeschichte ab, betrifft nur ein oder zwei Generationen und ist schon fast wieder vorbei. Wie man hört, holen die Väter auf. Man kann daraus allenfalls lernen, dass neue Geräte unvorhergesagte soziale Entwicklungen mit sich bringen. Und dass es sicherer ist, Technikkolumnen über die Vergangenheit zu schreiben als über die Zukunft.

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