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Nora Bossong
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Nora Bossong

Flaschenpost

Im Urvertrauen auf Wind und Wellen

  • VonUli Kreikebaum
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Vom Widerstand der Wörter und vom Eigenleben der Flaschenpost.

Einen Zukunftsgedanken per Flaschenpost aufzugeben, die Idee gefiel Dogan Akhanli schon, bevor er am 19. August in Spanien verhaftet wurde. „Es hat etwas Widerständiges, Dringendes, das finde ich gut“, sagte er am Ufer des Rheins im Kölner Stadtteil Mülheim. Dort warf er Ende Juni probehalber eine Flaschenpost für ein Projekt in den Fluss, das der „Kölner Stadt-Anzeiger“, die „Berliner Zeitung“ und die „Frankfurter Rundschau“ am Samstag gestartet haben. In regelmäßiger Folge wird ein Schriftsteller dafür irgendwo auf der Welt eine handschriftliche Botschaft auf die Reise ins Unbekannte schicken. Ihre Texte erscheinen in den Feuilletons der Zeitungen.

Die Flaschenpost-Botschaften sind Plädoyers gegen eine rein zweckbestimmte, automatisierte Kommunikation und gegen das Denken in Grenzen und Schranken; Plädoyers für die Freiheit des Wortes, für Literatur, für so etwas vermeintlich Altmodisches wie das Handgeschriebene und für die Neugier auf Unbekanntes. Die Sätze der Literaten können Dialoge anstoßen, auch wenn sie nie ein Ufer erreichen sollten. Am 31. August stand Dogan Akhanli am Flussufer des Manzanares in Madrid. Ein schmächtiger Mann mit Hornbrille und krauser Stirn, der in Spanien gestrandet ist und dort vorerst nicht weg darf. 40 Werktage hat die türkische Justiz Zeit, ihren spanischen Kollegen zu begründen, warum sie Akhanli ausliefern sollen.

Der türkischstämmige Autor mit deutschem Pass war im Urlaub in Granada verhaftet worden, wegen einer Interpol-Notiz, von der bislang niemand weiß, wie sie zustande kommen konnte. Leise lächelnd warf Akhanli eine Weinflasche mit einem Brief in den Fluss. Er fragt darin, ob wir zu dumm seien, aus der Erfahrung mit Despoten zu lernen. „Wir müssen an die Magie des Widerstandes glauben, um die Bedrohung noch rechtzeitig abzuwenden.“ Das Projekt ist keine Solidaritätsaktion für Dogan Akhanli im strengen Sinne. Eine Flaschenpost ins Irgendwo – das passt allerdings zu Akhanlis Situation wie zu seinem Leben, in dem er nun zum vierten Mal unschuldig verhaftet worden ist.

Zum Auftakt des Projekts „Flaschenpost“ hat auch der türkische Dichter Burhan Sönmez die seine am Dienstag in den Bosporus geworfen. Die Berliner Schriftstellerin Nora Bossong hat ihre Botschaft am Mittwoch der Spree anvertraut. Am Freitagmittag machte sich Silke Scheuermann an das Offenbacher Mainufer auf.

Eine Flaschenpost kann schnell zerschellen oder untergehen. Sie kann aber auch fernste Strände erreichen. Wie die Weinflasche, die 1993 bei Hennef in die Sieg geworfen und drei Jahre später in Falmouth (Maine, USA) am Ufer des Atlantik gefunden wurde. Eine Flaschenpost kann mehr als 100 Jahre unterwegs sein. Wie die Nachricht einer Nordpolexpedition von 1874, die 1978 gefunden wurde. Die Wissenschaft nutzte 1802 erstmals die Flaschenpost, um die Geschwindigkeit der Meeresströmung zu erforschen. Dafür wurden die Flaschen mit einem Vermerk zur geografischen Lage des Ortes versehen, an dem sie zu Wasser gelassen wurden. Ihre Wege trugen die Wissenschaftler in „Flaschenkarten“ ein. So fanden sie heraus, dass eine im Bereich des Äquatorialstroms eingeworfene Flasche in 154 Tagen 2700 Seemeilen zurückgelegt hatte.

Im kleinen Maßstab soll so auch in den Zeitungen mit den Autorenbotschaften verfahren werden, die nach und nach auf die Reise gehen. Jede Flasche enthält eine „Gebrauchsanweisung“, damit etwaiger Finder Kontakt zu den Projekt-Verantwortlichen oder den Autoren aufnehmen können. Alle Absende- und Fundorte werden nach und nach auf einer digitalen Karte eingezeichnet und dort nachvollziehbar sein.Die Welt retten, wie in Jules Vernes „Die Erfindung des Verderbens“, das werden unsere Flaschenpost-Botschaften kaum. In dem 1896 erschienenen Roman hat ein Erfinder einen Sprengstoff mit riesiger Zerstörungskraft entwickelt, der in die falschen Hände gerät – nur dank einer gefundenen Flaschenpost werden die Pläne des Bösen durchkreuzt. Sehr wohl hingegen vermögen unsere Botschaften – wie jede Flaschenpost – die Fantasie anzuregen. In Edgar Allen Poes Kurzgeschichte „Die Flaschenpost“ aus dem Jahr 1833 inspiriert eine am Strand gefundene Nachricht den Autor, wieder mit dem Schreiben zu beginnen. Theodor W. Adorno nutzte die Flaschenpost als Metapher für seine Theorie, die auf verständige Adressaten wartete. Der von Adorno vor mehr als 50 Jahren beschriebene Rückfall der Zivilisation in die Barbarei der Massenkultur, die „intellektuelle Abklärung“ sowohl von sogenannten Künstlern wie von kritiklosen Konsumenten, hat sich im Zeitalter der Digitalisierung womöglich beschleunigt. Das Internet befeuert die Aufklärung, es stellt Wissen für jeden bereit und hilft Menschen, sich zu vernetzen. Gleichzeitig beschleunigt es die „Abklärung“, weil sich viele in der Informations- und Unterhaltungsflut eher verlieren und logarithmengenerierte Vorschläge zur Musik-, Lektüre- oder Partnerwahl die Chance auf echte Neuentdeckungen eher verringern.

Ein Post, ein Chat, eine SMS oder E-Mail sind oft im nächsten Moment schon wieder vergessen. Was aus den Botschaften in unserer „Flaschenpost“ wird, das werden die am Projekt beteiligten Zeitungen zu bewahren suchen – analog wie digital. Die Texte überhaupt auf diesem archaischen Weg zu versenden – das mag als naiv, unnütz oder überflüssig erscheinen: ein paar Glasflaschen mehr in ohnehin vermüllten Flüssen und Meeren. Aber gerade das Unnütze ist oft das Schöne, das Überflüssige oft das wahrhaft Wichtige. Und ist so manche gängige Form unserer Kommunikation nicht mindestens so nutzlos oder gar absurd?

Forscher aus Cambridge und Stanford haben festgestellt, dass Facebook unsere Vorlieben inzwischen besser kennt als unsere eigene Familie. Logarithmen diktieren die digitale Kommunikation. Wir nehmen das hin und geben unsere Daten gern her, weil das im Gegenzug unser Leben leichter zu machen scheint: Mühelos finden wir versteckte Straßen, günstige Appartements, vergriffene Bücher, alte Schulfreunde, attraktive Sexualpartner.

Vielleicht ist all das ähnlich absurd und kafkaesk wie die Tatsache, dass Dogan Akhanli voraussichtlich zwei Monate in Spanien ausharren muss. Absurdität sollte jedenfalls kein Grund sein, gleichgültig zu werden. Im Gegenteil.

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