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Frankfurt im Herbst 2019: mit Skyline, Paulskirche (Mitte), Schirn (unten links), neuer Altstadt (rechts daneben) und dazwischen im weitesten Sinne alte Neustadt.

Städte

Städteplanung: Urbanes Existenzminimum

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Schwächen des immer komplizierter werdenden Städtebaus zeigen sich weniger in Einzelobjekten als im laxen Umgang mit den Zwischenräumen. Hier muss die Gratwanderung zwischen Individuum und Gesellschaft gelingen.

Der Dramatiker George Bernard Shaw, englischsprachiger Literaturnobelpreisträger von 1925, hat es einmal sehr schön auf den Punkt gebracht: „Tradition ist eine Laterne, der Dumme hält sich an ihr fest, dem Klugen leuchtet sie den Weg.“ Tatsächlich, auch beim Planen und Bauens geht es längst nicht mehr darum, alles grundstürzend neu machen zu wollen, wie kürzlich hier dargelegt (FR vom 9.10.2019).

Dennoch scheinen Traditionen, wie auch ihre Rezeption, sich recht dynamisch zu verhalten. Das gilt im Bereich von Architektur und Städtebau nicht minder als etwa in Bezug auf Literatur oder Philosophie. Kaum je lassen sich die Aufgaben der Planung so malerisch lösen, wie viele Wettbewerbsergebnisse es suggerieren. Stadt- und Raumentwicklung sind augenscheinlich einer Summe an Partikularinteressen ausgesetzt, auf die zu reagieren unser Steuerungsmechanismus nicht recht vorbereitet ist.

Der Urbanismus als Gegenstand laufender Optimierung

De facto steht dem komplexen Wirkungsgefüge der räumlichen Tatsachen noch heute eine Planungspraxis gegenüber, die von der Autonomie städtebaulicher und politischer Entscheide ausgeht und somit der räumlichen Wirklichkeit nur nachhinken kann. Was uns freilich nicht daran zu hindern scheint, den Urbanismus als Gegenstand laufender Optimierung zu sehen, als Akkumulation stetiger Verbesserungen. Wir anerkennen dessen Gehalt und Leistung im Einbezug ständig neuer Vorgaben, zum Beispiel des Umweltschutzes, der Energieeffizienz, der Wohnqualität, der ökologischen Bauweise, des Lärmschutzes, der Luftbeschaffenheit, der Barrierefreiheit und so weiter. All diese Erfordernisse verlangen ausgewiesene Fachkenntnisse und zugleich einen gewaltigen Apparat zu deren Verwaltung und Kontrolle – Mechanismen und Zielsetzungen der Planung werden einander mehr und mehr widersprechen.

Dabei drängt sich eine so banale wie konfliktreiche Frage auf: Wer ist denn disziplinär zuständig? Planer mit ingenieurwissenschaftlichem Hintergrund oder mit architekturkünstlerischem? Sind nicht auch Experten mit geographischem, juristischem, ökonomischem, ökologischem, sozialwissenschaftlichem Hintergrund involviert? Meist aber ist es doch so, dass nicht bloß die unterschiedlichen Sichtweisen, beispielsweise die „Vogelschau“ des Planers und die „Froschperspektive“ des Architekten, aufeinander prallen. Es werden auf beiden Seiten auch unterschiedliche Gegenstände bearbeitet: (Bau-)Projekte und (Planungs-)Prozesse.

Raumentwicklung statt Städtebau

Das Unverständnis und die – freundlich kaschierte – Ablehnung, mit der sich etwa Architekten, Stadtplaner und Landschaftsgestalter häufig begegnen, erweist der gemeinsamen Sache einen Bärendienst. Um nur ein Kernproblem, die Trennung des Erschließungsnetzes von der Bebauung, anzusprechen: Offenbar hat der „fließende Raum“ die Verkehrsplaner aus der Pflicht entlassen, städtebaulich mitzudenken. Als eigenständige Disziplin planen und bauen sie die Verkehrsadern allein nach fahrdynamischen Regeln. Schon deshalb ist eine Re-Integration der Mobilitäts- in die Stadtplanung bitter notwendig.

Ist das Bild einer stimmigen, bei aller Vielfalt letztlich „harmonischen“ Stadt also noch zeitgemäß? Ist die Stadt als Ansammlung gelungener wie weniger gelungener, immer aber weitgehend auf sich bezogener architektonischer „Einzelobjekte“ nicht der logische Ausdruck einer immer mehr sich individualisierenden und teilweise auseinanderstrebenden Gesellschaft? Muss man eingestehen, dass gerade die planerische Praxis alles andere als ein ideales Ganzes hervorgebracht hat beziehungsweise hervorbringt?

Denn im komplementären Verhältnis von Stadt und Haus ist an die Stelle des Städtebaus längst die sogenannte „Raumentwicklung“ getreten: die Festlegung von Prioritäten bei der Verteilung materieller Ressourcen und deren Verknüpfung mit städtischen oder landschaftlichen Räumen. Ihre Prozesse sind formal offen, komplex und so weit von der städtischen Wirklichkeit und der Architektur entkoppelt, dass sie als schwer überwindbarer Gegensatz zum konkreten Erfahrungshorizont im Siedlungsraum wahrgenommen werden. Insofern sollte auch die leidige Unterscheidung von „traditionellem“ und „modernem Städtebau“ endlich als bloße Geschmacksfrage aufgefasst werden.

Denn letztlich geht es doch um etwas anderes: Um das angemessene Verbessern, sinnfällige Ergänzen und gescheite Verdichten des bestehenden Siedlungsraums und nicht um einen Urbanismus im Sinn einer Erweiterung oder eines Aufbrechens des kompakten Stadtkörpers wie im 19. Jahrhundert. Städtebau darf sich nicht auf ästhetisch motivierte Zukunftsbilder beschränken, sondern muss in weiten Bereichen ein flexibles Offenhalten und Spielräume für zukünftige Entwicklungen beinhalten. Denn urbanistische Projekte werden im allgemeinen nicht von einem auf den anderen Tag realisiert. Die Dimension ist eine andere: Es sind längere, oft nicht einmal endgültig überschaubare Zeiträume.

Die Vernachlässigung des Zwischenraums

Die Planung wird im Normalfall auch nicht von einem einzelnen Bauherren realisiert. Schon allein deshalb muss die Lösung eine prinzipiell andere sein als die des auf einen spezifischen Erbauer maßgerecht zugeschnittenen architektonischen Projektes, welches auf eine sofortige und vollständige Realisierung ausgerichtet ist. Der Städtebau muss offen bleiben für zukünftige Veränderungen, er muss auch künftigen Architekten, Bauherren und Bewohnern Spielräume und Chancen bieten – gleichzeitig aber ein solides Gerüst für das Ganze gewährleisten. Er sollte unterschiedliche Bauformen ermöglichen und ertragen – und dabei auch schwächere Architekturen verkraften können. Ein Städtebau mit stabilen, einprägsamen Strukturen und Raumgeflechten darf sich nicht durch schlechte Einzellösungen, die es (leider) immer wieder geben wird, aus dem Gleichgewicht bringen lassen.

Der zentrale Anspruch liegt darin, den „Zwischenraum“ zu gestalten: als ein tragfähiges „Gerüst“, das Verknüpfungen und Vernetzungen herstellen kann. In den meisten Fällen wird die Stadt heute nicht mehr als Ganzheit geplant, sondern in Teilbereichen, die jeder für sich „optimiert“ werden und in ihrem mangelnden Zusammenspiel vielfach zu isolierten Fragmenten mit inselartigem Charakter zu verkommen drohen: Seien diese Gewerbeparks, Einkaufszentren, Wohnsiedlungen, Flughäfen, Museumsquartiere oder anderes mehr.

Die Defizite des vielfach kritisierten Städtebaus der Moderne bestehen wohl weniger in der Qualität der Einzelarchitekturen – die als Solitäre funktional wie auch formal in den meisten Fällen gelöst wurden – als vielmehr in der Vernachlässigung des Zwischenraums und der Beziehungen zwischen diesen Solitären. Der Außenraum der Gebäude ist der Innenraum des Stadtkörpers: eine Tatsache, die – in der historischen Stadt noch selbstverständlich – heute oftmals in Vergessenheit geraten zu sein scheint. Das führt zu indifferenten, anonymen und unbrauchbaren Zwischenräumen, degradiert zu bloßen Distanzflächen. Dabei zählt die Definition und Gestaltung der res publica zu den herausragenden Aufgaben der Planung. Eine Stadt oder ein Stadtquartier manifestieren sich vorrangig in ihren öffentlichen Räumen. Städte, die wir als qualitätvoll und eindrücklich erinnern, sind zumeist Städte mit klar ausgeprägten öffentlichen Bereichen (und meist entsprechend geprägten Raumstrukturen).

Zukunftsfähige Städte wird es als ausschließlichen Schöpfungsakt ex novo nicht (mehr) geben. Zumal Architektur gesellschaftliche Bausteine wie Lebensqualität, wie Wohnlichkeit oder Kultur allenfalls stimulieren, nicht erzeugen oder gar steuern kann. Naheliegend ist immerhin, besonderen Wert zu legen auf die atmosphärische Qualität einzelner differenzierter Räume. Und das gilt auch für das Planen auf der sogenannten grünen Wiese.

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