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Zähe Zukunft

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Von: Kathrin Passig

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Worum geht´s?
Worum geht´s? © Photocase

Das Maschinelle Lernen wird immer effektiver, aber wer will schon voraussagen, wohin genau das führen wird?

Der Informatiker Geoffrey Hinton hat von den 1970er Jahren bis in die Gegenwart zum Maschinellen Lernen geforscht und veröffentlicht. 2016 sagte er in einem Vortrag: „Wenn Sie in der Radiologe arbeiten, sind Sie wie der Kojote, der schon über den Rand der Klippe rausgerannt ist, aber noch nicht nach unten geschaut hat und deshalb nicht merkt, dass unter ihm kein Boden mehr ist.

Man sollte jetzt aufhören, radiologisches Personal auszubilden. Es ist einfach völlig offensichtlich, dass Deep Learning innerhalb von fünf Jahren bessere Leistungen bringen wird als die Menschen.“ Der Kojote, von dem er redet, ist die Figur aus den Roadrunner-Zeichentrickfilmen. Radiologie ist die Kunst, Röntgen-, MRT- und andere medizinische Bilder zu deuten. Die von Hinton vorhergesagten fünf Jahre sind vorbei, aber Radiologinnen und Radiologen werden immer noch ausgebildet.

Diese Ausbildung umfasst das Sichten von sehr vielen Bildern. So wird die Mustererkennung des menschlichen Gehirns darauf trainiert, Abweichungen vom Normalen zu erkennen. Der Gedanke, dass man das einem Computer beibringen könnte, ist naheliegend, denn statt ums Untersuchen von Menschen geht es sowieso schon um das Betrachten von Bildern, und Bilderkennung ist ein ziemlich weit fortgeschrittenes Gebiet der Informatik. Das Grundprinzip „sehr viele Bilder ansehen und Muster darin erkennen“ ist auch das Prinzip des Maschinellen Lernens. Man braucht nur ein einziges System zu trainieren und nicht jede Person einzeln, und ein Computer wird schneller Ergebnisse liefern als eine überlastete Radiologieabteilung.

Hinton wurde 2022 noch einmal zu seiner Aussage befragt: Es gehe etwas langsamer voran, als er gehofft habe, aber bis 2026 – also nach zehn statt fünf Jahren – werde Künstliche Intelligenz beim Deuten von vielen verschiedenen Arten medizinischer Bilder besser sein als die meisten Radiologinnen und Radiologen. Außerdem will er gar nicht gesagt haben, dass der Beruf überflüssig wird, sondern lediglich, dass KI-Systeme die Menschen bei der Bildanalyse entlasten könnten. Das sind übliche Ausweichmanöver von Fachleuten, die zu ihren nicht eingetroffenen Prognosen Stellung nehmen sollen. Dazu gibt es unterhaltsame Forschung, und Hintons Reaktion ist völlig normal.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © Norman Posselt

Ich bin nicht Geoffrey Hinton und auch keine Expertin für irgendwas. Es wird gleich um eine meiner eigenen falschen Prognosen gehen, aber ich will damit keine solchen Parallelen andeuten, sondern nur zu rekonstruieren versuchen, wie es dazu kommen kann. 2014 wurde ich von Carlo Bernasconi für die Fachzeitschrift „Schweizer Buchhandel“ interviewt. Ich war zu diesem Zeitpunkt seit fünf Jahren E-Book-Leserin und hatte seit 15 Jahren keine Bücher mehr in einer Buchhandlung gekauft. „Für ein digitales Buch brauche ich überhaupt keinen stationären Buchhandel“, sagte ich. Der Interviewer hakte nach: „Es gibt natürlich auch Bemühungen vom stationären Handel, Leser von E-Books im Laden zu bedienen.“ Ich sagte, das sei traurig und „wie im Western, wenn einer gezwungen wird, sein eigenes Grab zu schaufeln“. Auf die Frage, welche Aufgabe der Buchhandel in den nächsten fünf, zehn Jahren noch haben werde, erklärte ich: „Ich halte das für unterlassene Hilfestellung, dem Buchhändler nicht zu sagen: Es wird euch nicht mehr geben in zehn Jahren.“

Zum Zeitpunkt des Interviews gab es in Deutschland laut Statistischem Bundesamt rund 3800 Buchhandlungen. Sechs Jahre später waren es immer noch 3100. Ich habe mich ansonsten immer gewissenhaft vor einer Antwort gedrückt, wenn ich Zukunftsprognosen abgeben sollte, weil ich selbst oft genug über die falschen Vorhersagen anderer Leute gelacht habe. Ich habe in diesem Interview auch nicht, wie ich es anderen gelegentlich unterstelle, aus Geldverdiengründen eine möglichst steile These vertreten. Ich war ehrlich überzeugt vom unmittelbar bevorstehenden Ende des Buchhandels. Es wirkte, um Hinton zu zitieren, „einfach völlig offensichtlich“.

Mein Konsumverhalten im digitalen Bereich würde ein paar Jahre später zur Normalität werden, dachte ich. Das war schließlich seit meinem 15. Lebensjahr so gewesen. Ich hatte nur mehrere Dinge übersehen: Erstens muss das nicht für immer so bleiben. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass ich mit 50 oder mit 80 Jahren Early Adopter für irgendwas bin (wobei es für meine Theorie von der großen Zukunft der Heizdecke derzeit energiekrisenbedingt sehr gut aussieht). Zweitens ist niemand ein rundum verlässlicher Zukunftsindikator – 2004 war ich der Meinung, Handys mit eingebauter Kamera seien nur eine kurze, lästige Phase. Drittens ist „bei mir ist es halt so“ eine der schlechtesten Begründungen, die man für Theorien vorbringen kann. Und viertens habe ich meine eigene Regel missachtet: „Es dauert immer alles zwanzig Jahre, bis auf die Sachen, die noch länger dauern.“ Wenn Hinton und ich uns daran gehalten hätten, wäre das alles nicht passiert.

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