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Selber schuld

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Von: Kathrin Passig

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Symbolbild einer Twitter-Userin, nachdem bekannt wurde, dass Elon Musk das Soziale Netzwerk kauft.
Symbolbild einer Twitter-Userin, nachdem bekannt wurde, dass Elon Musk das Soziale Netzwerk kauft. © Getty Images/iStockphoto

Man soll Menschen nicht verhöhnen, weil sie zum Beispiel auf eine falsche Plattform gesetzt haben und jetzt ihre Daten unvollständig oder weg sind.

Ich sage das natürlich aus eigenem Interesse, wegen meiner Twitterdaten, die nicht so gut archiviert sind, wie ich es von einer 44 Milliarden Dollar teuren internationalen Plattform erwarte (siehe vorletzte Kolumne).

„Ja, pft, Twitter“, sagen jetzt herzlose Menschen im Internet, „wenn man seine Daten dem Raubtierkapitalismus in den Schlund wirft, ist doch klar, was dann passiert.“ Aber die Erwartung, dass Daten sachgemäß und vollständig aufbewahrt werden, ist berechtigt. Sie wäre auch dann berechtigt, wenn die Plattform von einem Eichhörnchen betrieben würde. Na gut, in dem Fall darf man ein kleines bisschen misstrauisch werden.

Menschen, die bei Daten-Unglücksfällen „selber schuld, das weiß man doch“ sagen, sind wie die, die bei Krankheiten fragen: „Bist du mit nassen Haaren aus dem Haus gegangen?“ Oder: „Hast du viel am Bildschirm gearbeitet?“ Damit sie sich dann denken können: „Zum Glück kann mir das nicht passieren. Ich gehe ja nie mit nassen Haaren aus dem Haus und arbeite nicht am Bildschirm.“ Es ist ein Abwehrzauber, wie das Klopfen auf Holz.

Um hier nicht nur die unsensiblen Anderen zu beschimpfen: Ich habe selbst nur wenig Mitleid mit Menschen, die ihre fast fertige Abschlussarbeit verlieren, weil sie keine einzige Sicherheitskopie hatten. Vielleicht reiße ich mich zusammen und denke mir nur im Stillen, dass sie da wirklich selber schuld sind. Aber vielleicht ist es auch schon vorgekommen, dass ich hinter dem Rücken der Verzweifelten gesagt habe: „Kein Backup! Was denken sich die Leute!“

Irgendwo verlaufen beim Umgang mit digitalen Daten die Grenzen zwischen dem Alles-richtig-Machen und der Fahrlässigkeit, einfacher und grober, so wie im übrigen Leben auch. Und wie im übrigen Leben ist es gar nicht so einfach, diese Grenzen genau zu bestimmen. Sogar ein bisschen schwieriger, weil die digitalen Angelegenheiten relativ neu sind und wir deshalb noch weniger als bei Autos oder Waschmaschinen darüber wissen, wie die „erforderliche Sorgfalt“ eigentlich aussehen müsste.

Argumente, die mit „Aber das weiß man doch“ anfangen, sind da ganz besonders ungeeignet. Erstens gibt es gar nichts, was alle wissen. (Fragen Sie ruhig im Bekanntenkreis rum, wenn Ihnen diese Aussage falsch vorkommt. Sie werden feststellen, dass kein digitales Äquivalent zu „Man soll nicht mit Stricknadeln in der Steckdose stochern“ allgemein bekannt ist.) Zweitens weiß man vielleicht im Prinzip, dass man keine Mail-Anhänge von unbekannten Absendern öffnen soll, ist aber manchmal in Eile und macht die falsche Handbewegung.

Das Konzept Fahrlässigkeit handelt nur zum Teil von dem, was eine einzelne Person tut oder unterlässt. Was angemessenes Verhalten ist, hängt immer auch davon ab, wie gut die Welt drumherum eingerichtet ist. Ich muss nicht damit rechnen, dass über Nacht mein Wohnhaus einstürzt und mir die Decke auf den Kopf fällt. Bauvorschriften und Statikfachleute sorgen für meinen ungestörten Schlaf. Deshalb ist es nicht prinzipiell abwegig, daran zu glauben, dass Speichermedien ein Leben lang halten. Man darf auch daran glauben, dass Unternehmen immer sorgsam mit unseren Daten umgehen. In einer besseren Welt wäre beides so, und niemand soll für den Glauben an eine bessere Welt beschimpft werden.

Aber die Welt wird natürlich nicht von alleine so. Zuerst müssen langweilige Institutionen und Regelwerke ins Leben gerufen werden, die dafür sorgen, dass Häuser stehen bleiben und man im Straßenverkehr nicht öfter überfahren wird als unbedingt nötig. Es ist sympathisch, sich die Welt so vorzustellen, wie sie sein sollte, anstatt so, wie sie ist. Aber wenn man über dieses Wunschdenken hinaus nichts dazu beiträgt, die Welt zu so einem Ort zu machen, ist das ein bisschen wenig.

Klar kann man schon aus Zeitgründen nicht an allen Stellen mithelfen. Vielleicht kann man sogar aus Zeit- oder anderen Gründen an keiner einzigen Stelle mithelfen. Aber man kann die Erwartung anderer Menschen, dass ihre Daten ordentlich aufbewahrt und nicht missbraucht werden, unbedingt unterstützen im gleichzeitigen Wissen, dass die Realität noch nicht so weit ist. Das ist sogar weniger Arbeit, als die anderen für ihre Naivität zu kritisieren.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © downloads.normanposselt.com/copyright.pdf

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