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Update: Schreibzeug

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Von: Kathrin Passig

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Schreiben früher.
Schreiben früher. © PantherMedia / sibrikov

Im Schiller-Nationalmuseum in Marbach am Neckar gab es 1987 eine Ausstellung über „Literatur im Industriezeitalter“. Hauptsächlich ging es darin um das 19. Jahrhundert, aber im Rahmen der Vorbereitung wurden auch drei Fragen an Gegenwartsautorinnen und -autoren verschickt, die vom Gebrauch des Computers als Schreibwerkzeug handelten. Die Kolumne „Update“.

Die erste Frage handelte davon, ob die Befragten die Meinung Nietzsches teilten „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken“, und zwar „besonders auch angesichts der seit dieser Zeit verbesserten oder neu hinzugekommenen technischen Hilfsmittel wie elektrische Schreibmaschine, Diktiergeräte etc.“ Die zweite Frage war: „Verwenden Sie bei Ihrer Arbeit schon einen Personal Computer?“, wenn ja, warum, wenn nein, warum nicht. Und drittens: „Verändert (stimuliert) die Arbeit mit dem Personal Computer den Schreibprozeß?“ Etwa die Hälfte der Angeschriebenen antwortete. Ihre Auskünfte wurden unter dem Titel „Dienstbarer Geist oder Zauberbesen“ im Ausstellungskatalog veröffentlicht.

Natürlich ist viel Lustiges dabei, zum Beispiel die Entschlossenheit, mit der der damals 69-jährige Lothar-Günther Buchheim, Autor von „Das Boot“, die Nietzsche-Aussage als „selbstredend der schiere Unsinn“ bezeichnet: „Ich schreibe nur mit Stiften. Meine Frau dechiffriert meine Texte.“ Die Frage, ob die tippenden Ehefrauen mit an den Gedanken arbeiteten, wurde Autoren damals vielleicht insgesamt zu selten gestellt. Aber es ist nicht so, als wäre nach dem Einfluss von Computern auf die schriftstellerische Arbeit wesentlich öfter gefragt worden als nach dem der Ehefrauen.

Dabei ist alles, was die Befragten sagen, aus heutiger Perspektive so interessant. Das liegt nicht an erhellenden Einsichten über Schreibtechniken, denn darüber haben die Autorinnen und Autoren nicht viel mehr zu sagen als Igel über das Herbstlaub. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki antwortet auf die Nietzsche-Frage: „Ich weiß es nicht. Denn alle meine Artikel und Bücher habe ich mit der Schreibmaschine verfertigt. Und warum sollte ich mir darüber Gedanken machen, wie alle diese Artikel im Laufe der Jahrzehnte ohne Schreibmaschine geraten wären?“ Die Antworten dokumentieren vor allem, wie langsam sich Umwälzungen des Schreibens vollziehen und wie unsichtbar das Geschehen auch für die hauptberuflich Schreibenden ist. In einer besseren Welt wäre die Umfrage vor und nach 1987 mindestens alle fünf Jahre wiederholt worden.

Stattdessen war sie ein einmaliges Zufallsprodukt, und ich ahne auch, warum das so ist: Man kommt sich ziemlich blöd vor, wenn man von den eigenen Gegenwarts-Schreibtechniken berichtet. Sie sind so langweilig! Es ist, als müsste man der Öffentlichkeit ausführlich darlegen, wie man sich die Nägel schneidet oder die Ohren reinigt. Da es um Techniken geht, die heute langweilig wirken und erst in 20 Jahren interessant werden. Das heißt, ich habe Übung darin, die allerödesten Berichte über den Umgang mit Notizen-Apps oder das Verwenden von Sonderzeichen zu veröffentlichen. Trotzdem fällt es mir genauso schwer wie den Befragten von 1987, die Gegenwart als eine beschreibenswerte wahrzunehmen, während sie stattfindet: Das Herbstlaub ist halt vorhanden, wir schieben es auf einen Haufen und dann legen wir uns hinein.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © privat

Zur Dokumentation gehört auch die Dokumentation dessen, was noch fehlt. Der Lyriker Peter Rühmkorf beschreibt eine Lücke: „Was mir wirklich nützlich schiene wäre dagegen Anschluß an BTX-System: direktes Kabel zur Stabi, und dann digital die Kataloge gewälzt und die gewünschten Bücher im Geschwindflug gemustert, wobei ich mir längere Zitate / Exzerpte postwendend aus dem Copykasten erhoffe.“ Ich hätte auch gern ein direktes Kabel irgendwohin gehabt, um den Ausstellungskatalog mit den Umfrageantworten im Geschwindflug zu mustern. 35 Jahre nach Rühmkorfs Wunsch geht das im Prinzip manchmal schon ganz gut, wenn auch nicht mehr mit BTX und nicht immer auf legale Weise. Die Marbacher Umfrage aber weigerte sich so hartnäckig, im Internet aufzutauchen, dass ich schließlich den Ausstellungskatalog auf Papier antiquarisch erwerben musste.

Ich habe die Antworten digitalisiert beziehungsweise zum zweiten Mal digital werden lassen, denn ziemlich sicher waren sie es 1987 schon mal. Schreiben Sie mir, wenn sie gern einen Blick hineinwerfen möchten. Das geht zwar nicht ganz so postwendend, wie Rühmkorf es sich gewünscht hat, aber schneller als der Versand von Papier. Dann können Sie die vielen schönen Stellen nachlesen, die ich hier aus Platzgründen für mich behalten musste. Oder Sie warten halt noch mal 35 Jahre. Bis dahin wird vielleicht auch das direkte Kabel zum Text verlegt.

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