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Update: Rückwärts-Logik

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Von: Kathrin Passig

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Ich will aber mit Besuch Tee trinken. Das ist nicht verhandelbar.
Ich will aber mit Besuch Tee trinken. Das ist nicht verhandelbar. © Getty Images

Ein Hinweis vorab: Es wird gleich um Corona gehen und darum, dass ich sehr schlau bin und andere nicht. Die Kolumne „Update“.

Lassen Sie sich davon bitte nicht abschrecken, schon im nächsten Absatz ist beides vorbei. In den ersten zwei Pandemiejahren habe ich immer wieder dasselbe Gespräch mit meiner Mutter und ihren Freundinnen geführt. Am Ende musste ich immer erklären, dass wegen der Aerosole bloßes Abstandhalten wenig bringt (als ob jemals irgendwer irgendwelche Abstände eingehalten hätte).

Die Gesprächspartnerinnen wehrten dieses Argument mit „dann dürfte man ja gar nichts mehr!“ ab. Danach wechselten wir das Thema. Der Gedankengang dahinter sieht ungefähr folgendermaßen aus: Ich will mich mit meinen Freundinnen drinnen treffen, und dann wollen wir auch Kaffee trinken und Kuchen essen. Dabei kann man keine Maske tragen. Dass ich das tun will, ist unverhandelbar, deshalb kann es nicht sein, dass man in geschlossenen Räumen eine Maske tragen muss, und deshalb ist wahrscheinlich das ganze Getue um die Pandemie übertrieben.

Am Ende der Überlegungen muss herauskommen, dass das, was man unbedingt machen will, schon okay ist. Alle anderen Argumente werden von diesem Endpunkt aus konstruiert. Gelegentlich beschwerte ich mich bei anderen über diese Rückwärts-Argumentation. Bis zu dem Tag, an dem es in der Redaktion des Techniktagebuch-Blogs um chinesische Konferenzsoftware ging. Jemand wollte auf einer von China aus organisierten digitalen Tagung einen Vortrag halten. Wie bei Tagungen üblich legen die Veranstaltenden fest, welche Software dafür zu benutzen ist, und das war in diesem Fall nicht Zoom, Microsoft Teams oder Webex, sondern eben etwas Chinesisches. Der Arbeitgeber des Jemands verbot aber die Benutzung der chinesischen Software im Firmennetzwerk, das sei zu riskant. Man solle für solche schmutzigen Angelegenheiten einen öffentlichen Internetzugang nutzen. Jetzt ist es schon schwer genug, in Deutschland überhaupt einen öffentlichen Internetzugang zu finden. In diesem Fall hätte man zusätzlich einen Ort gebraucht, der zur chinesischen Vortragszeit in den frühen Morgenstunden geöffnet hat und dessen Anbindung schnell genug für einen störungsfreien Vortrag ist. Schön still sollte es außerdem sein – unerfüllbare Anforderungen also.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © privat

Ich hatte keinen technischen Lösungsvorschlag beizutragen und sagte: „Ich weiß halt auch nicht, wie sinnvoll es ist, China zu misstrauen und anderen Ländern, insbesondere den USA, nicht. Und wenn man mal damit anfängt, den USA zu misstrauen, wird es gleich sehr schwierig“, Achtung, jetzt kommt mein sehr gutes Argument: „Dann könnte man ja gar nichts mehr machen!“ Fast alle Software und Hardware, die ich verwende, kommt entweder aus den USA oder aus China, und ich möchte das alles gern weiter verwenden. Das sollte eigentlich das Ende einer Argumentationskette sein, ist aber genau wie bei den maskenverweigernden Seniorinnen ihr Anfang. Deshalb kann es nicht so schlimm sein, dass die Regierungen und Unternehmen dieser und anderer Länder seit Jahrzehnten umfassende Internetüberwachung betreiben, Spionagesoftware einsetzen und Datenschutzregelungen ignorieren. Früher konnte ich noch behaupten, das sei vielleicht alles nur ausgedacht von Leuten, die sich auch von der Mikrowelle in der Nachbarwohnung abgehört fühlen. Aber spätestens seit Edward Snowdens Enthüllungen vor fast zehn Jahren ist das keine Option mehr.

Weil das Kuchenessen in Innenräumen für mein Sozialleben keine große Rolle spielt, kann ich anderen Leuten leicht sagen, dass sie aus Pandemiegründen darauf verzichten sollen. Mein Sozialleben spielt sich im Internet ab, und dort möchte ich sehr dringend alles nutzen, was es gibt. Es ist ja auch nicht so, als existierten unbedenkliche Alternativen. Ich würde an dieser Stelle gern den nützlichen Ratschlag geben, dass man nur Open Schnick statt Amazon Schnack benutzen muss, und schon ist alles nicht mehr so schlimm. Aber die Snowden-Enthüllungen sind folgenlos geblieben. Was der eigene Staat nicht abgreift, sammelt ein anderer ein.

Das muss nicht so bleiben. Es ist schon gelegentlich vorgekommen, dass Gesetze eingeführt und manchmal sogar wirksam durchgesetzt wurden, die die Bürgerrechte schützen. Aber im Moment ist noch keine Veränderung in Sicht. Nur ich reagiere jetzt etwas geduldiger, wenn andere Leute ihre Argumentation rückwärts vom gewünschten Ergebnis her konstruieren.

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