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Update: Reden mit Geräten

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Von: Kathrin Passig

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Und schon wieder nutzt jemand die Fahrt im ÖPNV zum Telefonieren.
Und schon wieder nutzt jemand die Fahrt im ÖPNV zum Telefonieren. © PantherMedia / Monkeybusiness Images

Ich schreibe diese Kolumne in einem Großraumabteil der Bahn, aber das ist Zufall. Ich schwöre, das Thema stand vorher schon fest! Es geht um Menschen, die in der Bahn telefonieren. Die Kolumne „Update“.

Persönlich habe ich nie so ganz verstanden, was daran das Problem sein soll. Damit will ich nicht sagen, dass sich alle, die sich über das Telefonieren im Zug aufregen, einfach nicht so anstellen sollen. Ich profitiere von meiner sehr geringen Ablenkbarkeit durch Umgebungsgeräusche. Sie wird mehr als ausgeglichen von meiner extrem großen Ablenkbarkeit durch Dinge, die in meinem Kopf oder im Internet passieren. Aber bei vielen Menschen löst das öffentliche Hineinsprechen in ein Gerät größeren Ärger aus als das Reden mit Anwesenden. Warum ist das so? Körperlich Anwesende führen ja auch Gespräche, und nicht immer leise oder über interessante Themen. Trotzdem verlangt nur selten jemand ein generelles Redeverbot in der Bahn.

Bis vor ein paar Jahren hätte ich gesagt: „Das liegt bestimmt nur daran, dass das Reden mit einem Gerät neu ist.“ Aber das kann mittlerweile kaum noch die Erklärung für den Ärger sein. Seit dreißig Jahren wird in der Bahn telefoniert. Ich konnte also für diese Kolumne nicht die These „Das Neue ist oft unbeliebt“ noch einmal auswringen, sondern musste in die Forschungsliteratur sehen.

In den 1990er Jahren galten Menschen, die öffentlich ein Mobiltelefon benutzten, als schwer erträgliche Angeber. Allen anderen gelang es ja auch, ihre Telefonate zu Hause oder im Büro zu führen, es konnte also keine Notwendigkeit für ein so bizarres Verhalten geben. Das spiegelt sich in der frühen Forschung, in der unter anderem der Begriff des „elektronischen Exhibitionisten“ geprägt wurde. Als sich herausstellte, dass doch nicht nur Businesskasper es nützlich fanden, unterwegs zu telefonieren, verloren solche Erklärungen an Beliebtheit.

Eine der am meisten zitierten Studien erschien 2004 und beschreibt den „need-to-listen effect“: Gerade wenn man nur eine Seite eines Gesprächs mitbekommt, ist es besonders schwer, wegzuhören. Das Forschungsteam von „Why are mobile phones annoying?“ ließ in Zügen und an Bushaltestellen drei verschiedene Arten von Gesprächen aufführen: Erstens ein normales Handygespräch, zweitens ein Gespräch zwischen zwei Personen, von denen eine unhörbar leise spricht, und drittens ein ganz normales Gespräch. Nach jedem Gespräch wurden Umstehende befragt, wie unhöflich sie das Geschehen fanden. Sie stuften das Handygespräch als unhöflicher ein als das Gespräch zwischen zwei Personen, aber nicht so unhöflich wie das Gespräch zwischen Anwesenden, bei dem eine Seite unverständlich leise redet. Diese Studie wurde 2014 noch einmal wiederholt, das Ergebnis blieb dasselbe. In der neueren Version taucht die interessante Deutung auf, dass das Handygespräch vielleicht als weniger unhöflich empfunden wurde als das nur zur Hälfte hörbare Gespräch, gerade weil man bei einem Handygespräch nicht die Erwartung hat, beide Seiten hören zu können.

In einem zweiten Teil der neueren Studie wurde die Frage untersucht, ob am Handy wirklich lauter geredet wird als mit Anwesenden – ein oft vorgebrachtes Argument gegen das Telefonieren in der Bahn. Ergebnis der Studie ist, dass das einerseits stimmt. Am Telefon redeten die Versuchspersonen etwas lauter. Andererseits war der Unterschied so gering, dass er den größeren Ärger des Publikums kaum erklären kann.

Eine der interessantesten Studien stammt aus dem Jahr 2013 und handelt von der Frage, ob es am Lebensalter liegt: Äußern sich ältere Leute, die einen Großteil ihres Lebens ohne Mobiltelefon verbracht haben, grimmiger über das öffentliche Telefonieren? Die Antwort war schon damals: Nein. Es gab keine altersabhängigen Unterschiede der Meinungen, in welchen Situationen das Telefonieren höflich oder unhöflich ist.

Nach 2014 habe ich keine Forschung zu dem Thema mehr gefunden. Vielleicht war meine Bahnfahrt nicht lang genug. Vielleicht drängt sich die Frage „Wie sehr nerven Handytelefonate?“ aber auch nicht mehr so stark auf wie in den Nullerjahren. Möglicherweise ist auch mein Eindruck falsch, dass über das Telefonieren in der Bahn immer noch viel geklagt wird. In den ersten fünfzehn Jahren des Bahntelefonierens gab es ja noch keine sozialen Netzwerke. Wenn es sie schon gegeben hätte (und dazu Internet unterwegs), wären sie übergelaufen vom Protest gegen Klingeltöne und Handygebrauch in der Bahn. Die jetzigen zwei, drei Beschwerden pro Tag sind im Vergleich: gar nichts.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © privat

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