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Von: Kathrin Passig

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Das Ergebnis lässt sich mit „Haha, nein“ zusammenfassen.
Das Ergebnis lässt sich mit „Haha, nein“ zusammenfassen. © iStockphoto

Links zu Zeitungsartikeln funktionieren nur kurze Zeit, digitale Inhalte gehen verloren. Warum gibt es kein Archiv?

Das Techniktagebuch ist ein Gemeinschaftsblog, an dem ich beteiligt bin. Es existiert seit 2014 und hat den Untertitel „Ja, jetzt ist das langweilig. Aber in zwanzig Jahren!“ Damit die Beiträge über langweilige Alltagstechnik zwanzig Jahre später von irgendwem interessant gefunden werden können, müssen sie erst mal so lange existieren. Dafür hatten wir von Anfang an Pläne, vielleicht nicht die allerbesten Pläne, aber immerhin überhaupt welche.

Was wir nicht bedachten: Die Blogbeiträge enthalten Links nach außen, und es wäre fürs Verständnis hilfreich, wenn man diesen Links auch später noch folgen könnte. Anfang 2022 habe ich zum ersten Mal alle Links aus dem Blog extrahiert, um nachzusehen, ob sie noch irgendwo hinführen. Das Ergebnis lässt sich mit „Haha, nein“ zusammenfassen, und dabei sind erst acht von den zwanzig Jahren um.

Das ist kein ganz neues Problem, es wird seit den 1990er Jahren beklagt und erforscht. Es ist auch kein Spezialproblem des Techniktagebuchs. Jonathan Zittrain, John Bowers und Clare Stanton haben 2021 eine Untersuchung der zwei Millionen Links veröffentlicht, die seit 1996 in Artikeln auf der Website der „New York Times“ verwendet worden sind. Im Schnitt waren 25 Prozent der Links defekt, bei älteren Artikeln fast drei Viertel.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © Norman Posselt

Das Techniktagebuch enthält zum Glück noch keine zwei Millionen Links, sondern nur etwa dreitausend (nach Abzug aller Verweise auf die dauerhaft verlässliche Wikipedia). Ich bin seit einigen Wochen damit beschäftigt, sie durchzugehen und defekte Links zu ersetzen. Leider habe ich das nicht von Anfang an als Forschungsprojekt begriffen und keine Statistik geführt. Deshalb kann ich hier nur sagen: Zumindest gefühlt sind Links zu Zeitungsartikeln das größte Problem.

Manchmal ist der Artikel noch am selben Ort, aber inzwischen nur noch mit Abo zugänglich. Manchmal ist der Artikel unter eine neue Adresse umgezogen, lässt sich aber mit der Suchfunktion im Online-Archiv noch finden. Vieles ist nicht mal mehr über das Archiv auffindbar. Mit etwas Glück hat das Internet Archive – eine spendenfinanzierte Initiative in den USA – noch eine Kopie des in der deutschen Zeitung erschienenen Artikels. Und manchmal nicht einmal das.

Die direkten Ursachen liegen auf der Hand. Zeitungen müssen alle paar Jahre ihr Content-Management-System oder das Design der Website auf einen aktuellen Stand bringen lassen. Aber eigentlich könnte man dafür sorgen, dass Links danach weiterhin funktionieren. Technisch ist das relativ einfach, und manchen Zeitungen, zum Beispiel dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“, gelingt es auch. Beim „Spiegel“ führen fast alle Links noch Jahrzehnte später zum richtigen Artikel, auch wenn der inzwischen unter einer neuen Adresse wohnt. Klar, der „Spiegel“ hat Geld, aber daran liegt es nicht – oder jedenfalls nicht nur. Reichere Zeitungen scheinen es nicht besser hinzukriegen als ärmere. Es liegt auch nicht am Unterschied zwischen freiwillig digitalen Medien und solchen, die sich nur mühsam auf die neuen Internetgegebenheiten umstellen. Die Journalismusforscherinnen Sharon Ringel und Angela Woodall beobachten in einer 2019 veröffentlichten Studie über die mangelnde digitale Nachrichtenarchivierung: „In rein digitalen Nachrichtenorganisationen gab es noch weniger Bewusstsein für die Wichtigkeit des Archivierens als in Printmedien.“

Vielleicht stimmt meine gefühlte Statistik nicht, und die Links zu Zeitungsartikeln sind nur genauso oft defekt wie die Links zu allen anderen Veröffentlichungen im Internet. Aber schon das wäre beklagens- und bemerkenswert. Dass digitale Inhalte insgesamt kaum archiviert werden, liegt ja nicht daran, dass sie digital sind, sondern daran, dass es an Archivierungsstrukturen, an Aufmerksamkeit, an der rechtlichen Grundlage und an Geld fehlt. Und gerade Zeitungen hätten hier doch eigentlich einen Vorsprung gehabt. Oder?

Vielleicht auch nicht. Ringel und Woodall nennen in ihrer Studie einen zeitungsspezifischen Nachteil: „Wenn wir die Interviewten fragten, warum Nachrichtenorganisationen ihrer Meinung nach ihre Inhalte nicht archivierten, bekamen wir mehrfach zur Antwort, dass der Schwerpunkt der journalistischen Arbeit auf dem liegt, ‚was neu ist‘ und ‚was jetzt gerade passiert‘.“ Dass Zeitungen sich für das Archivieren der Artikel von gestern nicht besonders zuständig fühlen, war schon vor dem Internet so. Diese Aufgabe übernahmen Bibliotheken und Archive.

Es ist insgesamt alles ziemlich trostlos, und ich werde noch ein paar Wochen damit zubringen, die defekten Links im Techniktagebuch zu reparieren. Aber manchmal funktioniert auch was, vielleicht sogar ein Link zu einem Zeitungsartikel. Darüber freue ich mich dann umso mehr.

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