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Mastodon, später

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Von: Kathrin Passig

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Besser, wenn sich der Mensch zum Affen macht?
Besser, wenn sich der Mensch zum Affen macht? © Getty Images

Was gehen uns Twitter und Elon Musk an? Nicht mein Zirkus, nicht meine Affen? Ganz so einfach ist es nicht.

Diese Kolumne handelt nicht von Twitter, Elon Musk und Mastodon. Dabei müsste sie das eigentlich, weil das Geschehen nach der Übernahme von Twitter durch Elon Musk so interessant ist, dass ich versucht bin, gar nicht mehr zu arbeiten und ganztags nur dabei zuzusehen. Ian Dunt, ein britischer Journalist, der den Brexit ausführlich und sarkastisch bei Twitter begleitet hat, schrieb vor ein paar Tagen:

„Mit Musk & Twitter geht es mir langsam wie damals mit Brexit & Großbritannien: Ist alles faszinierend, aber es wäre mir lieber, wenn es nicht ausgerechnet auf der Social-Media-Plattform passieren würde, die ich nutze.“

Mir wäre das auch lieber. Aber wie beim Brexit braucht man die persönliche Betroffenheit, um das nötige Interesse aufzubringen. Sonst denkt man ja doch nur „nicht mein Zirkus, nicht meine Affen“, guckt weg und verpasst alles.

So machen es wahrscheinlich 90 Prozent der Leserinnen und Leser dieses Magazins, weil sie Twitter nicht nutzen (grob geschätzt auf der Basis verschiedener Twitternutzungsstatistiken). Die Twitter-Alternative Mastodon existiert seit 2016 und ist in den vergangenen Tagen stark gewachsen. Bei dem dezentralen – also nicht von Leuten wie Musk aufkaufbaren – Mikrobloggingdienst sind, während ich diese Kolumne schreibe, etwa eine Million Menschen aktiv. Vor einer Woche waren es halb so viele. Wenn Sie die Kolumne am Wochenende lesen, können Sie unter www.joinmastodon.org/de/servers nachsehen und vergleichen. Die Zahl steht in der linken Spalte und wird wahrscheinlich auf die zweite Million zugehen. Auch wenn ein großer Teil davon aus Deutschland stammt, weil Mastodon seinen Ursprung in Deutschland hat, bedeutet das, dass 99 Prozent der Leserinnen und Leser des FR7-Magazins keinen persönlichen Bezug zu diesem neuen Zirkus und seinen Affen haben.

Günstig für mich, denn ich bin bei Mastodon zwar seit fünf Jahren angemeldet, hatte aber bis vergangene Woche nur halbherzig versucht, dort heimisch zu werden. Ich habe also sehr wenig Ahnung. Aber zum Kolumnenschreiben vor einem Publikum mit noch weniger Ahnung wird es schon reichen, dachte ich. Ich wollte auf meinen Text aus dem Vorjahr verweisen, „Katze der Zukunft“, der von der neuen Audio-Diskussionsplattform Clubhouse handelte. Damals schrieb ich: „Zu sagen, dass auf einer neuen Plattform der Umgangston so viel besser ist wie auf einer etablierten, ist ungefähr so, als schriebe man über eine junge Katze, sie sei klar das überlegene Modell, weil sie so viel süßer ist als eine erwachsene. In Zukunft werden alle nur noch junge Katzen haben wollen!“

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © Norman Posselt

Ich wollte erklären, dass auch Mastodon eine ausreichende Menge von Problemen mit sich bringt, und welche das voraussichtlich sein werden. Denn ich habe Meinungen dazu, und es sind trotz meiner fehlenden Mastodon-Erfahrung keine vollkommen unqualifizierten Meinungen. Bestimmte Probleme tauchen immer wieder auf, wenn im Internet ein neuer Ort entsteht. Am Ende wollte ich ankündigen, dass es bei Mastodon wenigstens auf eine interessantere und produktivere Art schwierig werden wird als bei den großen, zentral gesteuerten Plattformen. Einzelne Menschen, die eine Idee zu Regeln oder Moderationsverfahren haben, können selbst ausprobieren, ob es auf diese Art besser funktioniert. Man muss nicht immer nur machtlose Beschwerdetweets und Petitionen an das zuständige Unternehmen verfassen.

Aber so geht es leider nicht. Ich ärgere mich ja selbst, wenn ich Artikel lese, deren Autorinnen und Autoren irgendetwas Neues eine Woche lang ausprobiert haben. Ich ärgere mich, wenn sie es nach dieser Woche nutzlos finden, weil das Neue Zuneigung braucht und weil eine kritische Haltung zu oft mit reflexhaftem Dagegensein verwechselt wird. Ich ärgere mich auch über jede andere Einschätzung, weil man zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt keine Ahnung hat, wie das Internet, ein Mobiltelefon, ein Tablet oder eine Smartwatch das Leben verändern werden.

Natürlich hat man nach einer Woche des Ausprobierens viele Meinungen, und vielleicht sind manche davon sogar begründet oder jedenfalls begründbar. Und es ist auch verständlich, dass man diese Meinungen irgendjemandem mitteilen will.

Wenn ein Autor sein erstes Kind bekommt oder aufs Land zieht, lächelt der Rest der Welt und sagt: „Ob er da wohl ein Buch drüber schreiben wird?“ In dem Buch steht dann ungefähr dasselbe wie in allen anderen Büchern über erste Kinder oder den Umzug aufs Land. Aber man muss das Buch nicht schreiben. Man kann es auch einfach lassen! Deshalb handelt diese Kolumne nicht von Twitter, Elon Musk und Mastodon. Obwohl das ein schönes und aktuelles Thema gewesen wäre.

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