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Update: Instagram! Ach so!

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Von: Kathrin Passig

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Es ist nicht so, dass ich neuen Dingen im Internet grundsätzlich misstraue.
Es ist nicht so, dass ich neuen Dingen im Internet grundsätzlich misstraue. © Getty Images

Im Juli 2022 habe ich endlich Instagram verstanden, eine Plattform, die es zu diesem Zeitpunkt seit zwölf Jahren gab. Die Kolumne „Update“.

Ich werde eine Kolumne mit Erkenntnissen schreiben müssen“, rief ich in den nächstgelegenen Chat, „für die zwei anderen Leute, die es auch noch nicht wissen!“ Die anderen Menschen im Chat machten höfliche Lachgesichter, denn natürlich hatten sie diese zwölf Jahre damit zugebracht, Hunderttausende Bilder bei Instagram zu veröffentlichen und anzuschauen.

Es ist nicht so, dass ich neuen Dingen im Internet grundsätzlich misstraue. Ich interessiere mich nur überdurchschnittlich stark für Text, sehr wenig für Bilder und fast gar nicht für Musik. Ich habe von 2005 bis 2015 gebraucht, um den Nutzen von Youtube einzusehen. Näheres ist im FR7-Magazin vom 29./30. Juni 2019 nachzulesen. Für diejenigen, die seit 2019 schon mal das Altpapier rausgebracht haben: Damals ging es um Holzspaltetechniken und andere Dinge, die man beim Zuschauen besser versteht als beim Lesen.

Instagram hat ähnliche Vorteile, aber um das zu begreifen, musste ich dort erstmal alle Menschen entfolgen, die ich persönlich kenne. Ich war ihnen nach der Instagram-Anmeldung leichtfertig gefolgt, weil ich dachte, das macht man so. Dabei hätte ich es wissen müssen! Wer anderswo schöne lange Texte geschrieben hat, ist nicht unbedingt gut bei Twitter, wer interessante Tweets schreibt, macht nur manchmal auch was Sehenswertes bei Instagram, und wahrscheinlich sind die ganzen Instagramleute ungeschickt bei Tiktok. Aber das werde ich frühestens 2026 herausfinden.

Wegen dieser Weichenstellung war mein Instagram jahrelang mit Bildern von Sonnenuntergängen und Essen gefüllt, und ich schaute nie hinein. Fünf Minuten, nachdem ich alle Bekannten entfolgt hatte, füllte sich meine Timeline mit Bildern und Videos von CNC-Fräsen, Stickereitechniken und historischen Buchillustrationen, durchsetzt mit Werbung. Und diese Werbung war das eigentlich Bemerkenswerte, denn sie handelte von Dingen, die ich wirklich besitzen wollte.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © privat

Dabei wollte ich nie etwas besitzen. Wenn Kleidung nicht zerfallen würde und ich nicht größer und dicker geworden wäre, hätte ich heute noch die abgelegten Sachen meiner Cousins an. Meine Wohnung ist mit Sperrmüll eingerichtet, und damit meine ich nicht Vintage. Das Kaufen von Dingen war für mich immer Arbeit und kein Freizeitvergnügen. Aber vielleicht, so wurde mir im Moment der Instagram-Erleuchtung klar, bin ich gar kein umweltschonender, konsumkritischer und am Geist statt an der schnöden Materie interessierter Mensch. Vielleicht habe ich immer nur die falsche Werbung gezeigt bekommen.

Im Mai 2001 schrieb ich in einer Kolumne über das Nichtfunktionieren personalisierter Werbung: „Ich bin mit dem Internet noch nicht ganz zufrieden. Ich finde, man orientiert sich dort zu sehr an zweifelhaften Zielgruppen und zu wenig an mir. (...) Vor jedem dahergelaufenen Datensammler entblöße ich mich bis auf die Gräten, aber es hilft nichts. Seit Jahren bekomme ich um die 20 Werbemails täglich, und bis heute war nicht eine einzige darunter, die auch nur im Entferntesten ein mich interessierendes Produkt behandelt hätte.“ Werbung kam per Mail, und zwar nur 20 Stück täglich, so war das damals.

Danach dauerte es nur noch 15 Jahre, bis personalisierte Werbung wirklich zu funktionieren begann, und dann noch fünf, bis ich es auch merkte. Dass sie jetzt funktioniert, liegt zu einem Teil daran, dass mehr Firmen bereit sind, in diesem neumodischen Internet zu werben. Aber vor allem liegt es daran, dass Instagram zu Facebook gehört und Facebook dank intensiver Datensammlung genauer über mich Bescheid weiß als ich selbst. Vor 20 Jahren hätte ich das unproblematisch gefunden, denn das Internet war voll mit neuen Unternehmen, die Dinge wie „Don’t be evil“ in ihren Leitlinien stehen hatten und weniger verkommen wirkten als die vorhandenen Medienimperien. „Das bleibt nicht so!“, möchte ich meinem damaligen Kolumnistinnen-Ich zurufen, aber ich weiß schon, was es antworten würde: „Kann man nicht wissen, manchmal wird doch wirklich etwas besser, es ist schon vorgekommen.“ Und das stimmt ja auch. Nur war es in diesem Fall halt nicht so.

Der Wikipedia-Eintrag „Instagram“ listet eine lange Reihe negativer Folgen der Instagramnutzung auf. „Man möchte viel Zeug kaufen“ ist seltsamerweise nicht dabei. Wenn ich ein besser gekleideter Mensch mit Tapeten und Möbeln und so weiter werden wollte, wüsste ich jetzt zum ersten Mal in meinem Leben, wie das ginge. Aber falls ich es nicht werde, dann wird es diesmal wirklich wegen der Ressourcenschonung geschehen und nicht wie bisher aus Ahnungslosigkeit.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © privat

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