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Update: Geistesroboter

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Von: Kathrin Passig

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Jemand dreht den Griff einer Retro-Addiermaschine.
Jemand dreht den Griff einer Retro-Addiermaschine. © Getty Images/iStockphoto

Wenn Computer gut rechnen, galt das früher als Denkvermögen. Warum wird sowas heute nicht mehr geschätzt?

Zeitungsartikel über Computer aus den 1950er Jahren sind eine unterhaltsame Lektüre. Es stehen so viele lustige Wörter drin: „Geistesroboter“, „Denkapparaturen“ und „Elektronengehirne“ sind offenbar gerade dabei, den Menschen die Arbeit des Denkens abzunehmen. Dabei waren es Geräte, die aus heutiger Sicht fast nichts konnten und dafür ziemlich lange brauchten. Ich bin versucht zu sagen: „weniger als ein Taschenrechner“, aber ich habe schon lange keinen der Gratis-Taschenrechner mehr gesehen, an die ich dabei denke. Sie sind ausgestorben, und jetzt fehlt uns ein digitaler Vergleichsgegenstand mit überschaubaren Fähigkeiten, eine Art Rechen-Saarland.

Aus heutiger Sicht ist die Verbindung von „dieses Gerät beherrscht die vier Grundrechenarten“ und „ganz klar, es handelt sich um eine Denkmaschine!“ überraschend. Dahinter steckt nicht, dass die Menschen in der Vergangenheit ein bisschen blöder waren als heute. Das steckt ja eigentlich nie hinter irgendetwas. Aber Denken umfasste damals noch selbstverständlich das, was heute als „bloßes Rechnen“ bezeichnet wird. Das war nicht abwegig, schließlich ist „bloßes Rechnen“ harte Arbeit. Erst muss man es lernen, was nicht allen gelingt, und dann muss man sich dabei den ganzen Arbeitstag lang konzentrieren, nicht so wie beim Schreiben von Kolumnen oder beim Entwickeln von Software.

Es gab Menschen, die von Beruf „Computer“ waren, also ihre Zeit mit Auftragsrechenarbeiten zubrachten. Auf Deutsch hießen sie „Rechner“, wie in diesem Spiegel-Artikel von 1956: „Das neueste Wunderkind der Roboter-Sippe braucht nur Minuten, höchstens Stunden, um verwickelte mathematische Probleme zu lösen, die Hunderte von routinierten Rechnern wochen- oder monatelang beschäftigen würden.“ Und auch die, die menschliches Rechenpersonal hatten, verbrachten noch viel Zeit mit dem Selberrechnen: „Die dreißig Tonnen schwere, mit 18 000 Elektronen-Röhren ausgerüstete Rechenmaschine kann Gleichungen mit 150 Unbekannten in Bruchteilen von Sekunden lösen und in einer Stunde eine Million zehnstellige Zahlen miteinander multiplizieren. Arithmetische Probleme, mit denen ein Mathematikprofessor sein ganzes Leben lang zubringen würde, löst die Eniac in zwei Minuten.“ Vielleicht soll der Mathematikprofessor in diesem Spiegel-Zitat von 1955 nur als anschaulicher Vergleich dienen, ich kenne mich nicht aus mit Mathematikprofessoren von 1955. Aber vielleicht verbrachten manche wirklich ihr ganzes Leben damit, irgendwas auszurechnen. Rechnen hatte jedenfalls damals noch nicht den schlechten Ruf einer stupiden, mechanischen Tätigkeit, der heute vor allem dort beschworen wird, wo es darum geht, dass Computer eben nur rechnen können und nicht wirklich denken , so wie wir Menschen.

Was Computer können, wird kurze Zeit später abgewertet, das ist so ähnlich wie bei Männerberufen oder -sportarten, in die Frauen einwandern. Dieses Phänomen ist unter dem Namen „AI Effect“ bekannt: „Denken ist immer das, was Computer noch nicht können.“ Aber in den 1950er Jahren war Rechnen noch etwas, für das man intelligent sein musste, und wenn Computer etwas so Schweres konnten, schneller als Menschen noch dazu, dann standen sie sicher kurz davor, auch alle anderen Berufe zu kapern und die Weltherrschaft zu übernehmen. So liest es sich jedenfalls in vielen journalistischen Darstellungen.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © privat

In meiner Branche ist es üblich, aus jedem Experiment an Mäusen einen Artikel über Menschen zu machen und aus jedem neu entdeckten Planeten eine zweite Erde, weil das einfach die bessere Geschichte ist und sonst niemand etwas über die Maus oder den Planeten lesen wollen würde. Vielleicht sind wir also schuld an dem Gerede von Geistesrobotern und Denkapparaturen und an den vielen Tagungen über Künstliche Intelligenz, die die Menschheit seit den 1950er Jahren heimgesucht haben.

Bei den Texten von Fachleuten über die Frage, ob und wie Computer denken, ist das anders. Anders als die Artikel über die „neuesten Wunderkinder der Roboter-Sippe“ kann man sie auch heute noch lesen, ohne die ganze Zeit zu lachen. Es steht praktisch dasselbe drin wie in aktuellen Texten über Künstliche Intelligenz. Nur an den Stellen, an denen es um Schach oder Go oder automatische Übersetzung geht, heißt es in den alten Texten „in drei bis zehn Jahren“ und in den neuen „1997“ oder „2016“ oder „2017“.

Konrad Zuse, der Entwickler des ersten programmierbaren Computers, fand die journalistische Version der Geschichte aber offenbar nicht schlimm. In seiner Autobiografie schreibt er über die Frage, ob Maschinen denken und nicht nur rechnen können: „Ein heißes Eisen, denn es geht nun nicht mehr darum, Zahlenrechnungen leichter durchzuführen, sondern das gesamte Gebiet Rechnen erreicht eine höhere Stufe. Die Journalisten haben das nach dem Krieg instinktiv erfasst und das Schlagwort vom ‚Elektronengehirn‘ geprägt. Damals freilich stand ich mit diesen Gedanken allein.“

Das änderte sich kurze Zeit später, und in den seitdem vergangenen siebzig Jahren haben wir alle viel Zeit damit zugebracht, über Geistesroboter und Denkapparaturen zu diskutieren. Aber das ist schon okay. Dafür müssen wir nicht mehr so viel rechnen.

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