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Update: Faktenunwissen

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Von: Kathrin Passig

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In manchen Berufen sollte man sich für alles interessieren.
In manchen Berufen sollte man sich für alles interessieren. © Imago

Rowohlt hat von 1971 bis 2014 Bücher übersetzt, und in den meisten dieser 43 Jahre bedeutete dies, sich nicht nur „für jeden Scheiß zu interessieren“, sondern sich diesen ganzen Scheiß auch vorsorglich zu merken. Die Kolumne „Update“.

Ja, das ist eben das Schöne am Übersetzerberuf: Übersetzer und ‚ne gewisse Art von Journalisten sind die einzigen Berufsbilder, bei denen man sich praktisch für jeden Scheiß interessieren muss. Weil’s irgendwann mal bestimmt vorkommt.“ Das sagt der Übersetzer Harry Rowohlt in „In Schlucken-zwei-Spechte: Harry Rowohlt erzählt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege“.

Rowohlt hat von 1971 bis 2014 Bücher übersetzt, und in den meisten dieser 43 Jahre bedeutete „sich für jeden Scheiß interessieren“, dass man sich diesen ganzen Scheiß auch vorsorglich merken musste. Weil man nämlich nicht einfach im Internet nachgucken konnte, wenn man ihn eines Tages brauchte.

Mindestens musste man mit dem Übersetzen genug Geld verdienen, um eine große Menge Nachschlagewerke in Reichweite des Schreibtischs zu haben. Denn das Übersetzen ist schon schlecht bezahlt genug, da kann man nicht auch noch jedesmal in den Bus steigen und zur nächsten Bibliothek fahren, um herauszufinden, ob mit „the pillar“ ein Briefkasten in Dublin gemeint ist oder die Admiral-Nelson-Säule.

Ab den 1980er Jahren wurde der Beruf dann einfacher. Zuerst konnte man Übersetzungsfragen auf Mailinglisten stellen und hoffen, dass jemand die Antwort wusste, dann gab es schlechte Suchmaschinen, dann brauchbare. Mittlerweile beginnt sogar die Volltextsuche in ganzen Bibliotheken ansatzweise zu funktionieren. Es schadet sicher nicht, sich „für jeden Scheiß“ zu interessieren, aber dringend notwendig ist es nicht mehr. Die Herausforderung besteht jetzt nur noch darin, zu erkennen, dass eine Textstelle überhaupt Recherche erfordert, zum Beispiel, weil es sich um ein Zitat oder eine Anspielung handelt. Das eigentliche Suchen und Finden ist dann meist schnell erledigt.

Aus demselben Grund gibt es Quizspiele jetzt in zwei Geschmacksrichtungen: In der herkömmlichen Pub-Quiz-Variante ist jede Handynutzung verboten. Das funktioniert nur mittelgut, weil es zu ständigem Misstrauen der teilnehmenden Teams untereinander führt: Googeln die anderen da gerade heimlich unter dem Tisch? Gehen sie nicht verdächtig oft aufs Klo und nehmen das Handy mit? Das war schon Thema, lange bevor es Smartphones gab. Diese Art der Mogelei und des Misstrauens hat mit dem Tastenhandy und der SMS begonnen.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © privat

In der zweiten Quiz-Variante wird überhaupt nicht mehr danach gefragt, ob der Amazonas länger ist als der Nil oder in welchem Jahr Queen Elizabeth gekrönt wurde. Die Fragen sind absichtlich so ausgelegt, dass sie sich nicht durch einen Blick in die Wikipedia beantworten lassen. Bei dieser Sorte Quiz geht es um die Fähigkeit, Muster zu erkennen und Assoziationen herzustellen. Und um professionelles Suchen, denn einfaches Google-Betätigen ist hier nie der Weg zur Antwort.

In einem BBC-Bericht aus dem Jahr 2010, der diese Quiz-Variante diskutiert, heißt es: „Das klingt zwar nach einer faszinierenden Idee, aber für die meisten ist es wohl eher harte Arbeit als ein lustiger Abend.“ Nur gilt das auch für alle anderen Arten von Wettkampf: Die Grenze zwischen Arbeit und Vergnügen ist unklar, und eine zu einfach gewählte Aufgabe macht den Abend auch nicht lustiger.

Meine Theorie zur Zukunft des Wissens war lange Zeit, dass wir erstens keine Fakten mehr zu wissen brauchen, weil wir sie ohne Aufwand finden können, und dass wir zweitens zum Finden immer weniger wissen müssen, weil die Suchmaschinen besser werden. Aber der zweite Teil dieser Zukunft ist so nicht eingetreten. Es gibt von Jahr zu Jahr mehr Suchorte und -techniken, und eine Suchmaschine, die sie alle abdeckt, ist nirgends in Sicht. (Relativ gesehen scheint mir der von Google erfasste Teil der Internetinhalte sogar zu schrumpfen. Aber das ist nur provisorisch dahinbehauptet, mit der Recherche warte ich auf bessere Suchmaschinen.) Spätestens bei einem Handy-erlaubt-Quiz wird auch unübersehbar, dass die Findefähigkeiten immer noch sehr ungleich verteilt sind. Der Unterschied zwischen Leuten, die im Internet suchen können, und denen, die es nur schlecht oder langsam können, hat sich nicht eingeebnet.

Je älter man wird, desto mehr Gelegenheit hat man, mit Behauptungen über die Zukunft unrecht gehabt zu haben. Mittlerweile bin ich schon ganz zufrieden, wenn ich in einer Angelegenheit wenigstens nur halb falsch liege. Und die erste Hälfte meiner These ist nicht so schlecht gealtert: Faktenwissen hat außerhalb traditioneller Quiz-Spiele seinen Wert weitgehend verloren. Es sei denn, man ist Politikerin und sitzt in einer Talkshow. Dann muss man die Corona-Zahlen des dritten Quartals 2021 in Mecklenburg-Vorpommern auswendig wissen, und alles andere auch.

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