1. Startseite
  2. Kultur

Update: Drücken Sie die 9

Erstellt:

Von: Kathrin Passig

Kommentare

Hallo?
Hallo? © kallejipp / Photocase

Dani Donovan ist im Internet – jedenfalls in meinem, wir bewohnen ja alle unser eigenes – als Zeichnerin von ADHS-Erklär-Comics bekannt. Die Kolumne „Update“.

Falls Sie ein anderes Internet bewohnen und weder ADHS noch Verwandte oder Bekannte mit dieser Diagnose haben: Es ist die Sache mit der Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität, wobei Hyperaktivität optional ist. Vor ein paar Tagen veröffentlichte Donovan bei Twitter den Satz „Rufen Sie an, um einen Termin zu vereinbaren“, gefolgt von einem in der Ferne verhallenden „NEEEEEIN“. Diese nicht mal besonders witzige Aussage hat, während ich diese Kolumne schreibe, knapp 300 000 Likes. Eins davon ist von mir. Ich setze mein Herzchen unter alle Berichte anderer Menschen, die davon handeln, dass sie ungern telefonieren, egal ob lustig oder nicht. So fühle ich mich weniger allein mit meiner Telefonierabneigung. Außerhalb des Internets stößt man damit eher auf Unverständnis. Zu sagen, dass man nicht jetzt sofort irgendwo anrufen möchte, um einen Termin zu vereinbaren (und eigentlich auch nicht später, sondern am besten nie), muss in den Ohren normal telefonierbereiter Menschen ungefähr so klingen wie „Leider bin ich nicht in der Lage, eine Kühlschranktür zu öffnen“.

Mit ADHS hat das nur teilweise zu tun. Also, natürlich kann man nicht anrufen, weil einem der Terminvereinbarungsplan abwechselnd um 18:01 und um drei Uhr morgens einfällt. Wenn man zu einer normalen Tageszeit daran denkt, ist immer gerade Dienstagnachmittag oder Donnerstagvormittag oder eine der vielen anderen Gelegenheiten, den Satz zu hören: „Sie rufen außerhalb unserer Geschäftszeiten an.“ Man müsste sich einen Zettel schreiben oder sich vom Handy erinnern lassen, aber ach, man müsste so vieles, speziell wenn man ADHS hat. Der Plan wird auf morgen verschoben, wobei morgen „nicht vor 2025“ bedeutet. Hier enden meines Wissens die ADHS-spezifischen Anrufprobleme.

Der Rest ist für Menschen mit intakter Aufmerksamkeitsspanne genauso: Man greift zum Telefon, versucht einen Termin zu vereinbaren, erreicht niemanden und wird eine Viertelstunde später zurückgerufen. Jetzt ist man aber in einem Arbeitsmeeting, im Zug oder im Keller und kann den Rückruf nicht entgegennehmen. Oder man arbeitet sich durch ein mehrstufiges „Haben Sie Fragen zu Ihrem Vertrag? Bitte drücken Sie die 9“-Menü und gerät an dessen Ende in eine Warteschleife: „Didelüpp! Alle unsere Plätze sind gerade besetzt. Sie befinden sich auf Wartelistenplatz 79. Bitte legen Sie nicht auf.“ Und so weiter, ich kann aus dem Stand viele Argumente aufzählen, warum Telefonieren objektiv unpraktisch ist. Dabei geht es oft kein bisschen schneller, im Internet einen Termin zu vereinbaren, ein Hotelzimmer zu reservieren oder ein Ticket zu buchen. Aber wenn es darum geht, etwas online zu erledigen, bin ich bereit, mich durch komplexe Schikanen hindurchzubeißen. Warum vergesse ich die Internet-Nachteile gleich wieder und finde die des Telefons so unübersehbar?

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © privat

Es liegt nicht nur daran, dass das Internet relativ zum Telefon neu und glitzernd ist. Ich erinnere mich noch an die Zeit davor, und ich habe nie gern telefoniert. Früher war das nur als Gesprächsthema noch unbrauchbarer als heute. Was hätten wir denn sagen sollen? „Ich mag nicht telefonieren, ich mache stattdessen lieber … äh … nichts“? Außerdem gab es keine sozialen Netzwerke, in denen wir uns mit anderen Telefonierunwilligen verbünden konnten.

Wenn ich hundert Jahre älter wäre und die Einführung des Telefons miterlebt hätte, würde diese Kolumne wohl davon handeln, wie praktisch und einfach es ist, überall anzurufen, anstatt persönlich zu erscheinen. Dass ich heute ungern telefoniere, liegt also nicht ausschließlich an mir oder an Eigenschaften des Telefons.

Vielleicht gefällt mir das Internet besser, weil es für mich Technik ist und das Telefonieren nicht. Wenn ich mit einer Website oder App etwas erledige, fühle ich mich danach kompetent, so ähnlich, als hätte ich einen 3D-Drucker benutzt. Zum Teil ist das eine Illusion. Aber manchmal stimmt es wirklich, ich verwende dasselbe Ding noch öfter und bei den nächsten Malen kenne ich dann seine Schrullen und kann mit ihnen umgehen. Nach einem Telefongespräch habe ich nie das Gefühl, etwas Wiederverwendbares gelernt zu haben. Beim nächsten Anruf wird eine andere Person am Telefon sein, und meine Erkenntnisse aus vorangegangenen Gesprächen nützen mir gar nichts.

Ich müsste mir also, um meinen Telefonierunwillen zu überwinden, nur sagen, dass auch Telefonieren Technik ist. Vielleicht könnte man soziale Strategien lernen und bei jedem Gespräch telefonierkompetenter werden. Aber müsste, könnte, Fahrradkette! Ich habe im vergangenen Jahr nur noch einen einzigen Termin telefonisch vereinbart. Dafür lohnt sich kein Forschungsprojekt mehr, das sitze ich aus.

Auch interessant

Kommentare