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Update: Digital Detox-Detox

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Von: Kathrin Passig

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In der Badewanne findet die digitale Entgiftung mit ihren Vorläufern zusammen, den tausend Methoden, den Körper zu „entschlacken“.
In der Badewanne findet die digitale Entgiftung mit ihren Vorläufern zusammen, den tausend Methoden, den Körper zu „entschlacken“. © Getty Images

Um auch mal was Positives über die Pandemie zu sagen: Man liest angenehm wenig von „Digital Detox“ in letzter Zeit. So wollte ich die Kolumne „Update“ eigentlich beginnen.

Aber dann fand ich heraus, dass das gar nicht stimmt. Es ist immer noch alles voll mit Ratschlägen für die digitale Entgiftung. Seit 2020 gibt es sogar einen „Digital Detox Day“, am 3. September wurde er zum dritten Mal begangen. Wenn Sie noch nie davon gehört haben, kann das daran liegen, dass Sie in Deutschland leben und vielleicht nicht bei der Kosmetikkette Lush einkaufen. Der Digital Detox Day ist vor allem eine britische Marketingkampagne, im ersten Jahr wurde damit unter anderem für einen Badezusatz namens IRL geworben, „in real life“. In der Badewanne findet die digitale Entgiftung mit ihren Vorläufern zusammen, den tausend Methoden, den Körper zu „entschlacken“. Angeblich jedenfalls, denn es ist immer unklar geblieben, was so eine Schlacke eigentlich sein soll und warum der Körper sich ihrer nicht auf den üblichen Wegen entledigen kann.

Das ist beim Digital Detox genauso. Wovon wir uns entgiften sollen, unterliegt wie bei den Produkten fürs Entschlacken des Körpers wechselnden Moden. 2010 kam der Begriff gerade auf und die US-Journalistin Susan Maushart verwendete ihn in einem Buch über die digitale Entgiftung ihrer Familie. Familie Maushart verbringt ein halbes Jahr ohne elektronische Geräte, also vor allem ohne Fernsehen, Spielkonsolen, Laptops, Musik vom iPod, Digitalkameras und Handynutzung, wobei überhaupt nur die Mutter ein Smartphone besitzt. Das „Digital“ in „Digital Detox“ ist fast genauso vage wie das „Detox“, denn auch die meisten anderen Haushaltsgeräte enthalten digitale Technik, genau wie das Festnetztelefon, an dem die Töchter jetzt stundenlange Gespräche mit ihren Freundinnen führen, und das Radio und die CDs, die sie statt iPod zum Musikhören benutzen.

Seitdem hat sich das „Digital“ noch weiter von irgendeiner technischen Bedeutung entfernt. Aktuelle Digital-Detox-Pläne handeln vor allem davon, dass man das Smartphone möglichst nicht in die Hand nehmen soll, oder falls doch, dann jedenfalls nicht, um in die sozialen Netzwerke zu sehen. Ein altes Tastenhandy, das in der Maushart-Familie noch verboten war, ist heute ein anerkanntes Digital-Detox-Gerät.

Die sozialen Netzwerke gelten im Digital-Detox-Diskurs als „toxisch“, wobei auch damit wieder verschiedene Dinge gemeint sein können, die man eigentlich erst mal genauer benennen müsste, wenn es nicht angesichts der Begriffsunschärfen bei „Digital“ und „Detox“ sowieso schon egal wäre. Oft ist auch davon die Rede, dass man dem seelischen Gleichgewicht zuliebe den Nachrichten (jedenfalls soweit sie in den sozialen Netzwerken stattfinden) aus dem Weg gehen soll. Ich kann dagegen nicht wirklich was einwenden, meine eigene Nachrichten-Bewältigungsstrategie besteht derzeit auch in erster Linie aus Weggucken. Aber wenn man vorschlagen möchte „Hey! Gehen wir doch einfach mit den Problemen in der Welt um, indem wir so tun, als wären sie nicht da!“, dann scheint es mir einen Hauch erwachsener, das zu sagen und es nicht unter irgendeinem Detox-Mäntelchen zu verstecken.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © privat

Natürlich sind die sozialen Netzwerke auch der Ort, an dem die meisten Digital-Detox-Ermahnungen, Ankündigungen und Berichte veröffentlicht werden. Der „Digital Detox Day“ hat eine eigene Social-Media-Kampagne mit einem Vorschlag für ein Bild der eigenen Handfläche, auf die man einen Kreis mit dem Wort „OFF“ gemalt hat. Vielleicht fehlt ein „Digital Detox Day ohne Ankündigung, Bilder oder Berichte in digitalen Medien“. Vielleicht gibt es den aber auch schon. Ich würde ja nichts davon erfahren.

Aber wir drehen uns nicht nur im Kreis. Die Idee, „Digital Detox“ als eintägige Wellnesskur zu veranstalten, ist schon weit entfernt von den Ermahnungen aus den 1980er und 1990er Jahren, das elektronische Teufelswerk möglichst gar nicht erst ins Haus zu lassen. Sie ist auch ein Fortschritt gegenüber den pauschal warnenden Geschichten von „Computersucht“, „Computerspielsucht“, „Internetsucht“ oder „Handysucht“. Abgesehen vom schwurbeligen Begriff Detox ist eigentlich nichts gegen den Vorschlag einzuwenden „Probier doch mal 24 Stunden lang aus, wie dein Leben ohne X wäre“. Der Journalist Michael Brake hat schon 2014, auf dem Höhepunkt der Digital-Detox-Welle, in der „taz“ sein Experiment „Eine Minute offline“ beschrieben (eine Suche nach dem Titel lohnt sich, es ist lustig). Vielleicht sieht so die Zukunft aus: Die vorgeschlagenen Fastenzeiten verkürzen sich immer weiter. Wahrscheinlicher ist es aber, dass irgendwas Neues erfunden wird, von dem wir uns mindestens einmal im Jahr ganz fernhalten sollen. In der so gewonnenen entgifteten Freizeit können wir dann endlich mal in Ruhe die idyllischen sozialen Medien auf unseren altmodischen Smartphones durchlesen. Früher hat uns das doch auch gereicht!

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