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Conways Gesetz

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Von: Kathrin Passig

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Hier hat alles Struktur und Ordnung.
Hier hat alles Struktur und Ordnung. © Getty Images/iStockphoto

Auf vielen Webseiten von Behörden und Firmen steht wenig Nützliches. Liegt das an der Struktur ihrer Organisation?

In Randall Munroes Comicserie „xkcd“ gibt es eine Grafik, die das Verhältnis von „Was auf der Startseite von Universitäten zu finden ist“ und „Was Leute auf der Website der Uni suchen“ zeigt. Die Startseite enthält Pressemitteilungen, ein Schreiben des Uni-Präsidiums und Werbung für Veranstaltungen. Gesucht werden: Die Adresse der Uni, Semesterbeginn und -ende und eine brauchbare Karte des Universitätsgeländes.

Der einzige Punkt, in dem sich Angebotenes und Gesuchtes überschneiden, lautet: Vollständiger Name der Universität.

Das ist kein Spezialproblem von Universitäten, und es ist auch nicht einfach die Folge davon, dass da jemand zu wenig nachgedacht hat. In den Startseiten von Universitäten und Unternehmen steckt viel Arbeit. Eine Erklärung für diesen unpraktischen Zustand der Welt ist das „Gesetz von Conway“. Der US-Informatiker Melvin Conway hat es zuerst 1968 formuliert. Es besagt, dass eine Organisation immer nur Systeme hervorbringen kann, die die internen Kommunikationsstrukturen der Organisation spiegeln. Die Universität hat eine Presseabteilung, ein Präsidium und eine Veranstaltungsabteilung, und alle bestehen sie darauf, auf der Startseite irgendwie vertreten zu sein. Zusammen mit den übrigen Einrichtungen der Uni, weshalb es auf so einer Startseite meistens recht voll ist.

Conways Gesetz wird in der Informatik oft zitiert, ist aber nicht auf dieses Fach beschränkt. In der Informatik ist die Struktur der hergestellten Produkte nur leichter zu erkennen als anderswo: Software ist Text, dieser Text ist untergliedert, und die Untergliederungen entsprechen bestimmten Abteilungen des Unternehmens.

Man kann aus Conways Gesetz auch Schlüsse in der entgegengesetzten Richtung ziehen: Eine Zeitschaltuhr, bei der man zum Einstellen der einfachsten Dinge „Knopf SET 42x drücken“ muss, ist wahrscheinlich in einem Unternehmen entstanden, in dem man einen zehnseitigen Antrag ausfüllen muss, wenn man neue Klammern für den Klammerhefter braucht. Und eine Website, auf der jede Unterabteilung ihre eigene, völlig neue Navigation mitbringt und das Gegenteil von dem behauptet, was anderswo auf derselben Seite steht, kommt wahrscheinlich aus einem Unternehmen, dessen Abteilungen auf dieselbe Art zusammenarbeiten.

Wahrscheinlich. Es klingt einleuchtend, aber eigentlich wissen wir gar nicht so viel darüber, ob sich die Welt wirklich mit Hilfe von Conways Gesetz erklären lässt. In einem Überblick über die wissenschaftliche Literatur aus dem Jahr 2013 kommen Sabrina E. Bailey und ihr Team zu dem Ergebnis, dass das Gesetz zwar oft zitiert wird, aber nach über fünfzig Jahren immer noch nur eine Annahme ist. Es sei jedenfalls leicht, Gegenbeispiele zu finden: Hierarchische Organisationen seien ganz gut darin, Systeme in Netzwerkform hervorzubringen, zum Beispiel das frühe Internet.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de. Lesen Sie ihre Kolumnen auch online unter www.fr.de/update. © Norman Posselt

Es ist eine schöne, verlockende Idee, dass Unternehmen fraktale Angelegenheiten sind und aus einem intern zerstrittenen Unternehmen keine Software hervorgehen kann, deren Einzelteile friedlich zusammenarbeiten. Die meisten Unternehmen und Organisationen haben Abteilungen, die nicht ganz so gut kooperieren, wie man sich wünscht. Und die meisten Systeme, die von Unternehmen hervorgebracht werden, haben ebenfalls Einzelteile, die nicht immer perfekt miteinander kommunizieren. Aber einen Kausalzusammenhang zwischen der einen Beobachtung und der anderen nachzuweisen, ist harte und langweilige Arbeit.

Wenn eine Behörde ankündigt, demnächst irgendein „Portal“ herzustellen, mit dem der Kontakt zur Behörde vereinfacht werden soll, dann kann man also zynisch ankündigen, dass das auf keinen Fall klappen wird, weil Vereinfachung nicht von komplizierten Behörden hergestellt werden kann, sondern nur von Startups, die aus drei eng befreundeten Personen bestehen. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass am Ende wirklich etwas herauskommt, das den Kontakt zur Behörde eher komplizierter als einfacher macht. Oder ein Angebot, das von einer Spezialabteilung entwickelt wurde und über das die Bürgerinnen und Bürger nur Kontakt zu genau dieser Spezialabteilung aufnehmen können, die vom Rest der Behörde ignoriert wird. Aber das könnte auch einfach daran liegen, dass Unzulänglichkeit und Murks insgesamt wahrscheinlichere Ergebnisse sind als Weltverbesserung. Vielleicht hat die Struktur der Behörde überhaupt nichts damit zu tun. Conways Gesetz wäre dann so etwas wie die menschliche Bereitschaft, in jeder Nudelsuppe ein Gesicht zu erkennen. Wir suchen nach einem Sinnzusammenhang, wo gar keiner ist. Rein theoretisch wäre es also ohne weiteres möglich, dass eines Tages wirklich eine Behörde mit Hilfe eines Portals die Verwaltung vereinfacht. Oder dass wir auf der Startseite einer Universität die Information finden, die wir dort suchen.

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