1. Startseite
  2. Kultur

Update: Buchempfehlungen

Erstellt:

Von: Kathrin Passig

Kommentare

„Bestimmt fehlte es nur am nötigen Feintuning.“
„Bestimmt fehlte es nur am nötigen Feintuning.“ © Getty Images

Wer viel liest, braucht Tipps für den Nachschub. Warum gibt es dafür keine Systeme, auf die man sich verlassen kann? Die Kolumne „Update“.

Als Kind litt ich nicht unter fehlenden Buchempfehlungen, ich fräste mich einfach von einem Ende zum anderen durch die Regale der Stadtbücherei. Aber danach wurde es schwierig. Das Problem war, dass ich viel las und ständig Nachschub brauchte, und dass ich kaum Leute kannte. Vor allem keine, die sich auch für das Viellesen interessierten. Deshalb war ich sofort begeistert, als ich Anfang der 1990er Jahre irgendwo – wahrscheinlich in einer der ersten Ausgaben der Zeitschrift Wired – von einem ganz neuen Konzept namens Firefly erfuhr. Firefly war ein am MIT unter der Leitung der belgischen Informatikerin Pattie Maes entwickeltes Empfehlungssystem für Musik. Heute sind nur noch ein paar kleine Spuren von Firefly auffindbar, und in den meisten Quellen wird das Jahr 1995 als Anfang benannt. Der Bericht darüber muss aber eher Anfang 1993 erschienen sein, denn seitdem wollte ich unbedingt als Abschlussarbeit in Germanistik selbst so ein Empfehlungssystem bauen, nur eben für Bücher. Das Prinzip schien mir intuitiv einleuchtend: Man erhebt, was den Leuten gefallen hat und was nicht, dann vergleicht man die Ergebnisse untereinander, und daraus extrahiert man Empfehlungen. Wenn jemand auf der „hat mir gefallen“-Liste neun Mal meine Lieblingsbücher nennt, dann wird mir das zehnte Lieblingsbuch dieser Person wahrscheinlich auch gefallen. Ich legte in Word einen Zettel an, auf dem andere Menschen handschriftlich ihre Lieblings- und ihre verhasstesten Bücher auflisten konnten, druckte auf Uni-Kosten ein paar Hundert Exemplare und begann die Zettel im Bekanntenkreis zu verteilen.

Weiter kam ich nicht mit meinem Projekt. Das lag zum Teil daran, dass ich noch gar nicht programmieren konnte und auch nur eine eher vage Vorstellung davon hatte, wie man mit den erhobenen Daten weiter verfahren müsste. Wie ich heute weiß, wäre das technisch aber nicht unüberwindlich schwierig gewesen. Der Plan scheiterte vor allem daran, dass sich in der Germanistik an der FU Berlin niemand für Computer interessierte. Meine Abschlussarbeit schrieb ich dann erst kurz vor der Jahrtausendwende über ein ganz anderes, technikfreies Thema.

Zu diesem Zeitpunkt war Firefly bereits von Microsoft aufgekauft und stillgelegt worden. Dafür gab es jetzt Amazon, und Amazon hatte angefangen, automatisch erzeugte Buchempfehlungen anzubieten. Diese Buchempfehlungen bestanden zwar vor allem aus dem Vorschlag „Hey! Du hast 1 Buch von diesem Autor gelesen! Hier sind 40 Seiten mit Empfehlungen aller anderen Bücher dieses Autors!“ Aber das hielt ich für Kinderkrankheiten. Bestimmt fehlte es nur an Daten oder am nötigen Feintuning. Schon bald würden meine Lesestoffprobleme für immer gelöst sein!

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © privat

In den Nullerjahren beschäftigten Bücher mich weniger, ich war damit beschäftigt, das Internet durchzulesen. Meine Begeisterung für Empfehlungssysteme verlagerte sich vorübergehend auf das Musikgebiet. 2010 fand ich dank E-Books zurück zum Bücherlesen. Die Amazon-Empfehlungen bestanden immer noch aus den naheliegendsten aller Vorschläge, aber mittlerweile waren neue Möglichkeiten aufgetaucht, an Empfehlungen zu gelangen: Auf Plattformen wie Goodreads oder Lovelybooks lassen sich gelesene Bücher eintragen und bewerten, und man sieht, was andere so lesen. In sozialen Netzwerken kann man Leseempfehlungen nebenbei mitnehmen oder auch absichtlich viellesenden Menschen folgen. Da Lesen langsamer geht als Musikhören, muss bei Büchern nicht alle drei Minuten eine neue gute Empfehlung her. Ein paar Jahre lang habe ich deshalb in Vorträgen gesagt, dass mein Bedarf an Leseempfehlungen gedeckt ist und mehr oder bessere Empfehlungen nur meine Liste der unbedingt noch zu lesenden Bücher sinnlos verlängern würden. Aber das stimmt nicht ganz. Wenn ich ein sehr gutes Buch entdecke, hadere ich immer noch mit dem Universum beziehungsweise dem Empfehlungssystem von Goodreads, das meine Meinungen über 1247 Bücher kennt: Warum wurde mir das nicht schon viel früher vorgeschlagen? Und wenn mir das nicht vorgeschlagen wurde, was entgeht mir dann sonst noch alles? In letzter Zeit gelange ich auf einem relativ konventionellen Weg zu neuen Buchvorschlägen, nämlich indem ich den Newsletter der Berliner Buchhändlerin Magda Birkmann lese (magdarine.substack.com). Technisch wäre das auch 1993 schon möglich gewesen (abgesehen davon, dass Magda Birkmann erst vier Jahre alt war), aber es mussten erst das Web und dann Twitter erfunden werden, damit ich den Weg zum Newsletter finden konnte.

Trotzdem fände ich es gut, wenn Empfehlungssysteme endlich anfangen würden, besser als nur so einigermaßen zu funktionieren. Aus alter Anhänglichkeit, und weil ich keinen Grund sehe, warum das nicht möglich sein sollte. Derzeit experimentiere ich mit thestorygraph.com herum, einem erst zwei Jahre alten System mit mehr Einstellungsmöglichkeiten für Sonderwünsche und besseren Ergebnissen als bei Amazon oder Goodreads. Wenn es so weitergeht mit dem Fortschritt, sind die Buchempfehlungsprobleme meiner Jugend gelöst, bis ich in Rente gehe. Vorher kommt man sowieso gar nicht richtig zum Lesen.

Auch interessant

Kommentare