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Update: Bilder teilen

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Von: Kathrin Passig

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So funktionierte es früher.
So funktionierte es früher. © PantherMedia / Martina Berg

Das Problem „Wie teile ich Bilder mit anderen?“ ist so unsichtbar geworden, dass alle alles einfach irgendwie machen, auf einem von 27 egalen Wegen. Die Kolumne „Update“.

Vor knapp 20 Jahren, im Herbst 2003, war ich auf einer Hochzeit eingeladen. Alle Gäste mit Digitalkameras überreichten vor dem Ende der Feier ihre Speicherkarte jemandem, der mit einem großen Computer am Ausgang saß. Dort wurde die Karte ausgelesen und der Inhalt zusammen mit den Fotos der anderen Gäste auf eine CD gebrannt, die wir mit nach Hause bekamen. Ich erinnere mich daran, weil es mir so professionell und praktisch erschien.

Zu dieser Zeit bekam ich selbst die Fotos von Veranstaltungen gelegentlich als Stöße von Papierabzügen. Ich legte sie, immer vier Stück auf einmal, im Gemeinschaftsbüro auf den Scanner und machte aus dem Ergebnis in Handarbeit wieder vier einzelne, jetzt digitale Bilder. Wie es danach weiterging, weiß ich nicht mehr so genau. Habe ich CDs gebrannt und sie den Partygästen ausgehändigt? Habe ich die Bilder im Internet abgelegt und nur den Link verschickt? Letzteres setzte verschiedene Dinge voraus, die nicht allgemein verbreitet waren, vor allem ausreichend Platz auf einem Server und relativ umständliche Werkzeuge zum Erzeugen von „Bildergalerien“. Relativ heißt hier: aus heutiger Sicht. Damals waren sie bequem und ein Fortschritt im Vergleich zum Selberbau einer Seite, auf der man sich durch die Bilder klicken konnte.

Um die Zeit der beschriebenen Hochzeitsfeier entstanden die ersten Plattformen, auf denen man eigene Fotos veröffentlichen und die Fotos anderer ansehen und durchsuchen konnte: 2002 kam Picasa, 2004 Flickr, 2005 Panoramio. Vor allem Flickr blieb etwa fünf Jahre lang das dominante Angebot. In der Gratisversion durfte man dort anfangs 20 MB Bilder pro Monat hochladen, ab 2006 dann 100 MB. Megabyte, nicht Gigabyte! Die Standard-Dateigröße, die eine Digitalkamera erzeugte, war damals kleiner, und vor dem Hochladen bei Flickr reduzierte man die Bildgröße noch weiter.

Schon allein dieser Engpass führte dazu, dass man vor der Veröffentlichung eine Auswahl treffen musste. Nach 2010 hieß das „Kuratieren“, und man beklagt seitdem abwechselnd, dass heutzutage ja alles Kuratieren heißt oder dass heutzutage überhaupt nichts mehr kuratiert, sondern alles unsortiert einfach irgendwo abgeladen wird. Denn das zentrale Problem des ganzen Bilderteilens war der teure Speicherplatz, jedenfalls der im Internet. Aufbewahrung auf privaten Festplatten und auf CDs war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr so teuer, aber wenn die Fotos für andere zugänglich sein sollten, mussten sie irgendwohin hochgeladen werden. Die Aufbewahrung mit Internet-Anschluss war nicht nur für Privatleute teuer, sondern auch für die Plattformen. Deshalb die engen Einschränkungen bei Flickr, deshalb konnte man bei Twitter in den ersten Jahren Bilder nur über Drittanbieter hochladen, und deshalb gab es bei der Blogplattform wordpress.com nur eine feste Menge an Speicherplatz pro Blog.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © privat

Aber die Preise für Datentransport und -aufbewahrung sanken, und mit der Marktdominanz von Flickr war es bald wieder vorbei. Schon in der zweiten Hälfte der Nullerjahre tauchten immer mehr und bequemere Möglichkeiten auf, Bilder im Internet mit anderen zu teilen. Facebook wurde auch in Deutschland beliebt, insbesondere bei Menschen, die bis dahin noch gar keine eigenen Inhalte im Internet verstaut hatten. Schon 2009 war Facebook mit Abstand die größte Fotoplattform. Daran hat auch das 2010 gestartete Instagram (das jetzt sowieso zu Facebook gehört) nicht viel geändert: Immer noch werden jeden Tag dreimal so viele Bilder bei Facebook hochgeladen wie bei Instagram.

Nach 2010 verschwamm der Unterschied zwischen „Bilder speichern“ und „Bilder mit anderen teilen“ immer mehr. Google Photos bietet seit 2015 die Option, einzelne Bilder oder ganze Alben mit anderen zu teilen oder ganz öffentlich zu machen. Bei Apples iCloud ist es ähnlich. Beide möchten nicht mehr nur der zweite Ort sein, an den man Bilder kopiert, um sie anderen zu zeigen, oder um ein Backup zu haben. Sie werden zum eigentlichen Aufbewahrungsort der Bildersammlung.

Die Zeit der einen großen Bilderplattform ist trotzdem vorbei. Das Problem „Wie teile ich Bilder mit anderen?“ ist so unsichtbar geworden, dass alle alles einfach irgendwie machen, auf einem von 27 egalen Wegen: Die Bilder in einen Messenger werfen, auf einer Plattform mit einer Gruppe teilen, den Link verschicken, sogar die Bildverschickung per Mail existiert weiter (hier oft immer noch mit nostalgischer Größenbeschränkung). Ich kann gerade noch schnell darüber schreiben, dass die Frage einmal existiert hat. Als Nächstes wird das Teilen von Bildern zu einem Thema, das nur noch Infrastrukturnerds interessiert, so ähnlich wie „Wie funktioniert eigentlich die Telefonanlage im Büro?“. Vielleicht ist das auch bereits geschehen, tut mir leid.

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