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Unwissen im Netz

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Das Internet, sagen viele, bietet nur Daten und Informationen. Doch wer definiert eigentlich, wann daraus Wissen wird?

Ein wiederkehrender Vorwurf ans Internet lautet, es enthalte ja gar kein Wissen, sondern nur Informationen. Er existiert in vielen Varianten, eine davon lautet: Das Netz enthält noch nicht einmal Informationen, sondern lediglich Daten. Eine andere: Das Vorhandensein von Wissen im Netz ist nicht vollständig auszuschließen, man findet es aber nicht über Suchmaschinen, denn die liefern nur Informationen oder nur Daten, in jedem Fall ein minderwertiges Ergebnis – unbrauchbar für Schule und Wissenschaft. Mir begegnet diese Kritik meistens als Einwand in einer Podiumsdiskussion. Das Publikum nickt dann zustimmend, ich runzle die Stirn und denke: ‚Was genau ist denn da jetzt der Unterschied?‘, frage aber lieber nicht nach. Vielleicht wissen ja alle Anwesenden außer mir, wie die Abgrenzung von Daten, Informationen und Wissen aussieht.

Kürzlich beschloss ich, nach Jahren des Stirnrunzelns mehr über den Ursprung dieser Aussage herauszufinden. Dahinter steht ein Modell mit einem Namen: die DIKW-Pyramide. Ganz unten wohnen die Daten, in der nächsten Etage die Informationen, darüber das Wissen („knowledge“) und in der Spitze der Pyramide die Weisheit oder in deutschsprachigen Diskussionen auch gern mal die Bildung. Eine eindeutige Quelle für das Modell gibt es nicht, es entstand allmählich zwischen den 1950er und 1980er Jahren.

Über die Definitionen und Abgrenzungen der einzelnen Pyramidenschichten herrscht so wenig Einigkeit wie über die Vorgänge, durch die aus einer Schicht die nächste entsteht. Der Autor Clifford Stoll beschreibt ihre Beziehung 1995 in einem netzkritischen Buch: „Unsere Netze strotzen vor Daten. Ein kleiner Teil davon ist Information. Ein winziges bisschen davon nimmt die Form von Wissen an.“ In dieser Deutung zeigt die Pyramide also immer kleiner werdende Untermengen – das Netz enthält eine große Menge Zeugs, darunter auch Wissen, nur eben sehr stark verdünnt.

In anderen Definitionen kann Wissen nur das sein, was sich in einem Kopf befindet, es lässt sich also prinzipiell nicht weitergeben oder im Netz verstauen: „Die Netz-Maschinerie enthält zudem kein Wissen, sie enthält nur Informationen. Wissen ist im Gegensatz zu Information etwas, das nur durch humane Arbeit, durch subjektive Aneignung im Menschen selbst entstehen kann“, schreibt der Bildungsforscher Bernhard Koring im Sammelband „Zum Bildungswert des Internet“. Im nächsten Satz steht gerechterweise, dass sich die „Netz-Maschinerie“ hierin nicht vom Buch unterscheidet: „Nie kämen wir auf den Gedanken zu behaupten, dass ein Buch etwas wüsste – es kann nur Informationen enthalten, die für uns zu Wissen werden können, wenn wir mit der Information arbeiten.“ Wenn Autoren etwas aufschreiben, so Koring, verarbeiten sie ihr Wissen zu kommunizierbarer Information.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Im März 2010 gab es in Leipzig einen Kongress der Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheks- und Informationsverbände. Er stand unter dem Motto „Menschen wollen Wissen! – Bibliotheken im 21. Jahrhundert: international, interkulturell, interaktiv“. In einer Pressemitteilung zur Veranstaltung kam Stefan Gradmann zu Wort, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis: „In Wikipedia oder Google finden Sie kein Wissen, sondern bestenfalls Informationen. Aber zu Wissen werden diese erst, wenn sie von Menschen in einen Kontext gestellt werden – das reine Ranking einer Google-Suche erzeugt noch kein Wissen.“ Aus der Pressemitteilung geht nicht hervor, wie die Informationen in einen Kontext gestellt werden müssten, um zu Wissen zu werden. In Wikipedia findet ja durchaus menschliche Arbeit und Einordnung in Kontexte statt, aber irgendeine Komponente scheint zu fehlen. Ist das Wissen also vielleicht doch in Büchern enthalten? Oder sind das zentrale Element – wie der Kontext der Veranstaltung nahelegt – die Angestellten der Bibliotheken, die im persönlichen Gespräch die Umwandlungsleistung von Informationen in Wissen erbringen?

Dass die DIKW-Pyramide zur selben Zeit auftaucht, in der das digitale Speichern und Zugänglichmachen von Texten möglich wird, kommt mir ein bisschen verdächtig vor. Eventuell handelt es sich weniger um eine in der Praxis brauchbare Abgrenzung als um einen Versuch der Verteidigung von Büchern, Zeitungen und Bibliotheken gegen die neue Konkurrenz. Aber wer weiß, vielleicht ist das auch Quatsch. Ich habe meine Informationen ja nur aus dem Internet.

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