Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Die Wunde im Leben derer, die einen geliebten Menschen verloren haben, ist besonders tief und schmerzhaft, weil sie von anderen Menschen geschlagen wurde.
+
Die Wunde im Leben derer, die einen geliebten Menschen verloren haben, ist besonders tief und schmerzhaft, weil sie von anderen Menschen geschlagen wurde.

9-11

Unverwundbarkeit muss scheitern

Die Terroranschläge vom 11. September sind fortwährend in den Köpfen präsent. Der Umgang mit der eigenen Verwundbarkeit schwächt nicht nur das gegenwärtige Leben.

Von Hildegund Keul

Was abwesend ist, kann von bedrängender Präsenz sein. Das zeigt sich drastisch an Orten von Terroranschlägen. Die Wunde im Leben derer, die einen geliebten Menschen verloren haben, ist besonders tief und schmerzhaft, weil sie von anderen Menschen geschlagen wurde. „Das Schlimmste an diesen Leiden ist nicht der ertragene Schmerz, sondern der von anderen in ihrer Raserei gewollte Schmerz“, sagt der französische Philosoph Georges Bataille.

Der Terror zielt nicht nur auf Einzelne, sondern er verwundet zugleich eine Gesellschaft, einen Staat oder eine Religion. Der Anschlag auf das World Trade Center in New York vor genau 15 Jahren hat der Welt vor Augen geführt, dass selbst die mächtigen USA nicht unverwundbar sind. Auch Paris ist seit den Angriffen auf die Redaktion der Zeitschrift „Charlie Hebdo“ und das Musiktheater Bataclan eine verwundete Stadt.

Wunden aber, die einem Staatskörper geschlagen werden, sind äußerst gefährlich. Sie sind mit Scham verbunden, die Wut freisetzt; mit Ohnmacht, die nach Rache ruft; mit Schmerz, der nach Unverwundbarkeit verlangt. Selbst wenn die Wunden heilen, erinnern die zurückbleibenden Narben daran, dass sich die Verletzung jederzeit wiederholen kann. Um das zu verhindern, verstärken Staaten ihre Abwehrmaßnahmen. Andere sollen die gleiche Verwundung gewärtigen müssen, die die Gesellschaft zuvor selbst erlitten hat. Dieser Umgang mit der eigenen Verwundbarkeit birgt politische Sprengkraft. Er schwächt nicht nur das gegenwärtige Leben, sondern schreibt sich in die zukünftige Gestaltung der Gesellschaft ein.

Umso wichtiger ist es, Abwesenheit und Präsenz zu reflektieren. In New York hat der Architekt Michael Arad seinem Beitrag zum „9/11 Memorial“ den Titel „Reflecting Absence“ gegeben. An den Stellen der zerstörten Zwillingstürme markieren zwei Wasserbecken, Fußabdrücken gleich, das Fehlende. Das Abwesende ist nicht sichtbar – es hinterlässt Leere; es ist nicht hörbar – das ermordete Leben schweigt. Doch je verschwiegener das Fehlende ist, desto mehr wächst seine unerhörte Macht. An dieser Leerstelle des Vermissten kommt die Kunst ins Spiel. Sie kann wahrnehmbar machen, was abwesend ist, aber als Fehlendes machtvoll präsent bleibt. Dies ist speziell an Orten notwendig, die die Verwundbarkeit einer Gesellschaft markieren.

2005, als die Auseinandersetzung um die Gestaltung des Ground Zero lief, plädierte der heutige Präsidentschaftskandidat Donald Trump vehement für einen Neubau der Twin Towers, stabiler und höher als die alten. Er setzte auf Unverwundbarkeit. Allerdings sind an dieser Utopie nicht nur Achilles und Siegfried in der Mythologie, sondern auch viele reale Diktatoren gescheitert. Wer ausschließlich darauf setzt, die eigene Verwundbarkeit zu reduzieren, braucht immer engere Spitzelnetze, höhere Mauern und schärfere Waffen. Dies erzeugt neue Opfer und setzt Gewaltspiralen in Gang, die niemand mehr im Griff hat.

Aber was, so fragt die US-Philosophin Judith Butler, kann aus der Trauer um zerstörtes Leben anderes entstehen als der Ruf nach Krieg? Diese Frage richtet sich an die Gesellschaft. Zugleich fordert sie die Religionen heraus, insbesondere das Christentum und den Islam, die in der globalen Gewaltproblematik ein entscheidender Faktor sind. Was tragen sie dazu bei, dass die Gesellschaft Alternativen findet zu Abschottung, Militarisierung und Krieg?

Im Christentum gehört die Verwundbarkeit, die aus der Präsenz des Abwesenden entsteht, zur Gründungsgeschichte. Die bleibende Präsenz Jesu, der zuvor am Kreuz getötet worden war, bildet den Kern des christlichen Glaubens an die Auferstehung. Nach seinem Tod bestand die Gemeinschaft Jesu aus Verwundeten, die in ihrer Trauer darum ringen mussten, ob aus diesem Tod etwas anderes entstehen könne als ohnmächtiges Verstummen oder der lautstarke Ruf nach Krieg. Welche Antworten hat sie gefunden, die in der heutigen Herausforderung Perspektiven zu öffnen vermag?

Eine Antwort gab ein Ritual, das der jungen Kirche auf ihren brüchigen Pfaden der Hoffnung Orientierung und Mut verlieh. Um das Abwesende zu reflektieren, erinnerte sie sich an das letzte Mahl Jesu. Damals saß der Tod mit am Tisch. Der Leidensweg war bereits absehbar. Aber Jesus rief nicht auf, zu den Waffen zu greifen und seinen bevorstehenden Tod zu rächen. Vielmehr lud er in einer von Gewalt bedrohten Situation dazu ein, Brot zu teilen, miteinander Wein zu trinken und auf das Leben zu setzen.

Haben Münchner Bürgerinnen und Bürger nach dem Amoklauf am 22. Juli nicht Ähnliches getan, als sie umherirrende Menschen spontan aufnahmen? Sie wussten nicht, wer da vor ihrer Tür steht, und öffneten sie dennoch, boten Essen und Obdach an, Gastfreundschaft und die Präsenz des Lebens.

Die Autorin hat eine Professur für Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Würzburg und ist Leiterin der Arbeitsstelle für Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare