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Mit dem Begriff Heimat muss man nicht zwangsläufig große Worte verbinden.

Heimat-Debatte  

Das Bedürfnis nach Heimat existiert

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Anregend, abstoßend, aktivierend - der Heimatbegriff ist zu vielfältig für eine bloß eindeutige Zustandsbeschreibung.

Die neue Altstadt Frankfurts stellt etwas dar, was man mit der „Wiederherstellung von Heimat“ beschreiben könnte. Das bestreiten nicht einmal die schärfsten Gegner; vielmehr steht dies gewissermaßen im Kern der Kritik. Grund genug, die Hintergründe etwas auszuleuchten. Zumal die Vehemenz der Debatte ja eine alte Einsicht bestätigt: Dass man besser für ein Gefühl kämpft als für eine abstrakte Sache.

Zunächst einmal gehört Heimat zu den sentimental aufgeladenen Vokabeln, die uns das 19. Jahrhundert reichlich beschert hat. Heimat als handfester Besitz an Gut und Boden wurde seinerzeit umgemünzt in Werte des Gefühls. 

Heimat als kollektives Sehnsuchtsgefühl

Zunächst freilich war mit dem Begriff nur ein einfacher Sachverhalt gemeint: Heimat, so heißt es beispielsweise im „Grimm’schen Wörterbuch“, sei das Land oder auch nur der Landstrich, in dem man geboren ist oder auch nur bleibenden Aufenthalt hat. Doch das war einmal. Es scheint, als würde Heimat nun weniger als individuelle Erfahrung und mehr als kollektives Sehnsuchtsgefühl verstanden.

Anschauungsunterricht Heimatfilm der 50er Jahre 

Prima vista erfährt man dazu viel Interessantes aus Filmen der fünfziger Jahre. Dort ist alles versammelt, was der Begriff in einem letzten Sich-Aufbäumen noch zu bieten hatte. Landschaften und Naturgewalten, die Liebe und andere große Gefühle, schicksalhafte Wendungen, soziale Zwänge und unheilbare Krankheiten schreiben ein Drehbuch des Lebens, das mal einen tragischen, mal einen glücklichen Ausgang findet. Die Geschichten, die der Heimatfilm erzählt, sind voraussehbar, sie haben einen Anfang und ein Ende. Es ist, als hätte man sie alle schon einmal gehört. Damit vermitteln sie eine Gewissheit über die Existenz, die das Déjà-vu zum Kriterium werden lässt.

Natürlich, der Heimatfilm ist eine Fälschung – aber eine gern gesehene. Im Grunde stellt er ein Untergangsgenre dar, jedoch wird seine apokalyptische Botschaft durch die Methode kleingeredet und verkehrt sich so in ihr Gegenteil. Daran hat der Dialekt, der im Heimatfilm unumgänglich ist, einen beträchtlichen Anteil. Das Schicksal lässt zwar nicht mit sich reden, aber man darf ihm gelegentlich in die Karten gucken.

Die Grünen nennen es „Identitätspolitik“ 

Als die Bundestagsfraktion der Grünen vor zehn Jahren eine Konferenz über „Identitätspolitik“ veranstaltete, warb sie in ihrem Einladungsflyer ganz offensiv mit dem Begriff Heimat: „Eine vertraute Sprache. Ein wohlbekannter Ort. Menschen, die man kennt. Ein ganz bestimmter Geruch, der Erinnerungen weckt. All dies sind Elemente von „Heimat“, die viele ganz spontan mit diesem Begriff verbinden werden.

Heimat im Netz - jenseits der Räumlichkeit 

Gleichzeitig kann Heimat aber auch ganz anders sein. Sie kann in der Entgrenzung des Internets bestehen, wo eine eigene kleine Welt in der Teilnahme an Blogcommunities aufgeht. Die Fixiertheit auf die regionale Räumlichkeit des traditionellen Heimatkonzepts wird hier aufgehoben. 

Wieder anderen ist Heimat als Konzept der Identität ohne Bedeutung und sie kommen gut damit aus. Viele definieren Zugehörigkeit in unserer Zeit in neuen Arrangements, ohne dass vertrautes Altes ganz verschwindet. Sie begeben sich auf eine Suche, die Heimat als etwas Utopisches versteht, „wo noch niemand war.“

Heimat als Utopie bei Bloch 

Damit ist man bei Ernst Bloch. Der Philosoph setzt das Wort „Heimat“ nach über 1500 Seiten an das Ende seines Buches „Prinzip Hoffnung“ als Schluss – und Beschluss: „Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

Gerade weil der „bewohnbare Lebensraum“ darin eingeschrieben ist, wird Heimat heute eher als etwas Bedrohtes, Gefährdetes betrachtet. Weshalb die Reaktion als Retrobewegung, als Rückgriff auf eine überschaubare, begreifbare Welt, geprägt von einem diffusen Gefühl von Zugehörigkeit und weich gezeichneten Bildern von Harmonie und Identität, nicht per se abzutun ist. Denn dass das Bedürfnis nach Herkunft, Sicherheit und Zugehörigkeit eine treibende Kraft in der Natur ist, hat der Biologe Bernd Heinrich in seinem Buch Heimatinstinkt eindrücklich festgehalten. Darin geht es um die Fähigkeit von Zugvögeln, Insekten oder Aalen, die nach ihren manchmal viele tausende Kilometer umfassenden Reisen punktgenau zum Gebüsch oder Gewässer ihrer Entstehung zurückkehren. Auch wenn man leicht Gefahr läuft, sich die Tiere dem Menschen zu ähnlich zu denken, kann man schlussfolgern: Wenn Vögel genau da ihre Nester bauen, dann tun sie, was wir Menschen auch gerne tun: sich an einen Ort zu binden, um dort bewohnbare Lebensräume zu schaffen. 

Eine idealisierte Vergangenheit 

So unbestimmt der Begriff Heimat im alltäglichen wie im wissenschaftlichen Gebrauch auch sein mag, so klar ist der Typus der ihm verwandten Bilder des Überschaubaren, Ursprünglichen, Individuellen und Malerischen, wie sie durch die Heimatschutzbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts transportiert und in Postkarten und Reisebeschreibungen manifestiert worden sind. Und womöglich meint Heimat heutzutage weniger einen lokalen, als einen zeitlichen Ort. Dieser liegt in einer Vergangenheit, in der es keinen Funktionalismus, keine Technik, keine entfremdete Arbeit, keine Großstadt, keine Masse, keine Beschleunigung gibt. Man erreicht zwar diese Welt nur durch die Mittel der Moderne, doch liegt sie dann jenseits von Intellektualität, Ökonomie, moderner Zivilisation.

Einer anderen Prämisse zufolge, die ebenfalls nicht ganz neu ist, fühlt sich der Mensch erst in den Ferien als wahre Existenz. Die Ferien aber verbringt er in der Fremde, sodass eine Verwechslung eintritt: Das Fremde ist das Eigentliche, das Ferne das Innerliche, das Heimatliche. Die Optik des Bayerischen hat den Vorteil, dass das Fremde transportabel und nach Hause mitzunehmen ist. Die barocken Türen, die rustikale Ausstattung im Vorstadtheim sind Souvenirs der Selbstfindung, Reliquien eines besseren Ich. Wahlweise kann man sich natürlich auch mit der Toskana oder einer griechischen oder nordfriesischen Insel behelfen.

Zwei Reaktionen auf den Heimatschwund 

Seit langem sind zwei gegensätzliche Tendenzen am Werk, die darauf abzielen, den Heimatschwund aufzufangen: Einerseits Regress auf die beschränkte „Welt des Heimatbodens“, auf Neohistorismus und Neoprovinzia. Andererseits das Streben nach globalen Zielen, die Suche nach „Einheit“ vermittels abstrakter Konstruktionen. Die Überdehnung des Lebensraumes im zweiten Fall führt ganz offenkundig zu Spaltungen. Eine Alternative, wie sich der Heimatschwund auffangen ließe, und mit der die extremen „Lösungen“ vermieden würden, liegt womöglich im Rückgriff auf den alten Terminus der Region, mit dem ein Lebensraum mittlerer Reichweite umschrieben wird, fern eines Mikro- und Makrokosmos.

Wie auch immer: Es bleibt festzuhalten, dass sich zwar der Heimatbegriff in den letzten Jah-ren erheblich gewandelt hat – und dass Zeit und Ort der Kindheit dabei ihre Bedeutung verlo-ren haben mögen. Aber fraglos ist das Bedürfnis nach Heimat nach wie vor existent. Deshalb muss man, wie der Literaturwissenschaftler Bernd Hüppauf anregt, der Frage nachgehen, welche Bedeutung dem Wort im Diskurs unter fundamental veränderten Lebensbedingungen zugeschrieben wird. Oder was die Wiederkehr des Begriffs im Zeitalter der Globalisierung leisten kann. Sich abzuarbeiten an einer zeitgemäßen Interpretation von Heimat: Das ist den Schweiß des Edlen wert.

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