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Nicht links, nicht rechts: Cicero-Chef Michael Naumann.

Magazin Cicero

Unter Freunden

Wie der neue Cicero-Chefredakteur Michael Naumann mit seinem Magazin Einfluss nehmen will. Von Ulrike Simon

Von Ulrike Simon

Seitdem Michael Naumann Chefredakteur der Zeitschrift Cicero ist, konstatiere er einen "Linksruck", schrieb ein Online-Journalist vorige Woche und streute allerlei Behauptungen, etwa, wie Naumann an den Posten geraten sei. Das hat ihm eine Unterlassungserklärung und hohe Anwaltskosten eingebracht. "Geht man gegen solche Artikel nicht juristisch vor, bleiben sie ewig an einem hängen", begründet Naumann die harsche Reaktion. Der Artikel ist gelöscht, der Verdacht bleibt.

Naumann war in den Siebzigern beim Studentischen Hochschulbund, machte bei den Schwabinger Krawallen mit, arbeitete für das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, für die Wochenzeitung Die Zeit und als Verleger bei Rowohlt und in New York, er war Kulturstaatsminister unter Kanzler Gerhard Schröder und SPD-Spitzenkandidat für das Amt des Hamburger Bürgermeisters. Für einen Linksruck spricht zudem, dass Cicero schwerlich weiter nach rechts zu bewegen wäre. Dort ließ Naumanns Vorgänger Wolfram Weimer wenig Platz.

Netzwerke aus einander sich bestätigenden und sich vergewissernden Mitgliedern gibt es hier wie da. Naumann und einige andere Männer, von denen hier die Rede sein wird, werden gern die "Friends of Gerd" genannt. Gemeint sind Journalisten, die als links gelten, um 1940 geboren sind und eine Nähe zu Schröder pflegen: Manfred Bissinger etwa, der jener Kommission angehörte, die Naumann als Kulturstaatsminister empfohlen hat; oder Heiko Gebhardt und Frank A. Meyer, die Leitwölfe des Cicero-Verlags Ringier, bei dem Schröder einen Beratervertrag hat.

Naumann sitzt in seinem Berliner Büro, die Frage, was dieses Männerbündnis auszeichnet, ist ihm unangenehm. Hartmut Palmer, der neben ihm sitzt, greift ein. Der langjährige Spiegel-Journalist ist vorübergehend Naumanns Vize. Der bisherige ist mitsamt weiteren Cicero-Redakteuren Weimer zu dessen neuem Arbeitgeber, dem Magazin Focus, gefolgt. Palmer ist Jahrgang 1941, wie Naumann. Das Gespräch führt zu jüngeren, konservativen Journalisten. "So gut vernetzt wie die waren wir nie." Das sei erklärlich: "Unsere Generation, also die um 1940 Geborenen, hat Glück gehabt." In den Fünfzigern gab es Vollbeschäftigung, der Wohlstand wuchs, wer in den Sechzigern Journalist werden wollte, musste nur die Hand heben. Die Jüngeren dagegen lernten die Angst vor Arbeitslosigkeit und Armut im Alter kennen. "Die müssen sich unterhaken, schon aus Karrieregründen."

Nun meldet sich Naumann zurück und erzählt, dass Bissinger (Die Woche), Gebhardt (Stern) und er (Zeit) früher Konkurrenten waren, aber Respekt voreinander gewonnen hätten. Karrieregründe hätten die Bellheims von heute nicht zusammengeführt, sondern der Wille dieser Generation, die Schuld der Väter offenzulegen, die Ursachen politisch wie journalistisch aufzuklären, damit so etwas, was im Nazi-Deutschland ihrer Eltern geschehen war, nie wieder passiert.

Als Helmut Kohl 1987 erneut Kanzler wurde, trat Naumann in die SPD ein. Gemeinhin heißt es, die Mitgliedschaft zu einer Partei gehöre sich nicht für einen Journalisten. Hans Leyendecker, der Rechercheur der Süddeutschen Zeitung hingegen bekennt sich als SPD-Wähler und sagte einmal, deshalb sei er SPD-Geschichten immer "eher härter angegangen, weil ich die Erwartung habe, dass gerade bei dieser Partei bestimmte Dinge nicht passieren dürfen".

Bissinger erinnerte kürzlich auf sueddeutsche.de an Zeiten, als die Fronten klar waren: Linke Medien, rechte Medien, und die Autoren beider Seiten hätten mit Argumenten einen für Leser faszinierenden Streit ausgetragen. Sie hätten durch "Haltung, Passion und Vision" brilliert, schrieb Bissinger und mahnte, Journalisten sollten nicht nur Wirklichkeit abmalen, sondern auch mal "Täter" sein und Einfluss nehmen wollen. Als Täter will sich Naumann nicht verstanden wissen, wohl aber als einer, der Einfluss nehmen will.

Cicero solle "journalistischer, pluralistischer, internationaler" werden, sagt er und holt die frisch gedruckte Ausgabe. Wo es früher mehrere kleine Interviews gab, gibt es ein großes (mit Joschka Fischer), statt mit Buchvorabdrucken sind die Seiten mit eigenen Geschichten gefüllt. Viele davon von Autoren seines Alters. Liegt es an der Arroganz gegenüber Jüngeren? "Ich brauche Profis", sagt Naumann und verweist auf den Erfahrungsschatz der Alten.

Gerade hat er vom Handelsblatt den jungen Redakteur Till Knipper als Leiter des Ressorts "Kapital" geholt, dazu Susan-Sontag-Biograf Daniel Schreiber für das Ressort "Salon". Im Juli tritt Alexander Marguier an, der bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung das Gesellschaftsressort leitet. Marguier, 40, wird Naumanns Stellvertreter - und in drei Jahren, wenn der dann 71-Jährige abtritt, womöglich sein Nachfolger.

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