+
Der griechische Premier Alexis Tsipras und Russlands Präsident Putin.

Putin Griechenland

Unter dem Eindruck der Demütigung

  • schließen

Die griechische Regierung will in der kommenden Woche ein Energieabkommen mit Russland unterzeichnen. Unterdessen laben sich Putinversteher oder Griechenlandversteher an dem Gefühl, die Interessen der Erniedrigten und Beleidigten zu vertreten. Aber stimmt das?

Russland wurde in den vergangenen Jahrzehnten vom Westen über den Tisch gezogen. Es musste zusehen, wie, entgegen den Vereinbarungen, der Westen seinen Einfluss nach Osten verschob. In den Jahren nach 1989 war aus der mächtigen Sowjetunion zunächst ein hilfloses Russland geworden. Heute steht die Nato an Russlands Grenzen. In den letzten Jahren aber ist Russland ökonomisch erstarkt.

Nun ist es in der Lage, seine Interessen auch politisch und militärisch wieder durchzusetzen. Mit der Einverleibung der Krim, mit der Destabilisierung der Ukraine versucht Russland, sich gegen die permanente westliche Aggression zur Wehr zu setzen. So erklären uns Russland- und Putinversteher die Lage.

Die gleiche Argumentation hören wir von Islamverstehern. Die letzten Jahrhunderte über habe der Westen die einstigen großen muslimischen Reiche überrollt. Er habe ihre Territorien erobert und unter den Westmächten aufgeteilt. Der Terrorismus sei eine Antwort auf den übermächtigen militärischen und ökonomischen, aber auch ideologisch-politischen Terror des Westens. Gegen ihn helfe, so sagen radikal-islamistische Winzgruppen, einzig und allein die Errichtung eines Islamischen Staates.

Darüber, wie er aussehen soll, sagen sie wenig. Stattdessen heißt es immer wieder: Allah, Mohammed, der Islam, wir wurden beleidigt und gedemütigt. Darum haben wir alles Recht auf Gegenwehr, ja, wollen wir Menschen bleiben, die Pflicht dazu.

Kein Serientäter, der nicht zuerst Opfer war

Aggression als Reaktion auf eine erlittene Aggression. Das kennen wir aus der Psychologie. Kein Serientäter, der nicht als Opfer begonnen hätte. Aber wir wissen auch, dass nicht alle Opfer zu Serientätern werden. Und wir wissen, dass das Gefühl gedemütigt worden zu sein, auch aufkommen kann, ohne dass eine Demütigung stattgefunden hat.

Es kommt vor, dass wer nichts getan hat, um seine Lebensverhältnisse, die Umgebung, in der er lebt, zu verbessern, den, der es versucht, als Aggressor erlebt. Die Demütigung liegt dann darin, dass ihm gezeigt wird: Das Gute ist möglich. Es lag an dir, dass es nicht zustande kam.

Die Erzählung, die eigene Aggression sei eine Antwort auf eine vorausgegangene Attacke der anderen Seite, erinnert an die „Der-hat-angefangen“-Debatten auf allen Schulhöfen der Welt. Sie ist von hoher Komik und mörderisch zugleich. Wie alle Propaganda zielt sie vor allem auf einen selbst. Das Gefühl, gedemütigt worden zu sein, befreit einen vom Gefühl, versagt zu haben.

Wir könnten an dieser Stelle über ein Weltbild sprechen, in dem Ossis und Wessis einander als Opfer und Täter gegenüberstehen. Oder über die Neigung der griechischen Regierung, Griechenland als Opfer der Geldgeber darzustellen. Stattdessen sei hier an den monströsen Fall einer interaktiven Kettenreaktion von Erniedrigung und Beleidigung erinnert, der die Weltgeschichte jetzt seit fast 15 Jahren prägt.

Am 11. September 2001 rasten zwei gekaperte Passierflugzeuge in die Türme des World Trade Centers in New York, ein weiteres ins Pentagon in Arlington (Virginia), und ein viertes zerschellte in Shanksville in Pennsylvania am Boden. Das war ein Angriff der Erniedrigten und Beleidigten auf die Weltmacht Nummer 1. Die sollte sich gedemütigt fühlen. Sie tat es. Der Souverän zeigte sich ganz und gar unsouverän. Die Weltmacht beantwortete die Kriegserklärung von nicht einmal einhundert Menschen mit der Ausrufung eines Heiligen Krieges. Geführt wurde er allerdings gegen den Irak, der nichts mit den Anschlägen zu tun hatte. Die Demütigung von 2001 wurde beantwortet mit der Korrektur des als demütigend empfundenen Sachverhaltes, dass Saddam Hussein noch immer den Irak regierte, weil George Bush Vater ihm 1991 nicht den Garaus gemacht hatte. Der durch die neuen Anschläge sich erniedrigt und beleidigt fühlende Sohn musste jetzt erst einmal zeigen, dass er mehr Mann war als sein Vater.

Das wechselseitige Beleidigtsein hat die deutsch-französischen Beziehungen belastet. Wir scheinen aus dieser Falle herausgefunden zu haben. Nach dem Ersten Weltkrieg war „Rache für Versailles“ noch eine zündende Parole. Nach dem Zweiten spielte Rache für Potsdam keine Rolle mehr. Es war nicht nur die totale Zerstörung, die diese Wirkung entfaltete. Es waren die Teilung und – im Westen – auch die massive Unterstützung beim erfolgreichen Wiederaufbau, die die Revanche-Gelüste in Grenzen hielten.

Eine Demütigung Russlands hat nicht stattgefunden

Russlands Lage ist damit nicht zu vergleichen. Während die westeuropäischen Mächte in der ganzen Welt Kolonialreiche errichteten, dehnte sich Russland nach Osten aus. Spanier, Portugiesen, Holländer, Belgier, Engländer, Franzosen, Italiener, Deutsche usw. haben ihre Kolonien längst aufgeben müssen. Russland aber hält die meisten der von ihm eroberten Gebiete weiter fest.

Eine wirkliche Demütigung Russlands hat nicht stattgefunden. Es hat sein Empire bis heute nicht verloren. Gedemütigt wurde nicht Russland, sondern Russland – die Sowjetunion – demütigte Mitteleuropa, das Baltikum und die Völkerschaften zwischen Perm und Kamtschatka. Dass Russland daran heute gehindert wird, wird von denen, die es als Russlands gutes Recht betrachten, andere – im eigenen Land und anderswo – zu demütigen, als Demütigung empfunden.

Wer von den Erniedrigten und Beleidigten spricht, der spricht falsch. Nicht weil es Erniedrigung und Beleidigung nicht gäbe. Es gibt sie. Milliardenfach, stündlich. Aus der Situation des Erniedrigten und Beleidigten kommt man aber erst heraus, wenn es einem gelingt, sich von dem zerstörerischen Gefühl, ein Erniedrigter und Beleidigter zu sein, zu befreien. Das gilt gleichermaßen für Einzelne, für Gruppen, für Staaten und Völker.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion