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Im Unmöglichen das Mögliche zeigen

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Von: Petra Kohse

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Meriam Bousselmi in diesen Tagen in der Akademie der Künste Berlin.
Meriam Bousselmi in diesen Tagen in der Akademie der Künste Berlin. © Paulus Ponizak

Doch wohin mit all den Künstlerinnen und Künstlern, die das Fördersystem anfüttert? Ein Porträt der Dramatikerin und Regisseurin Meriam Bousselmi.

Anfang Oktober war die Dramatikerin und Regisseurin Meriam Bousselmi zu einem Symposium nach Marseille eingeladen. „Rethinking Europa – Europa neu denken“, unter anderem mit der Philosophin Barbara Cassin und dem Verleger Michael Krüger. In ihrem Vortrag sagte die 34-jährige Tunesierin: „Heute Abend, wie an allen anderen, gehört mein Herz dem Orient und mein Geist dem Okzident ... Man mag mir ein Visum verweigern, aber man wird nicht verhindern können, dass meine Seele und mein Geist frei umherirren.“

Meriam Bousselmi hat zur Zeit ein Visum. Dennoch spiegelt ihre poetische Selbstverortung den letztlich eben doch ungeklärten Aufenthaltsstatus vieler junger Künstler und Künstlerinnen aus dem arabischen Raum, die durch Fellowships und Residenzen in den europäischen Kulturdiskurs hineingezogen wurden, ihren Fuß aber nicht richtig auf die Erde bekommen. Denn es genügt ja nicht, mit einem Künstlervisum einreisen zu dürfen und immer wieder mal prominente Auftritte zu haben. Man muss auch von irgendetwas leben.

Meriam Bousselmi ist nicht nur Theatermacherin, sondern auch Juristin. Erst studierte sie in Tunis Regie und Dramatik, danach Rechtswissenschaft. Sie beendete das Studium, bevor sich im Dezember 2010 in Sidi Bouzid ein Obsthändler in Brand setzte und Präsident Zine el-Abidine Ben Ali bald darauf gestürzt wurde. Da beschloss sie, wieder Theater zu machen und bewarb sich für eine Schreibresidenz nach Europa.

Kennengelernt habe ich Meriam Bousselmi ein Jahr später in der Akademie der Künste, wo ich damals arbeitete. Wir hatten ihr Stück „Mémoire en retraite“ („Gedächtnis im Ruhestand“) für einen Abend mit tunesischer Dramatik übersetzen lassen und etwa zeitgleich erhielt sie auf Empfehlung von Roberto Ciulli, dem Leiter des Theaters an der Ruhr, eine dreimonatige Residenz in der Akademie. Christian Grashof und Moritz Grove vom Deutschen Theater lasen im März 2012 das Zwiegespräch zwischen einem alten und einem jungen Mann, die mal als Vater und Sohn, mal als Anwalt und Klient und immer irgendwie als Ben-Ali-Regime und politisierte Jugend figurieren. Das Interesse für Wortmeldungen aus dem Herzen des Arabischen Frühlings war in Europa groß zu dieser Zeit, das für begabte, junge Frauen sowieso.

Ihre erste Residenz hatte Bousselmi im belgischen Chateau du Pont d’Oye gehabt, danach unter anderem eine in Köln bei Globalize: Cologne, im luxemburgischen Théâtre des Capucins, im Tarmac Theater in Paris, im Destelheide Zentrum im belgischen Dworp und der Brüsseler Pianofabriek, schließlich ganzjährig beim DAAD in Berlin… Ihr Lebenslauf liest sich wie ein Wegweiser durch die künstlerischen Fellowships in Europa.

Das Stück „Ce que le dictateur n’a pas dit“ (Was der Diktator nicht gesagt hat), das sie als Stipendiatin in Berlin schrieb, wurde im Juni 2014 am Théâtre de la Ville in Luxemburg in ihrer eigenen Inszenierung aufgeführt. Die Produktion erhielt eine Einladung zum Off-Festival in Avignon 2015, aber aus organisatorischen Gründen, wie so etwas dann heißt, sagte das Théâtre de la Ville die Teilnahme ab. Da stampfte Meriam Bousselmi mit Hilfe der Pianofabriek in Brüssel eine eigene Produktion des Stückes aus dem Boden und reiste damit von sich aus nach Avignon. Sie kann Dinge regeln.

Meriam Bousselmi hat in Tunesien als älteste Tochter und ohne Billigung der Familie Theater studiert und inmitten von Korruption und Revolution ihren Rechtssinn entwickelt. Sie ist eine entschlossene Kämpferin für ihre Überzeugungen, deren grundlegendste die von der überragenden Bedeutung der Kunst für die Gesellschaft ist. Im Rahmen des Theaterfestes Journée Théâtrales de Carthage im November 2015 verfasste sie gemeinsam mit dem Leiter des Festivals Lassaad Jamoussi und dem Politologen Hamadi Rdissi eine „Erklärung zum Schutz von Künstlern in gefährdeten Situationen“ (Déclaration de Carthage pour la protection des artistes en situation de vulnérabilité), die die afrikanischen Staaten auffordert, künstlerische Tätigkeit als etwas prinzipiell Schützenswertes anzuerkennen. Und 2015 sagte sie in einem Interview mit dem französischen Fernsehsender TV5 Monde: „Es ist die Rolle der Kunst, den Menschen eine Perspektive zu geben, ihnen eine kleine Tür zu öffnen und im Unmöglichen das Mögliche zu zeigen.“

Das ungebrochene Pathos, das in diesen Worten liegt, würden europäische Generationsgenossen wohl kaum von sich aus aufbringen. Aber die Sache mit der Ironie ist andererseits ja auch vorbei, und Bousselmis Überzeugtheit steckt an. Sie ist nicht nur auf Symposien, sondern auch auf Festivals ein gern gesehener Gast. Und bei solchen Gelegenheiten spricht sie ohne relativierendes Lächeln über die Verantwortung der Künstler für die Zukunft. Oder geißelt die Korruption.

Meriam Bousselmi hat die Chance, die ihr das europäische Theater in seinem Interesse für den arabischen Raum geboten hat, definitiv genutzt. Sie hat mehrere Stücke geschrieben und inszeniert, Workshops gegeben, eine mobile Installation erfunden und auf mehreren Festivals gezeigt, die Truth Box, aus der Passanten von Schauspielern Sünden zugeraunt werden, wenn sie sich darin niederlassen ...

Allein, nach der Chance, müsste sich jetzt auch ein regulärer Platz für sie in diesem System öffnen. Aber wer an keiner der einschlägigen Kunsthochschulen studiert hat, nicht in der freien Szene verankert ist und nicht den Stallgeruch des Stadttheaters hat, hängt irgendwie dazwischen.

Das gilt ja schon für deutsche Aspiranten. Umso mehr für ehemalige Fellows aus dem arabischen Raum. Was, wenn sie alles gelernt haben und jetzt auch einen eigenen Beitrag leisten wollen? Wohin mit all den Talenten, die das internationale Fördersystem anfüttert? Bis Frühjahr war Bousselmi Gast des DAAD in Berlin. Sie gründete in dieser Zeit mit der deutschen Journalistin Sigrid Brinkmann und der iranischen Theaterwissenschaftlerin Narges Hashempour das Kollektiv Foundou. Die erste Produktion ist ein Stück, das in völliger Dunkelheit gesprochen wird: „A Look At the World“, das im Dezember in Heidelberg aufgeführt wird – als Beitrag zu einem Projekt über arabische Kultur.

Die Projektfalle ist vielleicht das größte Hindernis auf dem Weg zur Normalität. Auch die Darstellerinnen, die in Mohammed Al Attars Stück „Iphigenie“ Anfang Oktober in der Berliner Volksbühne mitspielten, forderten (als Stückinhalt), dass sie  nicht mehr als geflüchtete Frauen aus Syrien, sondern als das wahrgenommen werden, was sie außerdem noch sind. Aber deswegen bleiben sie ja doch geflüchtete Frauen aus Syrien – mit bestimmten Kenntnissen und Talenten natürlich. Dafür, dass dies nicht mehr als Unterscheidungsmerkmal dienen könnte, dass man sie nicht mehr als etwas Besonderes wahrnehmen würde, gibt es viel zu wenige von ihnen.

Meriam Bousselmi indessen versucht es derzeit auch mit ihrem zweiten Standbein.  An der Universität Hildesheim wurde sie mit einem Promotionsvorhaben zu Theater und Recht im Vergleich von Orient und Okzident angenommen. Seither bewirbt sie sich für Stipendien. Bis das klappt oder sie einen anderen Job findet, muss sie immer wieder zurück nach Tunis, wo Frauen jetzt zwar Ausländer heiraten dürfen, aber vermutlich nur, weil es besser ist, als unverheiratet zu sein – wie Bousselmi.

Ein Restaurantjob würde ihr mit ihrem Künstlerinnen-Visum nicht helfen. Aber sie hat noch mehr Ideen wie etwa eine „Kunst-Schule für all die deutschen Jugendlichen, die nach dem Abitur nichts mit sich anzufangen wissen“, was sie wieder ganz ohne Lächeln bei einem Kaffee sagt. „Eine Schule für Motivation, in der sie ihre kreativen Möglichkeiten ausprobieren können.“ Und während ich schon abwinke, weil ich künstlerische Instruktion für das Letzte halte, was 18-jährige Berliner brauchen, denke ich plötzlich: Warum eigentlich nicht? Vielleicht ist es ja am Ende genau das, was hierzulande fehlt.

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