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Geowissenschaftlerinnen in Peking feiern ihren Universitätsabschluss.

Universitäten

Deutschland hat den Anschluss verpasst

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China überholt Deutschland mittlerweile auch bei den Universitäten.

Aus den Medien weiß man, wie unbeirrt China seinen Weg zu einer Weltmacht geht und wie erfolgreich das Land vorankommt. Zumindest der Dynamik der Wirtschaft kann man schwerlich die Bewunderung versagen. Die Fähigkeit der Chinesen, neue Wohn- und Geschäftsviertel, neue Flughäfen sowie großzügige ICE-Strecken und ICE-Bahnhöfe zu bauen, die Züge höchst pünktlich und in der Reihenfolge der Waggons zuverlässig fahren zu lassen, kann man angesichts der generell langwierigen deutschen Planungen, deren Kostensteigerungen und der Unzuverlässigkeit der Deutschen Bahn nur beneiden. Das höhere Maß an Rechtsstaatlichkeit entschuldigt übrigens nicht alle Langsamkeit und Kostensteigerung, wie die zweifellos rechtsstaatliche Schweiz beim neuen Gotthard-Basistunnel bewiesen hat.

Früher hat man China gern als bloßen Nachahmer westlicher Technologien verspottet. Mittlerweile hat das Land sie in vielen Bereichen aufgeholt, steht in der Informationstechnik sogar mit an der Spitze, weit vor Deutschland und andern europäischen Ländern. Für die Batterien, die Elektroautos benötigen, nimmt China, dank eines rechtzeitigen Zugriffs auf die erforderlichen seltenen Erden, eine unangefochtene Sonderstellung ein. Hinter all diesen Erfolgen stehen immer bessere Hochschulen. Sowohl der Regierung als auch den Eltern ist die Ausbildung der Jugend viel Geld wert.

Während eines kürzlichen Aufenthalts in Peking, an der Tsinghua Universität, konnte man erfahren, dass diese Hochschule mittlerweile auf der Weltrangliste des „Times Higher Education Report“ an Nr. 22 steht, damit an der Spitze von China und ganz Asien. Der langjährige Rivale, die Beida (Peking Universität) steht an Nr. 31, beide also vor den besten deutschen Hochschulen, beginnend mit der Ludwig Maximilians Universität (LMU) München auf Rang Nr. 32.

Für Skepsis gegen die Rangliste gibt es durchaus gute Gründe. Auf 3 oder 4 Plätze höher oder niedriger kommt es aber nicht an. Für den Umstand, dass allen Exzellenzinitiativen zum Trotz selbst die besten deutschen Hochschulen abgeschlagen rangieren, reichen die Gründe aber fraglos nicht aus. An der Spitze stehen wieder Oxford und Cambridge, es folgen Stanford, MIT, CalTech, dann erst Harvard, Princeton und Yale. Auch die Chicago University gehört zu den Spitzenzehn.

Man mag einwenden, hier feiere sich die Anglophonie. Das ist nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig, denn noch vor so renommierten Instituten wie der London School of Economics (Nr. 26) und der New York University (Nr. 27) steht die Tsinghua als Nr. 22, und noch weit davor die beste Universität im deutschen Sprachraum, aber nicht in Deutschland: die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) in Zürich (Nr. 11). Die besten deutschen Hochschulen, die Technische Universität München und die Ludwig Maximilians Universität, ebenfalls in München, und die Universität Heidelberg nehmen beachtliche Plätze ein, sind aber doch deutlich abgeschlagen.

Sehr lange Hochschultradition

Was ist angesichts dieser Befunde von einer Exzellenzinitiative zu halten, die glaubt, dass das gegenüber den USA weit kleinere Land Deutschland aus Gründen einer föderalen Gießkannenpolitik ein halbes Hundert Hochschulen für topfähig erklären kann? Auch wenn am Ende nur wenige Hochschulen sich als Ganze „exzellent“ nennen dürfen: Das, was zum wahren Top gehört, quer durch fast alle Fakultäten und Fachbereiche zur Weltspitze zu zählen, trifft auf keine zu.

Man darf daran erinnern, dass Deutschland eine sehr lange Hochschultradition hat. Sein Doktoratsstudium war für das erste PhD-Programm (Philosophical Doctorate), das der Johns Hopkins University von Baltimore das Vorbild, und von dort das Muster der bald weltweit führenden US-Universitäten. Chinas Uni-Tradition ist dagegen jung, die Tsinghua-Universität wurde erst 1911 gegründet, andere Spitzenuniversitäten weit später. Trotzdem gelingt dem Land, was Deutschland nur früher konnte: in der Weltspitze einen Platz einzunehmen.

Der damalige Berliner Wissenschaftssenator wollte in den 1990er Jahren die Humboldt-Universität (HU) zu einem deutschen Princeton machen. Ohne Zweifel hat die HU in etlichen Fächern einen hohen Rang, von Princeton ist die HU aber meilenweit entfernt. Der Grund liegt auf der Hand: Es fehlen die erforderlichen Rahmenbedingungen. Während die Professoren an den weltführenden Universitäten nur zwei bis drei Semesterwochenstunden, maximal zwei Kurse unterrichten, sind es hierzulande in der Regel neun Stunden. Spitzenforschern bietet man sogar, wie im Jahr 1913 Berlin Albert Einstein, eine Professur ohne jede Lehrverpflichtung an. Ferner müsste man die Studenten nicht bloß in NC-Fächern streng auswählen dürfen: Die Tsinghua nimmt von 200 Studenten Chinas einen auf, in den USA und „Oxbridge“, Oxford und Cambridge, verhält es sich ähnlich.

Zwei weitere Schwächen kommen hinzu. Nachdem schon das hohe Lehrdeputat die für die Forschung verbleibende Zeit erheblich verringert, helfen die zahllosen Kommissionen und bürokratischen Aufgaben, die Forschungszeit noch einmal einzuschränken. Und die vermutlich größte Hürde bildet die Betreuungsrelation. An Kaliforniens Technischer Hochschule (CalTec) stehen für 2 000 Studenten 1 000 Dozenten zur Verfügung, an der bei der Exzellenzinitiative besten deutschen Hochschule, der Universität Bonn, beträgt die Relation eins zu 35. Schon bei einer Relation von eins zu zehn stünden deutsche Hochschulen weit besser da, und bei eins zu fünf dürfte etlichen der Aufstieg in die Weltspitze gelingen.

Pro-Kopf-Kosten wurden gesenkt

Ohne Zweifel ist die erhebliche Steigerung der Abiturienten- und Studentenquote eine sozialpolitische Leistung. Sie geht aber nicht mit einer proportional verbesserten Hochschulfinanzierung einher. Stattdessen wurden die Pro-Kopf-Kosten gesenkt, was eine Folge hat, die so gut wie niemand für einen Skandal hält: eine kräftige Unterfinanzierung der Universitäten. Ohnehin sind selbst die reichsten deutschen Bundesländer nicht dazu bereit, die für eine veritable Weltspitze erforderlichen Kosten aufzubringen.

Man muss sich daher fragen, warum ein Land mit wenigen natürlichen Ressourcen und vollmundigen Reden von einer „Wissensgesellschaft“ weder fähig noch willens ist, das zustande zu bringen, was zahlreichen Mittelständlern gelingt: zur Weltspitze zu gehören, vielfach sogar der Weltmarktführer zu sein. Vergessen darf man doch nicht, dass die besten Studenten der Welt ihre Abschlüsse an den besten Hochschulen machen, von dort den Ruf „ihrer“ Universitäten und deren intellektuelle Kultur mit nach Hause nehmen und auf diese Weise zu kostenlosen Botschaftern des entsprechenden Landes werden.

Schlechtreden muss man die deutschen Universitäten zwar nicht. Ihre geisteswissenschaftlichen Seminare zum Beispiel können, was das Niveau der Debatten angeht, mit den besten der Welt mithalten. Folgerichtig sind ihre Absolventen in aller Welt begehrt. Ähnliches ist von Diplomanden der Natur- und Ingenieurwissenschaften zu sagen. Aber nur den Musikhochschulen gelingt, wovon die anderen deutschen Hochschulpräsidien nur träumen können, nämlich nicht nur in dem einen oder anderen Fach, sondern so gut wie in allen Fächern exzellent zu sein. Nicht aus Zufall bewerben sich so viele beste Nachwuchsmusiker der Welt, so dass die Hälfte der Studentenschaft aus dem Ausland kommt. Glücklicherweise bleiben die Besten von den Besten gern hier und bereichern die deutschen Orchester, Chöre und Opernhäuser.

Der Autor ist emeritierter Professor für Philosophie und Honorar-Professor der Tsinghua-Universität in Peking und der Hust/Hubei University of Science and Technology in Wuhan. Er leitet in Tübingen die Forschungsstelle für Politische Philosophie. Zuletzt erschien im C.H. Beck Verlag „Die hohe Kunst des Alterns. Kleine Philosophie des guten Lebens“.

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