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Die Bergleute-Statue von Silverhill in Nottinghamshire. Das heute als Naherholungsgebiet gestaltete Gelände gehörte zu einer Zeche, die in den Neunzigern geschlossen wurde.

„Zentrum und Peripherie“

Die Union zerfällt und merkt es nicht

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Großbritannien leistet sich schwere soziale und geographische Ungleichheiten. Von stärkerer Regionalisierung ist stets nur die Rede.

Als Maria Balshaw vor zwei Jahren zur Generaldirektorin der vier Tate-Museen berufen wurde, jubelte die Kunstwelt Großbritanniens über die erste Frau auf einem der prestigeträchtigsten Posten des Landes. Dass gleichzeitig wieder einmal die Peripherie eine dynamische Persönlichkeit an das mit ungeheurer Energie alles Talent aufsaugende Zentrum verlor, spielte in der Berichterstattung keine Rolle.

Mag die „resolute Frau aus dem Norden“ auch bis heute ihren Lebensmittelpunkt in Manchester haben und wie Millionen von Briten nach London pendeln – Balshaw, 49, gehört nun nach Kindheit in Birmingham, Studium in Liverpool und langen Berufsjahren in Manchester, zuletzt als Leiterin der städtischen Kunstgalerien und des traditionsreichen Whitworth-Museums, zum Londoner Mainstream. Nichts an ihren ersten beiden Amtsjahren deutet darauf hin, dass sie innerhalb ihres Hauses die Akzente verschieben und etwa Künstler stärker fördern will, die in den starken regionalen Wirtschaftszentren oder gar in der Provinz ansässig sind. Zum Tate-Imperium gehören zwar die Museen in Liverpool und im lieblichen St. Ives, das Powerhouse und die zweitgrößte Kulturattraktion des Landes mit mehr als fünf Millionen Besuchern pro Jahr bleibt aber Tate Modern am Themse-Ufer.

Der Fall Balshaw steht symptomatisch für eines der am meisten zentralisierten Länder der westlichen Hemisphäre. In der Weltstadt London ballt sich die geistige, kulturelle, politische und wirtschaftliche Elite Großbritanniens wie vergleichbar höchstens noch in Frankreich. Der britische Teil der irischen Insel, die stolze Nation Schottland, die zunehmend selbstbewussten Waliser, auch einzelne starke Städte verfügen über ihr ganz eigenes Selbstbewusstsein, mittlerweile auch über die dazugehörigen Institutionen. Doch am Ende gilt wie in der katholischen Kirche doch nur, was das Zentrum als Devise vorgibt – Londinium locuta, causa finita, sozusagen: London hat entschieden, die Sache ist entschieden.

In London spielt die Musik, dem Norden nimmt das die Spitzenkräfte. Die neue Tate-Chefin Maria Balshaw (M.), vormals Manchester, 2017 mit Kolleginnen und Kollegen.

Der Zustand hat viele Kritiker, auch an höchster Stelle. Typisch für die Lippenbekenntnisse vieler Engländer sprach der bis Juli amtierende Finanzminister Philip Hammond in seiner Haushaltsrede 2017 davon, in London sei „zu viel Macht konzentriert“. Eine hochkarätig besetzte Kommission des Thinktanks IPPR prangerte Großbritannien im vergangenen Jahr als „in geographischer Hinsicht unausgewogenste Volkswirtschaft Europas“ an. Nach dem deutschem Vorbild der KfW solle eine Nationale Investitionsbank vernachlässigten Regionen und Sektoren der Wirtschaft mit langfristigen Krediten unter die Arme greifen, nicht zuletzt als Ausgleich für die zukünftig fehlenden Mittel aus den EU-Kohäsionsfonds.

Den Brexit wünschten sich mehrheitlich nicht zuletzt die Menschen aus jenen Regionen des Landes, die wirtschaftlich und kulturell im Abseits liegen: weite Teile Englands jenseits der prosperierenden Region rund um London, der Norden, die wenig phantasievoll „Mittelland“ benannten alten Industriestädte, die heruntergekommenen Küstenstädte an der Nordsee und am Ärmelkanal. Premierminister Boris Johnson umwirbt sie mit dem Versprechen von Milliarden-Investitionen in Schulen, Krankenhäuser und die Polizei. Schon meldet sich besorgt Johnsons Nachfolger als Londoner Bürgermeister, Sadiq Khan, zu Wort und fordert für die Hauptstadt mehr Autonomie und umfangreichere Investitionen. Ebenso wie andere Landesteile brauche London „eine ambitionierte neue Regionalisierungsstrategie“, glaubt der Labour-Politiker.

Die Serie

Die Serie „Du gehörst zu mir“ wird in den Sommermonaten von allen FR-Ressorts mit jeweils eigenen Schwerpunkten bearbeitet. Die Feuilleton-Redaktion befasst sich mit den Spannungen zwischen Zentrum und Peripherie in verschiedenen europäischen Nachbarländern. Heute geht es um Großbritannien: FR-Autor Sebastian Borger blickt auf dramatische gesellschaftliche Gegensätze, die vor Jahrhunderten eingerichtet und seither nie grundlegend revidiert worden sind.

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Das zielt vor allem auf die ungebrochene Macht des Schatzkanzleramtes, das auf der Insel eine deutlich stärkere Stellung genießt als die Finanzministerien in vergleichbaren Industrienationen. Nicht umsonst lautet Johnsons offizieller Titel nicht Premierminister, sondern „Erster Herr“ (First Lord) des Schatzkanzleramtes. Wer zahlt, schafft an – bis heute fließen mehr als 90 Prozent aller Steuereinnahmen in dem gewaltigen Gebäudekomplex zusammen, der symbolträchtig gegenüber dem Parlament von Westminster liegt, anders als die versteckte Downing Street.

Freilich hat die enorme Ungleichheit des Landes nicht nur finanzielle oder geographische Ursachen. Viele Furchen durchziehen Großbritannien, nicht zuletzt die Unterschiede sozialer Klassen. Wer zum Zentrum der britischen Gesellschaft gehören will, muss nicht nur auf der „richtigen“ Universität, also Oxford oder Cambridge (kurzum Oxbridge), gewesen sein. Die Auslese beginnt viel früher, und zwar über den Geldbeutel: In Oxbridge einen Studienplatz zu ergattern, bleibt in unvorstellbarem Ausmaß das Privileg junger Leute, für deren Schulbildung die Eltern sechsstellige Summen auszugeben bereit und in der Lage waren.

Aus zwölf Privatschulen in und um London schaffen jährlich rund 500 junge Leute den Sprung nach Oxbridge, durchschnittlich 42 pro Jahrgang. Die meisten Staatsschulen freuen sich, wenn das in einem Jahrzehnt ein oder zwei Absolventen gelingt. Sieben Prozent des Nachwuchses auf der Insel, so hat es die Sutton-Stiftung zuletzt 2017 errechnet, besuchen pro Jahr eine Privatschule. Diese kleine Gruppe macht unter sich den größten Teil der Elitepositionen aus: im Bildungswesen wie in den Medien, im Theater und im Sport, in der Politik wie in der Wirtschaft, den Streitkräften, der Justiz.

Zwei Drittel aller Oscar-Gewinner des Landes, die Hälfte olympischer Medaillengewinner, 43 Prozent der Zeitungskolumnisten, ein Drittel der Rektoren der besten Unis des Landes; ein gutes Drittel aller Kabinettsminister, die Hälfte der derzeit 777 Lords im Oberhaus, 55 Prozent der beamteten Staatssekretäre, die Ministerien leiten; 44 Prozent der laut „Sunday Times“ reichsten Geschäftsleute des Landes, 71 Prozent der höheren Offiziersränge in den Streitkräften, drei Viertel der höchsten Richter – allesamt, Frauen wie Männer, Weiße wie die Angehörigen ethnischer Minderheiten, erhielten die Grundlage ihrer Bildung nicht an den Gymnasien und Gesamtschulen des Landes, sondern an einer Handvoll von jahrhundertealten Institutionen wie Winchester oder Eton College, deren Ursprünge ironischerweise oft auf wohltätige Stiftungen zugunsten armer Kinder zurückgehen.

Das Resultat ist „die materiell am schärfsten geteilte Gesellschaft britischer Geschichte“, erklärt der Autor Robert Verkaik in seinem Buch „Posh Boys“. Die 1000 reichsten Familien auf der Insel verfügen über ein Gesamtvermögen von 547 Mrd Pfund (604 Mrd Euro), während vier Millionen von derzeit 66 Millionen Briten international gültiger Definition zufolge „in dauerhafter Armut“ leben. „Wer arm geboren wird, stirbt wahrscheinlich auch arm“, schreibt Verkaik und fügt ironisch hinzu: „Und weiß noch nicht einmal, dass es gemeinnützige Einrichtungen wie Harrow, Charterhouse oder Eton gibt.“ Tatsächlich genießen die Schulen der Reichen und Privilegierten bis heute den steuerbegünstigten Status von Wohltätigkeitseinrichtungen.

Unter dem Old Etonian Boris Johnson wird sich daran ebenso wenig ändern wie unter der Vorherrschaft Englands und seiner Hauptstadt. Einzig Schottland hat sich, angefeuert von den Unabhängigkeitsbestrebungen der in Edinburgh regierenden Nationalpartei, zuletzt ein wenig aus dem Korsett finanzieller Vorgaben aus London befreit. Der 1707 mit England abgeschlossene Vertrag zur Union als Großbritannien sicherte dem Bildungssystem mit der damals in Europa einzigartigen allgemeinen Schulpflicht, dem Rechtssystem sowie der presbyterianischen Kirche den Fortbestand ihrer Sonderrechte zu. Ermöglicht wurde dadurch der Aufstieg von Edinburgh, dem „Athen des Nordens“, zu einem der wichtigsten Standorte der europäischen Aufklärung. Schotten wirkten weit über ihren Anteil an der gesamtbritischen Bevölkerung hinaus an führenden Stellen im Empire und der Londoner Administration.

Seit die Labour-Regierung 1997 dem Drängen des Nordens nach einem eigenen Parlament nachgab, verzeichnet London einen brain drain hochkarätiger Beamten und Politikerinnen. Waren 1997 unter Tony Blair die Ressortchefs für Finanzen, Äußeres, Verteidigung, Justiz und Verkehr, dazu natürlich für Schottland, allesamt aus dem Norden, so gibt es heute weder im Labour-Schattenkabinett noch in Johnsons Regierung eine prominente schottische Stimme.

So zerfällt die Union beinahe, ohne es wirklich zu realisieren. Und während bei der Volksabstimmung 2014 noch 55 Prozent der Schotten am Vereinigten Königreich festhalten wollten, „gab es zuletzt erstmals seit drei Jahren in einer Umfrage die knappe Mehrheit für die Unabhängigkeit“, berichtet der Sozialwissenschaftler Jan Eichhorn von der Uni Edinburgh.

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