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Mark Obert ist Magazinredakteur der Frankfurter Rundschau.

Times Mager

Unheilsam

Der Bär war zahnlos, und die Welt staunte. Warum bloß? Am Ende haben sich die Russen doch nur wieder selbst erfüllt. Mutlos haben sie sich ihrem Schicksal

Von MARK OBERT

Der Bär war zahnlos, und die Welt staunte. Warum bloß? Am Ende haben sich die Russen doch nur wieder selbst erfüllt. Mutlos haben sie sich ihrem Schicksal ergeben, haben nach dem 1:0 der Spanier nicht mehr, wie es heißt, dagegengehalten.

Zutiefst niedergeschlagen dürften russische Fans deswegen nicht sein. Zu oft schon sahen sie talentierte Mannschaften wie die aktuelle im letzten Moment scheitern; selbst der legendäre Paradesturm der Eishockey-Sbornaja der 70er Jahre wurde weniger verflucht denn geliebt, weil er bei Gegenwehr, vor allem tschechischer, mit trübtraurigem Blick unterm Helm dem Unheil entgegensah.

Das Unheil abwenden zu wollen, gilt als eher unrussisch, weil lächerlich. Die Geschichtsbücher sind ja längst geschrieben, das Unausweichliche muss nur noch erlitten werden. So wartet auch in der russischen Literatur, zumal in der grotesken, immer irgendwer darauf, seine düsteren Ahnungen bestätigt zu bekommen - und wird selten enttäuscht.

Als doppelt fatal erweist sich dabei, dass die von diesem Fatum gestreichelte Schwermut des Russen höchstes trivialkulturelles Kapital darstellt. Wie ergreifend doch die russische Seele ihr Dauerunglück beweint. Was Wunder also, dass sich der Russe in dieser Angelegenheit gern als weltweit kernkompetent ausweist.

Davon abgesehen mag man in Deutschland die Russen ja nicht so sehr, wie auch eine jüngere Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgefunden hat. Ressentiments gegen Russen, verankert selbst im weltoffenen Bürgertum, dokumentierten sich nun auch in Sportberichten: Weil's den Russen gelang, machte das böse Wort Doping die Runde. Und die Tatsache, dass Präsident Medwedew so wie Kanzlerin Merkel zur EM anzureisen gedachte, wurde hier und da als Propaganda angeprangert.

So und wieder halbwegs nüchtern betrachtet, hat die Sbornaja mit dem Verzicht auf einen Finalsieg gegen Deutschland der Völkerverständigung gedient. Und ihren holländischen Trainer womöglich vor einer zweifelhaften Ehre bewahrt: einem monströsen Denkmal. Von Stalin gibt es vielerorts noch welche. Dem Feldherrn des Großen Vaterländischen Krieges werden nun die Huldigungen dafür, ein sich anbahnendes Unheil doch noch abgewendet zu haben, weiterhin exklusiv zuteil.

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