+
„Man entfolge großzügig Leute, deren Beiträge einen unglücklich machen.“

Update

Unheil dosieren

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
    schließen

Die Grenze zwischen Schonung der eigenen Kräfte und Verdrängung schlechter Nachrichten ist schwierig. Was hilft?

Vergangene Woche handelte diese Kolumne vom Begriff des „Doomscrolling“, also dem Umstand, dass Timelines in sozialen Netzwerken zeitweise so voll mit schlechten Nachrichten sind, dass man gar nicht mehr weiß, wo man hingucken soll. Vorschläge zum Umgang mit Nachrichtenunglück bin ich aus Platzgründen schuldig geblieben. Allerdings gelingt es mir selbst nur gelegentlich, einen Umgang mit der Nachrichtenlage zu finden, der nicht entweder aus Verdrängung oder Verzweiflung besteht. Es handelt sich also beim Folgenden nicht um bewährte Strategien, sondern nur um ein Protokoll meines eigenen Herumprobierens.

In den ersten Jahren der sozialen Netzwerke hätte ich lediglich einen einzigen Ratschlag gehabt und ihn ausreichend gefunden: Man entfolge großzügig Leute, deren Beiträge einen unglücklich machen. Aber es waren einfachere Zeiten damals. Vielleicht waren sie nur für mich einfacher, weil meine Welt im Netz überwiegend Menschen enthielt, die entweder kaum Probleme hatten oder sich über diese Probleme nicht öffentlich äußerten. Vielleicht war aber auch die übliche Nutzung sozialer Netzwerke eine andere. Heute ist das Entfolgen jedenfalls keine Option mehr. Theoretisch könnte man alle vor die Tür setzen, die über Missstände berichten, oder täglich Inhalte von anderen teilen, die das tun. Praktisch werden die drei friedlichen Eichhörnchenfotografinnen, die nach so einer Aktion übrig bleiben, schon nächste Woche das politische Thema entdecken, über das auch sie nicht länger schweigen können.

Das Stummschalten von Nachrichten, die bestimmte Stichwörter enthalten, ist eine sinnvolle Option, wenn es sich um Themen handelt, an denen man nichts ändern kann. Wenn man den ganzen Tag Schlimmes und Trauriges liest, aber auf den jeweiligen Sachverhalt keinen Einfluss hat, verliert man die Energie, an den schlimmen, traurigen Sachen zu arbeiten, an denen man etwas machen könnte. Es ist nicht leicht, dabei die Grenze zwischen Schonung der eigenen Kräfte und Verdrängung aller unangenehmem Nachrichten richtig zu ziehen. Aber es hilft, wenn man sich diese Abwägung immer wieder bewusst macht.

Suchen Sie sich zwei Weltuntergänge aus und ignorieren Sie den Rest. Andere Freunde werden währenddessen Engagement für oder gegen ganz andere Themen fordern (oder zu fordern scheinen). Setzen Sie Likes unter deren Beiträge und belassen Sie es dabei. Das wird gelegentlich als wirkungsloser „Clicktivism“ geschmäht, aber ein Like ist mehr als nichts und ermutigt die Aktiven. Machen Sie sich immer wieder bewusst, dass viele andere auch überwältigt und überfordert sind. Es ist in Ordnung, einen Zufluchtsort im Netz zu haben, an dem die Probleme noch nicht angekommen sind.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Wenn man selbst über einen Missstand schreibt, ist es hilfreich, wenigstens gelegentlich Vorschläge für konkrete Aktivitäten mitzuliefern. Selbst wenn davon niemand Gebrauch macht, denken die Lesenden dann nicht „Alles ist aussichtslos“, sondern „Ich könnte etwas tun, vielleicht mach ich es sogar, gleich nachher oder morgen.“ Sie müssen nicht die gesamte Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Thema allein herstellen und alle fünf Minuten darüber posten. Andere helfen ja mit.

Auf die Frage, ob man Tierfotos, Wortspiele und mittelwichtige Nachrichten teilen darf, während es überall brennt, weiß ich leider auch keine Antwort. „Read the room“ lautet ein in letzter Zeit häufig zu lesender Ratschlag, was sinngemäß bedeutet, dass man sein Publikum betrachten und keine Witze reißen soll, wenn man feststellt, dass man sich auf einer Beerdigung befindet. Allerdings kann man ja nur die eigene Timeline wirklich kennen. Die Timelines der anderen sind unsichtbar, man benimmt sich also womöglich wie ein Elefant, ohne von der Existenz des Porzellanladens zu wissen. Wenn man den Porzellanladen schon klar erkennt, sollte man sich jedenfalls vorsichtig bewegen – im Zweifelsfall auch mal gar nicht.

Falls Sie schon beim Lesen der Kolumne der vergangenen Woche dachten „Ich weiß gar nicht, was sie meint, in meinem Internet ist die Welt noch in Ordnung“, haben Sie sich Ihre sozialen Netzwerke vielleicht etwas zu bequem eingerichtet. Betrachten Sie die Demografie Ihres privaten Universums wie eine Denksportaufgabe: Was haben die dort versammelten Personen gemeinsam? Folgen Sie dann ein paar Leuten, die anders aussehen, in anderen Zeitzonen leben, anders heißen, andere Berufe oder andere Chromosomen haben. Es müssen gar nicht viele sein. Das Ziel ist nicht Herausforderung rund um die Uhr. Eine menschenfreundliche Timeline zeichnet sich dadurch aus, dass sie selbst dann, wenn buchstäblich gerade die Welt untergeht (weil zum Beispiel ein riesiger Meteorit heranrast), noch ein paar Bilder enthält, auf denen Eichhörnchen lustige Dinge tun.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare