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Je zwei Silben für den  Talk: Broder, Geißler, Schwarzer, Jörges.
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Je zwei Silben für den Talk: Broder, Geißler, Schwarzer, Jörges.

Neues Abendprogramm bei der ARD

Die unendliche Talkshow-Welle

Ein Talkshow-Welle überrollt die TV-Republik, allein die ARD sendet demnächst an fünf Abenden die Woche Rede-Shows. Abwechslung sieht anders aus, zu sehen gibt es immer dieselben Schwafler.

Von Antje Hildebrandt

Erinnert sich eigentlich noch jemand an Norbert Grupe? Der Prinz von Homburg, wie sich der Boxer selber nannte, ging als fleischgewordene Schweigeminute in die Geschichte der Talkshow ein. Es geschah am 21. Juni 1969 im ZDF-„Sportstudio“. Weil ihn die kritischen Fragen des Moderators ärgerten, tat Grupe das, was auch dem einen oder anderen Talkshow-Kandidaten gut zu Gesicht stünde: Er schwieg.

An diesen Moment wird man sich wohl wieder erinnern, wenn die ARD im Herbst in die Talk-Offensive geht. An fünf Abenden pro Woche wird der Zuschauer dann zugetextet. Ob er diese Überdosis verkraftet, wird davon abhängen, ob es den Jauchs, Beckmännern, Plasbergs, Wills und Maischbergers gelingt, neue Kandidaten zu casten. Das Reservoir ist begrenzt. Schon jetzt halten auf allen Kanälen die üblichen Verdächtigen die Polster warm. Eine Typologie.

Dekorativ zerfurchtes Gesicht

Das Talkshow-Reptil: Es hat schon den Dreißigjährigen Krieg, sämtliche Bundeskanzler und auch noch einen Hubschrauberabsturz überlebt. Weshalb sich die Frage erübrigt, woher sich das Talkshow-Reptil das Recht nimmt, seine Meinung als das Evangelium zu verkaufen. Prominentester Vertreter dieser Spezies ist Heiner Geißler, 80 Jahre alt. Sein dekorativ zerfurchtes Reptiliengesicht unterstreicht seinen Anspruch auf die Vorherrschaft unter den Talkshow-Veteranen. Wer unfallfrei die 180-Grad-Wende vom Falken zur Friedenstaube schafft, den kann man mit beinahe jeder Position in den Ring jagen. Konkurrenz droht ihm höchstens von Peter Scholl-Latour, dem ewigen Kriegs- und Krisenreporter. Perspektive: Reanimiert für RTL den Krawalltalk „Der heiße Stuhl.“

Der Experten-Darsteller: Wann immer ein Thema vom Himmel fällt, das mit Medien zu tun hat oder von der guten alten Tante ARD als jugend-relevant eingestuft wird, muss ein Vertreter der Generation Ü 30 her. Weil der Medienpsychologe Jo Groebel der Spätadoleszenz mit sechzig Jahren soeben entwachsen ist, muss immer häufiger ein eloquenter Mittdreißiger als Experte herhalten, von dem keiner so genau weiß, wofür er steht: Sascha Lobo. Für die einen ist er ein Web-Irokese oder ein Werbefuzzi, für die anderen der Klassensprecher der Generation Web 2.0. Perspektive: Läuft sich als Nachfolger für den Sonntagstalker Peter Hahne warm. Neuer Arbeitstitel der Show: Laber! Locker! Lobo!

Die Mutti der Nation: Inge Meysel hat es vorgemacht. Als erste Frau im deutschen Fernsehen beanspruchte sie das Privileg für sich, anderen Talkshow-Gästen ins Wort fallen oder den Moderator ausbremsen zu dürfen. Kaum war die Schauspielerin verstorben, da riss sich eine richtige Mutter die Planstelle unter den Nagel: Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Frauen und Familie. Wo sie auftaucht, dürfen sich Moderatoren während der Sendung eine Pinkelpause gönnen. Charmant wie die CDU-Frau ist, könnte sie auch noch die Abschaffung von Hartz IV als soziale Wohltat verkaufen. Privates rückt die Mutter der Nation jedoch kaum noch heraus. Wer über Kindererziehung oder Liebe im Alter plaudern will, muss mit Senta Berger oder Veronica Ferres vorlieb nehmen. Perspektive: Bastelt an einer härteren Variante von „Schlag den Raab.“

Die ewige Feministin: Wann immer es um Frauenthemen geht, Ursula von der Leyen aber irgendwie zu parteiisch erscheint, kommt die mindestens ebenso toughe Alice Schwarzer zum Zuge. Darf sogar neuerdings auch bei eher männeraffinen Themen wie der Bundeswehr mitreden. Was unter allen Umständen zu begrüßen ist. Perspektive: ARD-Expertin bei der Frauenfußball-WM.

Der Dolmetscher: Er füllt die Lücke zwischen dem Talk im Elfenbeinturm und der Realität im Hartz-IV-Land. Wann immer in der virtuellen Realität der Talkshow ein Mensch benötigt wird, der die Beschwichtigungsformeln neoliberaler Koofmichs als Sonntagsreden entlarvt, schlägt seine Stunde. Sein Name: Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Lobbyist der Armen. Besondere Kennzeichen: Koteletten bis zu den Kniekehlen. Perspektive: Wird als Nachfolger für das weiße Betroffenen-Sofa bei „Anne Will“ eingesetzt.

Doppelrolle für Peymann

Der Rüpel: Er ist das Chili im Talk-Allerlei, ein Defibrillator für jede Talkshow, die nur noch verbale Autopiloten abbekommen hat, die nicht bemerken, dass beim Abspielen ihrer ewig-gleichen Platte die Nadel hakt. Dem Rüpel würde das nie passieren. Entweder, er hat keine Manieren und steht dazu wie Claude-Oliver Rudolph. Oder er wartet die Argumente der anderen erst ab, um sich dann mit einer gegenteiligen Position in die Nesseln zu setzen wie Henryk M. Broder. Der Theaterintendant Claus Peymann ist in beiden Rollen zu Hause: als Pausenclown, Eisbrecher oder Terroristenfreund. Als einen der letzten politischen Träumer, so sieht sich Peymann selber. Was große Jungs eben so sagen, wenn sie Rambo spielen. Perspektive: Wird geklont, damit er auch weiterhin möglichst viele Talkrunden aufmischen kann.

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