Städel Frankfurt

Unendliche Striche

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Das Frankfurter Städel zeigt die wunderbaren Neuerwerbungen seiner Graphischen Sammlung. Der Titel der Schau lautet „Give me five“.

Dafür ist die Parallele wahrscheinlich erfunden worden. Dass die Striche richtig eng zusammenkommen, um eine ganze Welt trefflich wiederzugeben. Dafür, dass sie dann unendlich wirke. Wie etwa bei Pieter Brueghel, dem Älteren, als er 1561 die „Kirmes am St.-Georg-Tag“ schuf, einen Kosmos der ausgelassenen Freude. Der keine holländische Welt für sich wäre, zugleich ein wimmelndes Welttheater, ohne die Parallelschraffur, gestochen scharf.

Überhaupt nicht dem Irdischen frönend war das, was Gabriel Ehinger um 1670 auf Papier bannte, ebenfalls Strich für Strich. Aus dem Nebeneinander entstand ein Gewebe des Düsteren, eine Szene des Unheimlichen. Parallelschraffuren auch hier. Und mit Strichlein, klein und fein, wird ein Jenseitiges bibelfest beschworen. Auf dass sich Saulus und Samuel zum Zwiegespräch treffen.

Beide Werke sind jetzt zusammengekommen in einer wunderbaren Ausstellung im Frankfurter Städel. Einhundert Neuerwerbungen präsentiert das Museum von heute an in seinem Graphischen Kabinett, die Bereicherungen stammen aus der Zeit des späten 15. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Von der Federzeichnung über die Kreidezeichnung, die Radierung bis zum Linolschnitt reicht das Spektrum der Techniken. Jutta Schütt, Leiterin der Graphischen Sammlung ab 1750, hat die Präsentation kuratiert. Von hundert Neuheiten zu sprechen, bedeutet angesichts der 100.000 Zeichnungen, die das Städel bewahrt, vielerlei – auf jeden Fall einen konzentrierten Blick. Privatpersonen, Künstler und Händler haben, so Städel-Direktor Max Hollein, gestiftet und geschenkt, dazu wurde angekauft. Und wenn das nachweislich in den letzten sieben Jahren war, dann war es für das Städel ein sehr fruchtbarer Zyklus.

Scharfe Kaltnadelarbeiten und verwischte Fotos

„Give me five“, so der Titel der Schau. Es ist ein Motto, das vielleicht ein wenig faustdick aufträgt. Auch meint Jutta Schütt, die „Arbeiten wollten einfach an die Wand“, was alles andere als selbstverständlich ist angesichts all der empfindlichen Werke auf Papier. An der Wand, wo sie jetzt wirken, sind sie ja hochgradig gefährdet, das leuchtende Blumengebinde, das Herman Henstenburgh im Jahr 1700 schuf, im Stil der Zeit, ein blendender Augentrug. Ihm gegenüber eine Arbeit von Jackson Pollock, ohne Titel, 1943 entstanden, und was immer der Linolschnitt zeigt, er tut es schwarz-weiß. Hier die beklemmenden Bildwelten Goyas, dort die Lithografie Robert Longos. Der schwankende Oberkörper eines sehr smart angezogenen Mannes, offenbar beschämt ist er auch, wirbt für die Schau auf dem Ausstellungsplakat.

Sechs Bereiche umfasst die Ausstellung, und gleich zu Anfang steht der Besucher, neben der Tür linker Hand, vor einem Städel-Blatt, dem aquarellierten Situationsplan, den Oskar Sommer 1872 von der Anlage am Mainufer schuf. In einem Seitenflügel der Ausstellung geht der Weg der Druckgraphik zurück fast bis zu ihren Anfängen – zwei Radierungen, eine aus dem Rheinland, eine aus Süddeutschland, stammen aus dem späten 15. Jahrhundert. Die Handschrift des süddeutschen Meisters konzentrierte die spätmittelalterliche Szenerie mit einer Heiligen auf der Größe einer Visitenkarte.

Die Schau versammelt gestochen scharfe Kaltnadelarbeiten und verwischte Fotoarbeiten, verblassende Linolschnitte und, neben Miniaturen, die monumentale Arbeit Christiane Baumgartners, eine aus Holzschnittstreifen zusammengefügte Straßenszenerie. Die Neuerwerbungen bestehen aus den Arbeiten Peter Sorges, Eugen Schönebecks und Alfred Hrdlickas – womit sie die 60er- und 70er-Jahre als die Zeit der großen Depression zeigen. Wolfgang Mattheuers grotesk raumgreifender „Jahrhundertschritt“ ist zwangsläufig 1989 entstanden.

Diese Ausstellung kennt keine Chronologie, sie konfrontiert vielmehr mit Verblüffendem, etwa einer solchen Kostbarkeit wie Rembrandts „Schlafendem Hund“, einem äußerst entspannten Wesen, dessen Vertrauen in die Umwelt wohl auch deshalb so riesig ist, weil der Schlaf der Kreatur von der unendlich zarten Hand eines Großmeisters unter den Radierern behütet wurde. Eine weitere Rarität, die einzige in Deutschland, ist Giovanni Domenico Tiepolos „Pulcinella“-Zeichnung. Gewöhnlich erscheint, als wäre es von Natur aus so, das venezianische Leben turbulent. Aber das wäre ja trivial, und so zeigt es Tiepolo hier ohne Vitalität.

Durchschlagend unsurreal

Es gibt Paarungen und Verweise, Korrespondenzen und nicht zuletzt Zitate. Da steht der Besucher etwa vor einer Arbeit Candida Höfers, mit der sie sich im Jahr 2010 scheinbar realistisch mit dem Innern eines Palazzo auseinandersetzte, dabei mit nichts weniger als endlos sich auftuenden Räumen, die einer der zwei, drei größten Radierer aller Zeiten, Giovanni Battista Piranesi, so kunstvoll wie beklemmend zu kreieren wusste. Piranesi, in der Ausstellung nicht vertreten, ist also doch anwesend.

Neben den bereits erwähnten Besonderheiten zeigt die Schau Max Ernsts bestechende „Schmetterlingscollage“, so surreal wie durchschlagend unsurreal. Ins nicht unmittelbar Fassbare verrückt sind die vage-lasziven Sofaszenen Cornelius Völkers. Ins Hyperrealistische aufgebrezelt ist manche Arbeit ganz bewusst. Und wenn David Hockney zwei Männer in haarfeinem Umriss vor einem Spiegel zeigt, in dem sich die Entblößten jedoch nicht spiegeln, und wenn Alexander Roob für eine Serie vor Ort ging, und dieser Ort waren 1995 die Tierversuchslabore von Bayer, dann rahmen beide, Hockney und Roob, zwei Porträts von Max Beckmann, ein mildes Kinderantlitz und eine drastische Verzerrung.

Korrespondenzen, Querverweise. Offensichtliche Beziehungen, verschwiegene. Eine verborgene Spur ist eine besonders schöne, und sie hat mit Adam Elsheimer zu tun, ist doch das Städel ein Ort des Frankfurters Adam Elsheimer (1578 – 1610). Er schuf nicht viel, aber er malte den ersten Sternenhimmel der Kunstgeschichte, womit er dem transzendental gestimmten Teil der Menschheit wahrhaftig den Horizont aufriss. Nicht im Städel hat der Sternenhimmel Elsheimers seine Bleibe (der Sternenhimmel hängt in München). Aber kaum hat man sich von Elsheimers kleiner Szene gelöst, kaum also hat man sich von einigen Menschen abgewendet, die ihre Köpfe zusammenstecken, flüsternd, kaum also lauscht man nicht mehr der Intrige, denn es geht um die „Verleugnung Petri“, steht man vor einer Arbeit Vija Celmins’.

Auf den ersten Blick hat die gebürtige Lettin einen Nachthimmel fixiert, unser aller Firmament. Die Grafikerin hat das unendliche Schwarz eher samtweich aufgespannt, und wenn die Himmelskörper funkeln, dann tun sie es wohl nicht nur vollkommen natürlich, dann wurde dem Sternenzelt in unendlichen Prozeduren nachgeholfen.

Städel, Frankfurt: bis 23. Juni.

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