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Dürr war die Silvester-Gala von Stefan Raab.
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Dürr war die Silvester-Gala von Stefan Raab.

Silvester-Übel

Ultimativ, gigantisch, charismatisch

  • Harald Keller
    VonHarald Keller
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Notizen und Nachbetrachtungen zum Silvesterprogramm des Fernsehens. Von Harald Keller

Ausnahmsweise entspricht die Floskel den Fakten: Der Auftakt zum Silvesterfernsehabend geriet enttäuschend. Zu Zeiten Karl Moiks war es im "Silvesterstadel" üblich, den Reigen mit einer irrwitzigen Kamerafahrt zu beginnen, die mittenmang durchs Publikum führte, der Reihe nach die defilierenden Künstler ins Bild nahm und nebenbei noch kapriolende Artisten erfasste. Daneben fallen sogar die Plansequenzen aus "Fegefeuer der Eitelkeiten" oder "Goodfellas" ab, zumal deren Operateure keine hochgestimmten Zaungäste gewärtigen mussten, die beim "Stadl" wippend oder wackelnd in den Gängen stehen.

Nicht schön auch, dass Stefan Raab seinen Beitrag zu den Feierlichkeiten wie alle Jahre "Die große TV total Silvester Gala" nannte, die "Gala" aber so glanzlos und dürr ausfiel wie derzeit vieles beim darbenden Senderduo ProSieben/Sat.1. Nun war der Herr Raab im abgelaufenen Jahr wieder sehr fleißig und konnte so mit seinem Material locker bald vier Stunden Bruttosendezeit füllen.

Auch beim zweiten Sehen erzeugte noch Heiterkeit, wie Raab den Gitarristen von AC/DC mit seiner Forderung nach standesgemäßem Fehlverhalten in Verlegenheit brachte oder Marius Müller-Westernhagen in dessen Anwesenheit parodierte. Einige Studioaktionen fielen recht zäh aus, dafür gab es als Entschädigung eine Session mit Kid Rock, der seinerzeit in der Werbepause mit Raab und seinen Heavytones spontan Bob Segers "Old Time Rock'n'Roll" zum Besten gab. Alles in allem wohl erträglich, aber Raab hätte Besseres vermocht.

Die dritte verlässliche Größe im Silvesterprogramm bildet André Rieu, der beim ZDF einen Stammplatz innehat. Und wer da glaubte, die Rolling Stones trieben den größtmöglichen Aufwand bei ihren Tourneen, der hat die Bühne des niederländischen Schmalz- und Walzerkönigs noch nicht gesehen. Eine mehrstöckige Schlosskulisse hatte er in Melbourne in den Telstra Dome setzen lassen, eine pompöse Riesenschaubude mit Orchesterpodium nebst Eisbahn, überkrönt von einem kompletten Wiener Ballsaal. Nur mal so als Einlage ließ Rieu eine sechsspännige Kutsche samt Sisi-Darstellerin ins Stadion einfahren oder eine Dudelsack-Kapelle aufmarschieren. Der Mann liefert was fürs Geld, und er weiß, wie man Emotionen anstachelt. Es hat schon seine Art, wenn das Orchester den so genannten "Sportpalastwalzer" (eigentlich "Wiener Praterleben") aufführt und ein paar tausend Australier mitpfeifen.

3sat, das an diesem Silvestertag wieder rund um die Uhr Konzertmitschnitte zeigte, begegnete dieser Gigantomanie mit einsamer Klasse. Eine Bühne ohne Brimborium, ein Orchester, eine Stimme und viel Charisma: Frank Sinatra, 1970 live in der Londoner Royal Festival Hall. Charmant angesagt von Gracia Patricia von Monaco. Sie erzählte von den Dreharbeiten zu der Komödie "Die oberen Zehntausend". Seltsame Fügung: Ein paar Stunden später läuft der Film im Programm der ARD.

Wer da glaubte, Andrea Kiewel habe sich nach ihrem Schleichwerbeskandal dünne gemacht, sieht sich an diesem Abend schwer getäuscht. Die quirlige Betriebsnudel besprach bei RTL mit Gastgeber Oliver Geissen und anderen Mitwirkenden so gewichtige Dinge wie "Die ultimativen Après-Ski-Hits", meldete sich bei Sat.1 in der Wiederholung von "Die Hit-Giganten" zu Wort und präsentierte in ihrem angestammten Wirtssender ZDF ab 22.15 Uhr "Die ZDF-Hitparty", wo uns neben dem allgegenwärtigen DJ Ötzi und der ebenso unvermeidlichen Stimmungskapelle Hermes House Band auch die Trachtentruppe Dschinghis Khan begegnete, deren Mitglieder sich trotz gehobenen Alters noch immer in Kostüme werfen, die selbst im Karneval skeptische Blicke auf sich ziehen würden.

Nochmals bizarrer wurde es um 22.50 Uhr im "Silvesterstadl". Dort hatte man Gus Backus aus dem Ruhestand geholt und weckte damit Erinnerungen an Silvestersendungen aus den 60er Jahren. Der beim Kurzinterview sehr verwirrt wirkende Backus besang noch einmal den Mann im Mond, den alten Häuptling der Indianer - mit den schmucken Zeilen "Wild ist der Westen, schwer ist der Beruf" - sowie, im Duett mit Andy Borg, die Bohnen in den Ohr'n.

Die wünschte man sich nach dem Umschalten zu RTL II, das anders als die meisten großen Sender eine Live-Sendung zustande und am Brandenburger Tor diverse Popstars auf die Bühne brachte. Dort lärmte gerade Uwe Ochsenknecht, den seit Beginn seiner Sangeskarriere der Spruch begleitet: Sag, sind meine Boxen schlecht? Oder singt hier grad der Ochsenknecht ... Wohl dem, der zu 3sat wechseln konnte. Bei Tina Turner vergaß der Chronist seine Pflichten, verlangsamte den Umschaltrhythmus und blieb endgültig hängen, als die unverwüstliche alte Dame zu "Proud Mary" ansetzte.

Und auch in diesen Stunden des Übergangs bemühten sich gedungene Kräfte einschlägiger Kleinstsender, "Fettverbrennungskapseln" oder den "Grand Prix der Volksmusik" auf vier CDs zu veräußern oder Zuschauer durch simulierte Countdowns zu kostenpflichtigen Anrufen zu verleiten. Derweil berichtete CNN um 0:30 Uhr über die Sondersitzung der UNO zur Gaza-Krise. Da sah man die draußen noch anhaltenden Feuerwerke - die schönste mitternächtliche TV-Übertragung übrigens war dem WDR gelungen - mit ganz anderen Augen.

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