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Wet Satin: Überdruss und Katharsis

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Von: Stefan Michalzik

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Vielleicht Satin, aber trockener. Fuzz Club Records
Vielleicht Satin, aber trockener. © Fuzz Club Records

Das Debüt des kalifornischen Duos Wet Satin fügt einem Quilt viele bunte Vierecke hinzu.

Kolumbianische Cumbia gekreuzt mit deutschem Kraut-rock? Die Vorstellung weckt die Befürchtung, dass aus dieser außergewöhnlichen Kombination eine scheußliche Gewolltheit resultieren könnte. Oder ebensogut eine unerhörte Herrlichkeit – und das ist der glückhafte Fall bei dem kalifornischen Duo Wet Satin, bestehend aus Jason Miller und Marc Melzer, beide vormals Mitglieder der Psychedelic-Rock-Band Lumerians.

Wenn die rhythmische Textur, wie gleich zu Beginn in „WitchKraft Singles“, klingt als ob die afrokaribische Cumbia sich auf das Gleis des „Trans Europa Express“ begeben hätte, geht der assoziative Sprung zu den aus alten Orchesteraufnahmen geschnipselten Kraftwerk-Latin-Versionen von Uwe Schmidts Señor Coconut; das Verhältnis dazu lässt sich als schwagerschaftliches charakterisieren. Unter „entfernte Verwandtschaft“ ist gleichfalls der Entwurf der „Exotica“ von Martin Denny in den fünfziger Jahren einzuordnen.

Ein wenig Sprechgesang

Vibraphon, Bass und Synthesizer sind die Hauptinstrumente, sämtlich handelt es sich bei den zehn Nummern um Instrumentals, sieht man von dem erotisch-schwülen weiblichen Sprechgesang in „Brandy Stains“ ab.

Das Album:

Wet Satin: Wet Satin. Fuzz Club Records.

Ein Touch von Isaac Hayes’ Titelmelodie zu dem Blaxploitationklassiker „Shaft“ (1971) mit ihrer charakteristischen Snare Drum und einer gehörigen Funkyness ist „Sun Glitter“ eigen, gleichzeitig steht die Nummer dem musikalischen Minimalismus nahe. Disco und Karibik sind in „Colored Tongues“ eins. Melancholie mit einem Flair von Westernfilmmusik nach Morricone-Art macht das abschließende „Erta Ale“ aus.

Dazu kommen auf dem Album Afro Funk sowie deutsche Synthiemusik aus den siebziger Jahren von Bands wie Harmonia und Cluster, Wet Satin selber nennen darüber hinaus die psychedelische Chicha aus dem Peru der sechziger Jahre.

Der Bandname flog Wet Satin – nasser Satin – zu, als Jason Miller von dem US-amerikanischen Science-Fiction-Autor Philip K. Dick träumte, einem seiner Bücher indes ist er nicht entnommen. Später erst stellte sich heraus, dass es in den siebziger Jahren eine so betitelte, überwiegend von Frauen verfasste Reihe erotischer Comics gab.

Ihre Musik kategorisieren sie in deutsch-englischer Wortkombination als „Kosmische Tropicale“. „Wir wollten etwas machen, das Spaß macht“, haben sie in einem Interview wissen lassen. Etwas, das den Quellen ihrer Inspiration Respekt zolle, „indem es dem Quilt ein Viereck hinzufügt, anstelle des Versuchs einer Replik.“ Des weiteren sprechen sie von „einer hedonistischen Atempause von unserer herrschenden Höllenlandschaft“ und von einem „endlosen Buffet des Leidens, für das man einen lebenslangen Pass hat, um sich daran zu laben“. Bei dem Album handle es sich um ein Produkt aus Überdruss und notwendiger Katharsis.

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