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Moderne Architektur als Strategie des Einfügens und des Gegenüberstellens: Albert Viaplanas und Helio Pinons Um- und Unterbau  der Avenida Joán XXIII aus dem Jahre 1996.
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Moderne Architektur als Strategie des Einfügens und des Gegenüberstellens: Albert Viaplanas und Helio Pinons Um- und Unterbau der Avenida Joán XXIII aus dem Jahre 1996.

Der Überbau und die Stadt

  • VonReinhart Wustlich
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Architektur in den Städten am Wendekreis des Südens: Santiago de Compostela ist eine Stadt, in der sich das Wetteifern um Größe mit technischen Finessen paartDer Bilbao-Effekt ist Auslöser einer Serie von Missverständnissen, dessen wichtigstes ist, man könne Museen bauen, ohne eine Sammlung vorzuweisen. Nach einem Besuch in Vigo gilt der heutige Halt der alten Pilgerstadt Santiago de Compostela in Galicien. Schließlich wird auf dem "Wendekreis des Südens" noch in Porto Station gemacht.

Santiago Calatravas Palacio de las Artesin Valencia, neues Zeichen des Wirtschaftswunders der Kultur Spaniens, erinnert daran, dass die Geste des Monumentalen, die dieser exzentrischen Architektur entspricht, lange Tradition hat. Spaniens diesbezüglich berühmtestes Bauherren-Credo datiert vom Beginn des 15. Jahrhunderts, aus Sevillas Domkapitel, das 1401 beschloss, die alte Moschee abzureißen. Den überaus ehrwürdigen Beteiligten soll es darum gegangen sein, eine Kathedrale zu bauen, "so groß und von solcher Art, dass alle, die sie schließlich sehen würden, denken müssten, dass wir verrückt waren!"

Das in der Gotik begonnene, in der Renaissance vollendete Werk, geprägt als in Stein gehauener Sinn für das Ereignis, ist ein bauliche Symbol, das selbst zum Medium wurde. Auch das Hauptretabel im Innenraum ist, mit 45 großen Szenen, eine enorme Bildwand, deren "Monitore" einzeln beinahe einen Meter im Geviert messen. Tatsächlich war die Kathedrale, vom Giralda, dem ehemaligen Minarett begleitet, nach St. Peter in Rom und St. Paul's in London der drittgrößte Dom Europas.

Das Wetteifern um Größe, mit technischen Besonderheiten gepaart, vermag auch 600 Jahre später noch die Phantasie der Zeitgenossen zu fesseln. Die Bescheidenheitsvermutung wird im 21. Jahrhundert nicht nur durch Hochhäuser wie den Freedom Tower auf New Yorks Ground Zero widerlegt. Spätestens in Renzo Pianos europäischem Beitrag zur Errichtung der größten Kirche der Welt - der Padre-Pio-Wallfahrtskirche im apulischen San Giovanni Rotondo (2004), in der allein dreißig Beichtstühle zur Buße einladen - zeigt sich, dass auch kirchliche oder kulturelle Werke anfällig bleiben für das Eitle der großen Geste.

Verrücktheiten eingeschlossen

Die Geste des Bauens, "so groß und von solcher Art", dass sie alle Verrücktheit einschließt, könnte überboten werden durch ein Vorhaben, dessen Dimensionen die Ausdehnung einer ganzen Altstadt erreichte, sie gar überböte: eine bauliche Vision, die kaum nach Hunderten von Metern im Geviert gemessen werden könnte. In der Theorie, quasi im Überbau, wäre es denkbar, dieses Ziel als Stadt der Kultur ( Cidade da Cultura de Galicia ) zu bezeichnen. Und so ist es geschehen in der galicischen Kapitale Santiago de Compostela. Der galicische Schriftsteller Manuel Rivas charakterisierte, bereits vor der Entstehung dieses trojanischen Projekts, den Wandel der ehemals bescheidenen Grenzregion als Ausdruck, "in dem Epochen, Mentalitäten und verschiedene Formen von Ästhetik zusammenfließen Eine Art Metapher der Welt, auf 28 000 Quadratkilometer verdichtet."

Mitte der 1990er Jahre wurde in Santiago noch anders gemessen. Damals trafen sich auf der Plaza de la Quintana , dem Platz mit der außergewöhnlichen, bald fünfzig Meter langen Granitbank am Fuße der Mauer des Renaissance-Klosters San Paio de Antealtares, der Grandseigneur der Tessiner Architektur, Luigi Snozzi, und der Edle aus Porto, Álvaro Siza, um sich über die historische Stadt, die Poetik des Raumes und ein exemplarisches Projekt Sizas auszutauschen: das legendäre Centro Galego de Arte Contemporánea, Museum für zeitgenössische Kunst, das 1991 eröffnet worden war.

Die Verankerung des Centro an der historischen Textur erfolgte, da menschlicher Maßstab im Spiel war, eben nicht Monumentalismus, über so sinnlich nachspürbare Beiträge, wie sie durch handwerkliche Arbeit entstehen. Wie sie durch den Granit des Ortes gerahmt werden, der sich im flutenden Weiß der Raumfolgen des Museums erweitert. Und durch den Garten des Konvents von San Domingo de Bonaval , den Siza als Versprechen der Landschaft in die Ausblicke des Museums einbezog, indem er den Park zugleich archäologisch rekonstruierte und modern interpretierte, indem er ihm zu einer bereichernden Koexistenz mit der Klosteranlage und dem Museum verhalf.

Es ging darum, "das Gedächtnis des Ortes zu ergründen", um kulturelle Arbeit an der Stadt, eine Arbeit, welche die Architektur einer sensiblen Moderne in einen historischen Kontext hineinzutragen vermag, ihn damit reflektiert und erneuert. Auch konnte für dieses Exempel gelten, dass das Centro Teil einer Kontinuität werden konnte: "Die Idee, Architektur sei gegen alles resistent", so Siza, "ist falsch: es gibt, im Gegenteil, immer eine Kontinuität - in Bezug auf das Terrain, das Klima, die gebaute Umgebung. Auch wenn man mit der Diskontinuität, der Ablehnung spielt."

Kulturelle Arbeit an der Stadt zeigt, wie weit heutige Rationalisierungsforderungen die Arbeit von kulturellen Bezügen entfernt haben. Um das zu verstehen, könnte man sich eines Begriffs von Arbeit entsinnen, der sich mit Hartmut Böhmes erweitertem Begriff des "Haushaltens" ("auch der Kultur des Hervorbringens, Wachsens, Schenkens, Erweckens - also mit dem Kreativen und Generativen im umfassenden Sinn") in Verbindung bringen ließe, in dem die Vorstellung eines "im ethischen Sinn guten Lebens" erhalten bliebe.

Angst essen Nähe auf. In diesem Sinne bestand zunächst Angst vor der modernen Architektur, und dieser sah sich auch Siza gegenüber, als er die Entwürfe für das Centro Galego präsentierte: "Es ist das Misstrauen in die Kunst, die Angst vor der Kreativität, dem Neuen, dem Unbekannten." Zunächst sollte Sizas Museum möglichst fern der Altstadt gelegen sein, während der Architekt das Centro als Teil des kulturell erweiterten Lebens verstand, das seinen Platz möglichst nahe am Stadtzentrum haben müsse.

Die sensible Vorgehensweise eröffnete Siza die Perspektive eines weiteren ungewöhnlichen Projekts - für die Fakultät für Informationswissenschaften (2000) auf dem nördlichen Campus. Zwischenzeitlich gab es mit Albert Viaplanas und Helio Piñóns Um- und Unterbau der Avenida Joán XXIII (1996), einem weiteren Import (aus Barcelona) - ein eher sensibles Projekt der Infrastruktur, das ausgedehnte Tiefgaragen- und Touristenbuskomplexe unter einem topografischen Grat versteckte und den Weg zur Kathedrale mit einer offenen Stadtloggia vor der Kulisse der Stadt und ihren Platzfolgen krönte. Moderne Architektur bedeutete in Santiago zu dieser Zeit noch eine Strategie des Einfügens, des Gegenüberstellens, der Koexistenz, der Weiterentwicklung und Akzentuierung städtischer Räume.

Und dann erfolgte diese Wendung ins Monumentale, die man in dieser alten Stadt nicht vermutet hätte: eine geradezu kafkaesk gebrochene Sehnsucht nach dem fernen, unerreichbaren Schloss, nach der unbetretbaren, verbotenen Stadt, nach dem ultimativen Überbau. Befördert durch Peter Eisenmans dekonstruktivistische Theorie der Über-Bauung, verfestigte sich der aus dem Überschwang der Autonomiebestrebungen Galiciens gespeiste Plan einer eigenen Kulturstadt, da Eisenman sie in einem Größenrausch-Entwurf zur Überbauung der Bergkuppe des Monte Gaias wörtlich nahm. Statt sie Theorie bleiben zu lassen. Und so ist sie auf dieser Hügelkuppe, der Altstadt Santiagos in einiger Ferne gegenüberliegend, im Bau als Megaprojekt. Als eine Art von Überkrustung der Landschaft mit industriellen Mitteln, die einst eine Fläche von 70 ha überformen wird. Ein erster Bauabschnitt, die Bibliothek Galiciens und das Zeitungsarchiv, sollte in diesem Sommer fertig gestellt werden, doch der Abschluss der Bauarbeiten wird, dem Augenschein nach, auf sich warten lassen.

Die Idee der Poetik des Raumes

Eine Konzeption sucht Gestalt. Mit Sizas Idee der Poetik des Raumes wird sie nichts zu tun haben. Und selbst die von Bruno Taut in den zwanziger Jahren formulierte Idee einer Stadtkrone wird um ein Vielfaches übertroffen sein, wenn das Programm einmal realisiert ist. Ihm fehlte jedoch, das hat selbst Eisenman gespürt, ein eindrückliches Zeichen.

Da traf es sich, dass Eisenmans Partner aus den New York Five -Tagen, der 2000 verstorbene John Hejduk, ein Projekt für Santiago nachgelassen hatte. Zwei ursprünglich für den Belvis Park entworfene, filigrane Turmbauten, moderne Paraphrasen der historischen Klostertürme Santiagos und in ihrem Kontext verständlich, die auf den Monte Gaias transloziert, doch damit ihrer Herkunft aus der historischen Stadt entfremdet wurden: weil es dem Überbau der Kulturstadt nicht an Verrücktheit, wohl aber an Zeichenhaftigkeit und Augenfälligkeit mangelte.

Mehr: Architektur

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