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Es geht nämlich bei Meinungsverschiedenheiten im Netz gar nicht immer um Beschimpfungen oder unverlangte Penisbilder. 
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Es geht nämlich bei Meinungsverschiedenheiten im Netz gar nicht immer um Beschimpfungen oder unverlangte Penisbilder. 

Update

Über alles reden

  • Kathrin Passig
    vonKathrin Passig
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Wer im Netz eine Gruppe gründet, will sich anfangs nur über ein spezielles Thema austauschen. Warum ändert sich das?

Früher oder später wollen immer alle über alles reden. Man ruft irgendwas ins Leben – eine Fußpilz-Selbsthilfegruppe, einen Online-Buchclub, eine Whatsapp-Gruppe zur Planung eines Urlaubs, einen Mailverteiler für die Kommunalpolitik. Anfangs benehmen sich alle Beteiligten gut und reden nur über Fußpilz, Bücher, Urlaubspläne und Umgehungsstraßen. Aber schon kurze Zeit später wird im Buchclub über Umgehungsstraßen geredet, in der Politikgruppe über Fußpilz – und an allen vier Orten über Urlaub. Damit sind alle unzufrieden, aber niemand kann etwas daran ändern.

Es geht nämlich bei Meinungsverschiedenheiten im Netz gar nicht immer um Beschimpfungen oder unverlangte Penisbilder. Viel häufiger sind die Konflikte, die auch und vielleicht sogar besonders bei nettem Umgang miteinander auftreten. Eigentlich wollen alle, dass es in einer Gruppe, die sich zur Unterstützung des einheimischen Eichhörnchens gegründet hat, vor allem um Eichhörnchen geht. Aber dann entläuft ein Hund, eine Teilnehmerin sucht ganz dringend eine neue Wohnung, oder in den USA sind Wahlen, und in diesem Ausnahmefall geht es nicht anders: Es muss kurz vom eigentlichen Thema abgewichen werden.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

Das Geburtstagsparadoxon besagt: „Befinden sich in einem Raum mindestens 23 Personen, dann ist die Chance, dass zwei oder mehr dieser Personen am gleichen Tag Geburtstag haben, größer als 50 Prozent.“ Weniger bekannt: Ab einer Gruppengröße von 23 Personen liegt auch die Chance, dass an einem beliebigen Tag im Jahr eine Wohnung oder ein entlaufener Hund gesucht wird oder es sonstige gute Gründe gibt, ein sachfremdes Thema anzuschneiden, bei mehr als 50 Prozent.

Falls alle bei der Gründung der jeweiligen Gruppe so vorausschauend waren, eine Person mit besonderen Rechten auszustatten, kann diese Person jetzt moderierend eingreifen. Sie kann die Beteiligten freundlich bitten, zum Thema Eichhörnchen zurückzukehren. Diese Amtshandlung hat zwei Nachteile. Erstens stellt sie selbst eine Abweichung vom Eichhörnchenthema dar. Zweitens ist die Mahnung zahnlos, denn die Moderatorin kann die Betreffenden auch bei wiederholten Themaverfehlungen nicht vor die Tür setzen. Gerade die, die am meisten zum eigentlichen Thema der Gruppe beitragen, sind wahrscheinlich gleichzeitig die häufigsten Themaverfehler.

Dazu kommen die Fälle, in denen es geradezu unhöflich wäre, nicht vom Thema abzuweichen: Ein wichtiger Feiertag steht bevor. Ein neues Jahr beginnt. Jemand hat Geburtstag. Das Geburtstagsparadoxon wäre eigentlich zu ergänzen um den Zusatz: Befinden sich in einem virtuellen Raum mindestens 23 Personen, dann wird jeden Tag eine dieser Personen Geburtstag haben. Jedenfalls gefühlt, denn es dauert ja auch eine Weile, bis alle wieder fertig sind mit dem Gratulieren. Auch wer lieber über das ursprünglich vorgesehene Thema reden würde, kann in so einer Situation nicht einfach schweigen, das wäre zu unfreundlich. An vielen Orten sind die Beteiligten auch gar nicht versammelt, weil sie unbedingt in einem Buchclub sein wollten, sondern weil sie einander mögen. Die Geburtstagsglückwünsche sind also ein legitimes, wenn nicht sogar das wichtigste Thema.

Wird beschlossen, zusätzlich zum Hauptthema einen Nebenkanal zu schaffen, in dem alle über alles reden können, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich die gesamte Diskussion in den Nebenkanal verlagert. Auch wenn es wirklich einmal um das vorgesehene Thema gehen sollte, wird es im Kanal „Sonstiges & Fun“ besprochen werden.

Es gibt für dieses Problem drei Lösungsmöglichkeiten. Erstens kann, wer das Wohl des einheimischen Eichhörnchens befördern will, eine Fußpilz-Selbsthilfegruppe gründen und abwarten, bis die Gespräche von allein in Richtung Eichhörnchenhilfe mäandern. Die zweite Möglichkeit: Einfach alles bei der Gründung „über alles“ nennen, offizielles Thema und Ziel ist das Reden über alles, Schwerpunkt Geburtstagsglückwünsche. Die dritte Option: Kommunikation überhaupt unterbinden. Ein gutes Beispiel ist das Musikspiel „Beat Saber“, das es seit einigen Wochen auch als Multiplayer-Version gibt. Fünf Leute können darin gegeneinander antreten. Zu sehen sind die anderen jeweils als Spielfigur, die nur aus Kopf, Rumpf und Händen besteht. Die Kopfbewegungen werden von der VR-Brille getrackt, die Handbewegungen von den Controllern, die man in den Händen hält, und was der Rumpf macht, erfindet die Software einfach dazu. Obwohl es technisch ganz einfach gewesen wäre, eine Kommunikationsmöglichkeit einzubauen – die VR-Brille enthält Kopfhörer und ein Mikro –, hat die Firma Beat Games darauf verzichtet. Die Spielenden können einander nur freundlich zuwinken, mehr nicht. So wird jede Uneinigkeit über passende und unpassende Gesprächsthemen elegant vermieden.

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