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Albert Speer (r.) besichtigt mit Hitler und Architekt Leonhard Gall den Baufortschritt am "Hause der Deutschen Kunst", circa 1937.

NS-Architekt

Über Albert Speer, den "guten Nazi"

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Speer-Biograf Magnus Brechtken spricht im Interview über den NS-Architekten Albert Speer und dessen folgenreiches Narrativ.

Professor Brechtken, der Tod des Architekten Albert Speer am 15. September hat auch die Erinnerung an seinen Vater wachgerufen, den NS-Rüstungsminister und „Architekten Hitlers“. Wie ist der Sohn mit der Doppelbelastung aus Zeit- und Familiengeschichte umgegangen?
Speer junior hat mehrfach von seinem Bemühen um größtmögliche Distanzierung vom Vater berichtet. Er hat sich in Interviews entsprechend geäußert. Aber er ist zum Beispiel auch einmal ins Bayerische Hauptstaatsarchiv gegangen, wo Entwurfszeichnungen seines Vaters liegen, die dieser mit einem Autor angesehen hatte, der ihn verehrte und für den größten Architekten des 20. Jahrhunderts hielt. Speer junior fürchtete, dass ein entsprechend apologetisches Machwerk dabei herauskommen würde. Genau das geschah dann auch. Er wollte darüber im Bilde sein, vermutlich auch für kritische Nachfragen.

Immerhin hat er denselben Beruf ergriffen wie sein Vater.
Ich würde jedem Menschen zubilligen, dass er seinen Talenten und seiner ureigenen Berufung folgt – unabhängig von Herkunft, Eltern und Familie. Auch in meiner Arbeit über Albert Speer senior bin ich dem Grundsatz gefolgt: Man sollte die Kinder in Ruhe lassen, sie sind nicht für ihren Vater verantwortlich. Und diejenigen, die sprechen wollten, haben das ohnehin schon vor Jahren getan.

Aber Sie nennen Speers Frau Margarete sein „letztes Opfer“.
Es ist wichtig festzuhalten, wie sehr Speer seine Familie instrumentalisiert hat – das gilt für seine Frau wie für seine Kinder. Er hat ein Familienidyll vorgespiegelt, das es faktisch nicht gab. Margarete Speer hat nahezu ihr ganzes Leben ihrem Mann und dessen Karriere geopfert. In den letzten Jahren vor seinem Tod hatte Speer dann ein offenes Verhältnis mit einer deutlich jüngeren Frau. Speers Tochter Margret sieht einen direkten Zusammenhang zwischen dieser Erfahrung und der Erkrankung ihrer Mutter, die schließlich auch zu ihrem Tod führte.

Was hat Sie an der Figur Albert Speer gereizt?
Seit den 1980ern forsche ich über den Nationalsozialismus. Und seit den 1990ern sind politische Memoiren zu einem eigenen Forschungsfeld geworden, dem ich mich intensiv gewidmet habe. Speers „Erinnerungen“ und die „Spandauer Tagebücher“ wurden damals als glaubwürdige Quelle angesehen, vieles daraus findet sich bis heute in Geschichtsbüchern. Sobald man aber die Details prüft, sieht man, dass vieles erfunden und erlogen ist. Diese Fabeln und Lügen systematisch durch Fakten und Informationen aus den Quellen zu ersetzen, ist die ureigenste Aufgabe des Historikers. Kurz: informieren und aufklären.

Woran lag es, dass das lange nicht geschah?
Die deutsche Nachkriegsgesellschaft und viele Historiker als ein Teil von ihr haben Speers Erzählungen begierig aufgesogen, weil Speer als prominente Figur des NS-Regimes im Großen das wiedergab, was viele Deutsche im Kleinen über sich gesagt wissen wollten: dass sie im Grunde mit Hitler und den Nazis nichts im Sinn hatten; dass sie Verführte, Getäuschte und Unbeteiligte waren. Speer lieferte das perfekte Narrativ dafür und sorgte mit seiner Dauerpräsenz in den Medien dafür, dass seine persönliche Legende vom „guten Nazi“ und die kollektive Legende vom „unschuldig verführten Volk“ regelmäßig weitererzählt wurden. Das gilt übrigens bis heute. Beispielsweise vergeht wohl kein Monat, in der nicht irgendwo auf der Welt die Weltkriegs-Doku-Reihe „The World At War“ aus den 1970er Jahren läuft. Darin tritt Speer als Kronzeuge auf und erzählt weiter seine Märchen. Auch die BBC verbreitet weltweit Doku-Geschichten zu Speer, die seit Jahrzehnten überholt sind.

Sind wir im Umgang mit der eigenen Vergangenheit nicht alle ein bisschen Speer?
Schon Friedrich Nietzsche hat den Mechanismus beschrieben, wie wir Menschen die Vergangenheit konstruieren: „,Das habe ich getan‘, sagt mein Gedächtnis. ,Das kann ich nicht getan haben‘, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.“ Das ist etwas ganz Menschliches, bei Albert Speer genauso wie bei jedem von uns.

Womit die Erkenntnis durch die „Oral History“ mit ihrer Konzentration auf die „authentischen Zeugen“ insgesamt an Wert verliert?
Nur wenn man alles für objektiv hielte, was die Zeitzeugen als Wahrheit ausgeben. Aber so naiv sollte niemand sein.

In Speers Fall war es so.
Das stimmt, aus den besagten Gründen – und mit schwerwiegenden Folgen. Seine Erzählungen wurden als authentische Augen- und Ohrenzeugenberichte behandelt, lange ohne über den Anteil des Konstruierten nachzudenken. Obendrein tat Speer unablässig so, als legte er vor sich und der Welt ehrlich und präzise Rechenschaft ab – wider besseres Wissen. An dieser Stelle schlägt ein entschuldbares Fantasieren, ein „Herauserinnern“ aus der eigenen Vergangenheit um in die moralisch nicht haltbare Fälschung der Vergangenheit. Speer log. Er wusste, dass er log, und er tat alles dafür, dass seine Lügen nicht herauskamen.

Das soll Ihr Buch ändern?
Ich möchte, dass einer breiten Öffentlichkeit bekannt wird, was seit 15 Jahren und länger Stand der wissenschaftlichen Forschung ist: Speers Rolle bei der Judenverfolgung, Speers Rolle bei der Organisation von Auschwitz, Speers Rolle bei Verlängerung des Krieges. Dabei geht es mir nicht allein um eine Dekonstruktion des Speer-Mythos, sondern um eine faktenbasierte Sicht auf den Nationalsozialismus und sein Herrschaftssystem. Anders gesagt: Ich will, dass Speers Erfindungen aus den Geschichtsbüchern verschwinden und die Tatsachen aus den Quellen hineinfinden.

Für einen Historiker klingt das bei Ihnen nach reichlich Furor.

Das ist nicht mein Motiv. Vielleicht stellt sich der Furor beim Lesen ein – als Folge dessen, was ich so emotionslos wie möglich zu schildern versucht habe. Natürlich lasse ich mich ebenso ungern belügen wie Sie. Mag sein, dass das Motiv der Lügenaufklärung in meinem Buch so stark durchkommt, dass es wie Furor wirkt. Aber diese Lügen haben das historische Urteil über den Nationalsozialismus beeinflusst und geprägt, bis in die jüngere Gegenwart.

Ausgangspunkt dieser Entwicklung war der Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess 1945/1946. Muss man Speer nicht zumindest zugestehen, dass er seinen Kopf retten wollte?
Selbstverständlich wollte er sein Leben retten, und das ist völlig nachvollziehbar. Er hat sehr schnell gemerkt, wie dankbar ihm die Alliierten dafür waren, dass er ihnen Informationen aus dem innersten Führungszirkel des NS-Staats lieferte. Schon in den Verhören der Amerikaner etabliert sich Speer als unpolitischer Technokrat, als talentierter Manager der Rüstungsindustrie und Kopf des deutschen „Rüstungswunders“. Dieses Bild von ihm hatten dann viele Beteiligte und Richter im Nürnberger Prozess. Zudem war Speer der einzige Angeklagte, der Notwendigkeit und Legitimität des ganzen Verfahrens anerkannte. Das ist die Basis für Speers Nimbus vom „einsichtigen, reuigen, geläuterten Nazi“ – wiederum eine perfekte Täuschung und zugleich eine Projektionsfläche für Millionen Deutsche.

Hätten die Richter Speer im Lichte dessen, was heute bekannt ist, zum Tod verurteilt wie Göring und andere?
Ganz klar ja. Wobei es schon in Nürnberg ein Ungleichgewicht in der Beurteilung der individuellen Schuld gab. Fritz Sauckel etwa, faktisch ein Untergebener Speers, wurde wegen seiner Rolle als Zwangsarbeiter-Organisator gehängt. Speer, der Sauckel antrieb, kam mit 20 Jahren davon. Für Speers angebliche Distanzierung vom NS-Regime schon ab 1943 finden sich keine zeitgenössischen Quellen. Im Gegenteil. Ich habe mir sehr genau die Motivationsreden angeschaut, die Speer noch nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 gehalten hat: Da ist er zusammen mit Himmler und Goebbels ein Antreiber. Den dreien geht selbst der „Führer“ Adolf Hitler nicht mehr energisch genug voran. Mit dieser Haltung ist Speer unmittelbar mitverantwortlich für Millionen Tote. Wir wissen ja, dass im letzten Kriegsjahr mehr Menschen ums Leben gekommen sind als in den vorangegangenen fünf Jahren zusammen.

Nach dem Krieg hat er sich demgegenüber als Sympathisant oder gar Unterstützer des Widerstands um Staufenberg ausgegeben.
Aber erst, als der militärische Widerstand in Deutschland populär zu werden begann. Noch in den 50er Jahren galten die Attentäter ja als Verräter. Erst danach wurden sie als Vertreter des „anderen“, besseren Deutschlands wahrgenommen. Speer registrierte das und erzählte von einer besonderen Nähe – auch das eine besonders dreiste Geschichtsklitterung.

Warum kam er damit sogar bei den 68ern durch, die doch ständig danach fragten, was ihre Väter „damals“ getan hätten?
Genau deswegen – die biografischen Fragen galten den eigenen Vätern. Und politisch war Speer für die 68er nur ein Funktionär in einem Staat, den sie – marxistisch interpretiert – als ein letztes Aufbäumen des Kapitalismus betrachteten. Der ideologische Kampf der 68er galt der Bundesrepublik als dem Staat, den sie in der Kontinuität des Dritten Reichs sahen. Speer war für sie ein Erinnerungserzähler, aber kein wirklicher Gegner.

Welche Bedeutung hatte das ästhetische Moment – also Speers Architektur?
Ich würde weniger von Ästhetik sprechen als von Ideologie. Die nationalsozialistische Architektur, also auch Speers Gebäude, ist Rassenideologie in Stein. Die Bauten hatten eine spezifische Funktion: Das deutsche Volk durch Monumentalität zu überwältigen und zu führen. Die Architektur sollte die Überlegenheit der arischen Rasse ausdrücken. In Hitlers „Kulturreden“ ist das aufs Deutlichste formuliert, wurde aber lange Zeit unterschätzt, weil Speer auch darüber seine Ablenkungsgeschichten erzählt hat.

Rolle und Ruf Speers sind bis in unsere Tage bestimmt von seinen eigenen Büchern, aber auch von den Werken des Historikers und Publizisten Joachim C. Fest. Wie stellt sich diese Verbindung aus heutiger Sicht dar?
Was heute noch in den Geschichtsbüchern über die NS-Zeit lesen, ist vielfach beeinflusst von den Erzählungen, die Albert Speer und seine Mit-Autoren Joachim Fest und der Verleger Wolf Jobst Siedler gemeinsam konstruiert haben. Als Autor der „Erinnerungen“ und mehr noch der „Spandauer Tagebücher“ war Speer international ein Star des Literaturbetriebs. Allein für die Vorabdruckrechte der Tagebücher hat die „Welt“ 1975 die astronomische Summe von 600 000 Mark bezahlt. Es war Fest, der Speers erzählerische „Rohmasse“ mit stilistischer Eleganz versah. Fest hat ja einen eigenen Sound – räsonierend, sinnierend, deutend, weniger analytisch, kaum empirisch. Er vermag seine Leser in einen literarischen Wohlfühlraum zu versetzen. Dieses Talent hat er Speer dienstbar gemacht. Und Wolf Jobst Siedler als instinktsicherer Verleger hat daraus Bestseller gemacht.

War Fest und Siedler klar, dass Speer sie belügt?
Es hat sie nicht interessiert. Noch nicht einmal die offensichtlichsten und zugleich monströsesten Lügen – wie Speers angebliche Unwissenheit über die Geschehnisse in Auschwitz.

Waren Fests Buch „Der Untergang“ und der gleichnamige Film von 2004 in diesem Sinne die womöglich letzten großen Einflüsse zwei Jahrzehnte nach Speers Tod 1981?
Es war zumindest die suggestive Orchestrierung einer seit Jahrzehnten überholten Heldensaga durch den Buchautor Fest und den Filmproduzenten Bernd Eichinger. Die verklärende Perspektive insbesondere des Films hat mit der historischen Wirklichkeit jedenfalls wenig zu tun. Die Requisiten stimmen, die Uniformen sitzen perfekt – aber was die Leute sagen und wie sie sich zueinander verhalten, ist in wesentlichen Teilen eine literarische Konstruktion, die in hohem Maße von Speers Fabeln beeinflusst ist.

Warum hat das noch am Beginn des 21. Jahrhunderts funktioniert?

Weil es so eine schöne Geschichte ist: dramatisch, mit Blut, Schweiß und Tränen, filmisch ansprechend und schauspielerisch packend. Im Gegensatz dazu hat sich der Filmregisseur Heinrich Breloer fast zeitgleich intensiv mit der Forschung zu Speer befasst, und es ist spannend zu sehen, wie er Fest im Doku-Drama „Speer und Er“ vor laufender Kamera mit den Fakten konfrontiert. Fest ist sichtbar überrascht von vielen Fakten und schiebt alles auf Speer, der allen „eine Nase gedreht“ habe. Spannend ist daran, dass Fest daraus keinerlei Konsequenzen gezogen hat, sondern bis zuletzt vieles weiter erzählt, was er immer erzählt hat, mit allen Fehlern.

Was glauben Sie, warum?
Fest hätte mit der Dekonstruktion Speers auch seine eigene Rolle transparent machen müssen, sein Mitkonstruieren an den Büchern, seine Ignoranz gegenüber der Forschung, auch sein Mitverdienen wäre wohl zur Sprache gekommen. Sein Ruf als Historiker und Großintellektueller stand im Feuer, drohte zu kollabieren. Also wehrte er sich, um die Fassade zu erhalten. Das ist psychologisch verständlich, aber in hohem Maße irrational, jedenfalls ist es von Geschichtswissenschaft und öffentlicher Aufklärung weit entfernt.

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