Christian Lindner von der FDP redet im ZDF Sommerinterview 2020.
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FDP-Chef Christian Lindner lässt im ZDF-Sommerinterview seinen Charme spielen.

TV-Kritik zum ZDF-Sommerinterview 

Christian Lindner im ZDF zwischen Frust und peinlicher Selbstdarstellung 

  • vonAstrid Theil
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Für die FDP gestaltete sich dieses Jahr bisher nicht gerade vorteilhaft. Daran wird wohl auch das ZDF-Sommerinterview mit Christian Lindner nichts ändern. Die FR-Kritik.

  • Christian Linder (FDP) im Sommerinterview „Berlin direkt“ (ZDF) zu Gast.
  • Lindner äußerte sich bereits in der ARD zu Thomas Kemmerich.
  • Die FDP schneidet in aktuellen Umfragen schlecht ab und bleibt in der Corona-Krise blass.

Düsseldorf – Das zweite Sommerinterview, das der FDP-Parteivorsitzende Christian Lindner in diesem Monat gab, begann mit einer Szene, die selbst beim Zuschauen unangenehm war. Nach einer kurzen Einführung durch die ZDF-Fernsehjournalistin Shakuntala Banerjee flanierte Christian Lindner mit weißen Sneakern und Jeans bekleidet ins Kamerabild, das im Hintergrund einen Panorama-Blick auf Düsseldorf bot. Auf seine ausgestreckte Hand zur Begrüßung – die „Corona-Fauxpas-Bilder“ der innigen Umarmung zwischen Lindner und dem Honorarkonsul Weißrusslands drängten sich beinah zwangsweise auf – reagierte Banerjee sichtlich irritiert. Nach verschiedenen unkoordinierten Handbewegungen einigten sich beide schließlich auf einen Faustgruß. Es folgte ein Kommentar von Lindner zum pinken Hosenanzug der Journalistin und schließlich – Gott sei Dank – mit zwei Fragen an Lindner der direkte inhaltliche Beginn des Sommerinterviews. Damit war der Anfang geschafft. 

ZDF-Sommerinterview mit Christian Lindner – FDP und Populismus 

Auf die Frage, welche Unart im politischen Betrieb in Berlin nach der Pandemie verschwinden solle, hatte Lindner eine direkte Antwort: das „bewusste Missverstehen-Wollen als Stilmittel der politischen Rhetorik“. Dieses von ihm beschriebene Phänomen tritt häufig im Repertoire von Populisten auf. Da Lindner bereits vor der Corona-Krise und seit dem Ausbruch der Pandemie noch stärker mit populistischen Thesen auffiel, lässt einen diese Aussage aufhorchen. Ganz besonders, wenn man sich Twitter-Beiträge wie „Mundschutz ja, Maulkorb nein!“ oder die von Lindner im Rahmen des FDP-Parteitags in Berlin vorgebrachte Aussage zu Fremdenangst in der Schlange beim Bäcker vor Augen führt. Entsprechend fiel die Antwort Banerjees aus, mit der sie offiziell das Interview einleitete: „Das merken wir uns mal.“ Ein guter Vorsatz. Nicht nur für das Gespräch.  

Es folgten weitere Fragen im Themenkomplex der Corona-Krise und mehrere Kritikpunkte seitens des FDP-Parteivorsitzenden. Er forderte ein schnelleres Agieren des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU) und eine Verbesserung der als „Trauerspiel“ bezeichneten Corona-App. Ein Corona-Pflichttest für rückkehrende Urlauber aus Risikogebieten müsse umgesetzt werden. Prinzipiell sei es dem FDP-Parteivorsitzenden zufolge nicht „entschuldbar“, mit notwendigen Maßnahmen zu lange zu warten. Denn nun „haben wir das Wissen“. Was genau unter „Wissen“ fällt, führte er allerdings nicht weiter aus. Dafür ging er umso ausführlicher darauf ein, dass die Bundesregierung zu wenig tue, um die sich aus der Pandemie ergebende Wirtschaftskrise abzufedern. Die von ihm in diesem Kontext vorgeschlagenen Maßnahmen gehören zum festen Partei-Repertoire und waren daher wenig überraschend - oder mit Banerjees Worten: „Kommt einen bekannt vor. Ist kein ganz neuer Vorschlag“. Ein besonders innovativer Vorschlag, für den der Parteivorsitzende zuletzt geworben hatte, blieb dabei jedoch unerwähnt: die Aufhebung des Sonntagsverkaufsverbots.  

Zur Person:

NameChristian Lindner
Geburtsdatum7. Januar 1979 (41 Jahre)
GeburtsortWuppertal
ParteiFDP

Christian Lindner (FDP) im ZDF-Sommerinterview – „Romantische Verehrung“ für Söder (CSU) 

Auf gezielte Fragen bezüglich der anfänglichen Unterstützung der Maßnahmen der Bundesregierung in der Corona-Krise, die ab April durch eine immer harschere Kritik der FDP abgelöst wurde, äußerte sich Lindner ebenfalls. Dabei nutzte er die Gelegenheit, um das Mitwirken der eigenen Partei – die momentan in keiner Regierungsverantwortung steht – zu betonen. Die Angst vor der politischen Bedeutungslosigkeit, die als Oppositionspartei in Corona-Zeiten zwangsweise einhergeht und die durch die zuletzt schlechten Umfragewerte von fünf Prozent vermutlich zusätzlich genährt wurde, machte sich hier bemerkbar. Ein wunderbares Beispiel wäre die Aussage Lindners, dass er das kontrollierte Herunterfahren des öffentlichen Lebens bereits im Bundestag angesprochen habe, „als selbst in Bayern bei Herrn Söder noch alle Schulen geöffnet waren“.  

Bei der Lockerung der Maßnahmen sei die Regierung allerdings zu langsam gewesen. Die FDP trete aber gerade für diese besonders ein, da sie als liberale Partei primär auf „Eigenverantwortung“ und nicht „auf den Staat“ setze. Das sei laut Lindner allerdings momentan nicht beliebt. Und wieder folgte ein Seitenhieb auf den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU): Laut Lindner sei momentan eine Politik populär, die sich durch harte Maßnahmen auszeichne, was man an der „fast romantischen Verehrung für Herrn Söder“ sehe. Der Frust scheint offenbar tief zu sitzen.  

Christian Lindner (FDP) im ZDF-Sommerinterview zur Thüringen-Wahl von

Im Rahmen dieser Argumentation fehlte allerdings der wohl wichtigste Grund für die schlechten Umfragewerte für die FDP: der Skandal in Thüringen im Februar dieses Jahres. Und genau darauf kam Banerjee erwartungsgemäß zu sprechen. Erneut wurde Lindner bezüglich seines Verhaltens nach der Wahl von Thomas Kemmerich (FDP) zum Ministerpräsidenten von Thüringen mithilfe der Stimmen von AfD, CDU und FDP befragt. Lindner betonte mittlerweile sichtbar routiniert, dass er eine Zusammenarbeit mit der AfD kategorisch ausschließe. Alle Detailfragen umging er unter anderem mit dem Ausweichen auf definitorischen Interpretationsfreiraum („Ich weiß nicht, was gratulieren bedeutet“), dem Fingerzeig auf das Verhalten anderer Parteien im Kontext der Krise („Schauen wir doch einfach mal den Vergleich CDU/FDP an“) oder dem Hinweis auf parteiinterne Organisationsstrukturen („Die Verantwortung für diese Frage liegt allerdings in den Landesverbänden“). Abgerundet wurde seine Argumentation durch Aussagen wie „Ich kann sagen, ich hab etwas erreicht“. Von sich selbst in der dritten Person (!) sprechend betonte er abschließend, dass er in dieser Krise Leitlinien vorgegeben habe. Von der erneuten Kandidatur als Spitzenkandidat in Thüringen habe er Kemmerich im Übrigen abgeraten. Immerhin. 

Auf die Frage, warum er in der kommenden Bundestagswahl die FDP führen wolle, antwortet der Parteivorsitzende gewohnt selbstbewusst: „Meine Partei hat etwas anzubieten und ich ihr.“ Angesichts der aktuellen Umfragewerte, die offen lassen, ob die FDP bei der Wahl im kommenden Jahr überhaupt in den Bundestag einziehen wird, bleibt abzuwarten, ob die Wähler dies ebenso sehen. Basierend auf dem Interview kann wohl davon ausgegangen werden, dass die FDP mit den altbekannten Argumenten in den Wahlkampf zieht - hierzu können mittlerweile wahrscheinlich auch die inflationär eingesetzten schwarz-weiß Porträtfotografien des Parteivorsitzenden gezählt werden. (Von Astrid Theil)

„Berlin direkt“, Sommerinterview, Sonntag, 19.10 Uhr im ZDF

Lesen Sie hier den Kommentar zum ARD-Sommerinterview mit AfD-Chef Jörg Meuthen.

Markus Söder gibt sich beim ARD-Sommerinterview gewohnt souverän – und hat einen Ratschlag für die künftige CDU-Kanzlerschaft. Verkehrsminister Scheuer kommt bei Söder weniger gut weg.

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