Seit Jahrhunderten jagt die Menschheit nach dem ewigen Leben.
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Unsterblichkeit: Seit Jahrhunderten jagt die Menschheit nach dem ewigen Leben.

„Altern ist wie eine Krankheit“

TV-Kritik zum 3sat-Film „Auf der Suche nach Unsterblichkeit“: Vom Drang, ewig zu leben

  • Daland Segler
    vonDaland Segler
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Alt werden sei nichts für Feiglinge, wusste Joachim Fuchsberger, und jüngst verkündete Thomas Gottschalk im Spiegel: „Das Alter an sich ist eine Krise“.

Ungeachtet solcher Erkenntnisse weiser Greise versucht sich die Menschheit seit Jahrhunderten daran, das ewige Leben zu ergattern. „Auf der Suche nach Unsterblichkeit“ heißt der knapp einstündige Dokumentarfilm von Jacqueline Dubuis und Corinne Portier, mit dem die Autorinnen diesen Bemühungen nachspüren.

Dabei berichten sie allerdings zunächst über die Möglichkeiten, mit Exo-Skeletten Menschen, die nach einem Unfall querschnittsgelähmt sind, Annäherungen an das frühere Leben zu ermöglichen. Das hat nicht unmittelbar mit dem Thema zu tun, dient den Autorinnen aber gewissermaßen als Kontrast zum Folgenden. Denn da geht es um verschiedene Methoden, das Leben zu verlängern, ¬ mit Hilfe der orthomolekularen Medizin etwa. Anhängern stellen die Filmemacherinnen die Aussagen von kritischen Medizinern gegenüber, und während es dabei noch um vergleichsweise rationale Versuche geht, das Altern hinauszuzögern, schildert der optisch eher schlichte Film ausführlich die ins Esoterische abdriftenden Vertreter des „Anti-Aging“ auf dem Raad-Fest in San Diego.

Auf der Suche nach Unsterblichkeit: Instinkt statt Empirie

Das wird dann, bei aller Nüchternheit der Betrachtung, um die sich Jacqueline Dubuis und Corinne Portier bemühen, eine Geisterbahn durch die Fantasiewelt von Leuten, die dem Tod entrinnen wollen. Sie selbst geben an, in Biotechnologie zu forschen, aber mit realen und empirisch bestätigten wissenschaftlichen Erkenntnissen haben sie es nicht so, wie etwa der Australier Ray Palmer, der pro Tag zwölf Pillen einwirft, oder Bill Fallon, früher als Einbalsamierer tätig und dann durch Verkauf von Nahrungsergänzungsmitteln zum Millionär geworden.

Auch Ray Kurzweil von Google ist dabei, denn sein Konzern hat mit der Firma Calico Labs angeblich eine Million Dollar in die Entwicklung von Anti-Aging-Medikamenten gesteckt. Kurzweil ist einer der Helden beim Raad-Fest, ebenso wie Aubrey de Grey, ein langbärtiger Missionar in Sachen Biotechnlogie und Anti-Aging; er beruft sich statt auf Empirie auf seinen „Instinkt“.

Liz Parrish, eine im Wortsinne blendend aussehende Blondine, ist nach Angaben der Autorinnen die erste Person, die eine Gen-Therapie aus Anti-Aging-Gründen macht. Sie lässt sich Telomerase spritzen, ein Enzym, das die Telomere verlängert, die Endstücke der Chromosomen, die sich im Laufe des Lebens stetig verkürzen. Sie habe nun die Telomere einer 32-Jährigen, behauptet sie. Wie andere Prominente auf der Tagung verkauft auch sie hier vor allem die Produkte ihrer Firma und verschweigt wohl auch deshalb, dass dieses Enzym Krebs verursachen kann. Das erklärt der Schweizer Arzt Denis Duboule.

Auf der Suche nach Unsterblichkeit: Beseelt von ihrer Vision

Aber Risiken werden in der Raad-Gemeinde ignoriert, ja die Führer der Bewegung wie Raad-Gründer James Strole, sind beseelt von ihrer Vision ewigen Lebens. Der asketische Missionarstyp sieht „eine Welt, in der niemand mehr stirbt“. Denn Altern sei „wie eine Krankheit“. Und seine Gattin Bernadeane fantasiert davon, dass es künftig „weniger Kinder“ geben werde, weil die Menschen sich „interessanteren Dingen zuwenden“ würden. Und dann sei genug Platz auf der Welt. Das finden dann selbst die Autorinnen gruselig.

Deshalb lassen sie Philosophen wie Nick Bostrom zu Wort kommen, den Gründer des Future of Humanity Institute in Oxford; er untersucht die Folgen der technologischen Entwicklung und rät zu Skepsis. Die Erfindung der Atombombe und die Verwendung der Atomkraft dienen ihm als als Beleg für Fortschritt, der zur Bedrohung werden kann. Und Bostroms Kollege Jean Michael Besnier erinnert daran, dass Unsterblichkeit eine Erfindung des Menschen sei, um sich über die eigene Endlichkeit hinweg zu trösten. Unsterblich werde man durch Werke und Taten. Doch um unsterblich zu werden, so Besnier, „muss man sterben.“

Auf der Suche nach Unsterblichkeit, 3sat, Mittwoch, 8. Januar, 21.05 Uhr.

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