+
„Halt dein inneres Schwein im Griff“

Cybermobbing

Facebook-Mobbing: Das zwitschernde Monster

  • schließen

Cybermobbing: Die Facebook-Gruppe „LOL-Liga“ verfolgte zahllose Journalistinnen in Frankreich. 

Sie spricht schnell, fast etwas gehetzt. Florence Porcel sagt selbst, sie sei bis heute nicht darüber hinweg. Die Wissenschaftsjournalistin und -youtuberin war der „LOL-Liga“ in die Hände gefallen. Diese Facebook-Gruppe mit etwa dreißig Mitgliedern verfolgte ab 2009 während Jahren zahllose Journalistinnen über die sozialen Medien (FR v. 14.2.).

Als sie nicht mitgespielt habe, sei zuerst eine pornographische Fotomontage von ihr erschienen, erzählt Florence Porcel. Dann habe man sie mit fingierten Telefonanrufen reingelegt. Auf Twitter wurde sie angeschwärzt, schlecht gemacht, sexuell schwer beleidigt. Alles zum Zweck des lauten Lachens: Das Internetkürzel „LOL“ bedeutet soviel wie „Laughing Out Loud“.

„Ich versuchte zuerst, mit Ironie zu reagieren, um zu zeigen, dass ich über der Sache stand“, meint Porcel auf dem Onlineportal von „Le Figaro“. In Wahrheit habe sie schwere Angstzustände durchlebt und negative Auswirkungen auf ihre Arbeit befürchtet. Sie wäre gerne zur Polizei gegangen, sagte sie. „Doch wer hätte schon einer kleinen Freischaffenden geglaubt?“ Zumal ihre Belästiger stadtbekannte Namen der Pariser Medienszene waren, teils leitende Redakteure bekannter Titel wie „Libération“, „Les Inrockuptibles“, „Slate“, „Huffington Post“, „Usbek & Rica“ oder des Senders Canal Plus.

Die Abteilung „Check News“ von „Libération“ hat die Sache im Februar ins Rollen gebracht. Das Pariser Blatt stellte zwei Mitarbeiter frei, darunter den Gründer der „LOL-Liga“, Vincent Glad, der sich einen Namen gemacht hatte, indem er den Schriftsteller Michel Houellebecq als Wikimedia-Plagiator entlarvte. „Les Inrocks“ suspendierten ihren Ressortleiter David Doucet, einen erklärten „Faschistenjäger“, der in Büchern die „Internetschlacht der Extremen Rechten“ beschreibt.

Nach dem „Libération“-Artikel äußerten sich zuerst nur bekanntere Journalistinnen wie Daphné Bürki, Nadia Daam oder die Afrofeministin Mélanie Wanga. Die Bloggerin Daria Marx teilte mit, sie sei jahrelang im Visier der LOL-Liga gewesen: „Ich war dick, ich war eine Frau, das genügte, um sie zum Lachen zu bringen. Mehrere Jahre lang lebte ich auf Twitter mit dem Gefühl, von Snipern gejagt zu werden.“ Diese Sniper, das waren wohlgemerkt Journalisten, Werber oder PR-Berater, die sich cool, trendig und links gaben.

Nach zwei Wochen mehren sich aber die Berichte betroffener Frauen. Eine „Alexandra“ erklärte, sie sei an der bekannten Journalistenschule in Lille sexuell attackiert worden; sie habe sich gewehrt – und sei darauf in einer anonymen Twitterkampagne als „Schlampe“ fertiggemacht worden. Am Wochenende hat sie sich nun mit ihrem richtigen Namen Aurélie Abadie geoutet – bereit, öffentlich aufzustehen gegen ihre Verfolger.

Der hauptbeschuldigte Journalist Glad entschuldigte sich. Der 34-Jährige meinte, er habe ein „Monster“ geschaffen, das ihm entwichen sei. Auch will er die Verantwortung teilen, meinte er doch: „Die Belästigung entsteht durch den Gruppeneffekt.“

Warum die Affäre erst nach Jahren aufflog, erklärt die bekannte Bloggerin Nassiar el Moaddem, die von der LOL-Fraktion mit falschen Jobangeboten und rassistischen Scherzen gemobbt worden war: „Wir lebten in einer Blase, es herrschte das Gesetz des Schweigens.“

Die Reaktionen der betroffenen Medien bleiben aber teilweise sehr zurückhaltend. Selbst „Libération“ berichtete erst, als die Machenschaften der LOL-Liga längst Branchengespräch waren. „Les Inrocks“ gingen in ihrer Druckausgabe bisher gar nicht darauf ein, online nur knapp. Die Pariser Ausgabe der „Huffington Post“ hatte im vergangenen Herbst verschwiegen, dass sie drei Mitarbeiter entlassen hatte. Deren überaus sexistische, homophobe und rassistische Social-Media-Gruppe vereinte drei Viertel der männlichen Redaktionsmitglieder. Und wie die Historikerin Juliette Lancel schätzt: „In der Pariser Medienszene gibt es noch viele dieser machistischen Boys’ clubs.“

„Libération“ führt nun immerhin eine interne Untersuchungen durch und prüft mögliche Rechtsfolgen. Die Regierung in Paris hat verlauten lassen, dass sie ein laufendes Gesetzesprojekt beschleunigen und noch vor der Sommerpause ein neues Gesetz vorlegen wolle, um Portale wie Facebook oder Twitter stärker zur Verantwortung zu ziehen. In der Zeitschrift „Elle“ kommentierte jetzt ein feministisches Kollektiv: „Wir erleben gerade das, was man als Beginn einer Metoo-Bewegung gegen die Cybergewalt bezeichnen könnte.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion