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Christine (Christiane Paul) und Konrad (Charly Hübner) sehen erst einmal kein Problem darin, dass sie beide wieder arbeiten werden. Schließlich wird sich ein Au-pair-Mädchen um die Kinder kümmern.

"Eltern", Arte

Zwischen Kindern und Karriere

Arte zeigt einen Film von Robert Thalheim, der erkennbar und mit Selbstironie von eigenen Erfahrungen moderner Erziehungsberechtigter mit dem Nachwuchs erzählt.

Von Franziska Schuster

Robert Thalheims Film heißt schlicht „Eltern“, und genauso schlicht wie dieser Titel erzählt er, wie sich Eltern fühlen. Zumindest eine bestimmte Art von Eltern: diejenigen, die in ihren Kindern nicht die einzige sinngebende Erfüllung ihres Lebens sehen, sondern die versuchen, neben ihrem Dasein als Erziehungsberechtigte auch Personen zu bleiben, die erfolgreich einen Beruf ausüben, eine Beziehung führen und ab und zu ein bisschen Spaß haben.

Ohne es nachlesen zu müssen, weiß man, dass hier jemand aus Erfahrung erzählt. So selbstverständlich, klischeebefreit und mit freundlichem Galgenhumor kann nur jemand das Elterndasein auf die Leinwand bringen, der weiß, wie sich die missbilligenden Blicke von anderen Menschen anfühlen, wenn der Nachwuchs sich in der Öffentlichkeit daneben benimmt, jemand, der in intimen Momenten regelmäßig von schlaflosen Kleinkindern gestört wurde und der sein Kind schon mal wegen eines Arbeitstermins in einer emotionalen Notsituationen allein zurückgelassen hat. Und offensichtlich auch jemand, der als Künstler den Stellenwert seiner Arbeit gelegentlich gegenüber vermeintlich „wichtigeren“ Berufen verteidigen musste.

Die Filmeltern Konrad und Christine leben in Berlin und sind „modern“, wie es der Pressetext verkündet – das heißt sie leben so, wie man es in seiner aufgeklärten Jugend als Familienmodell der Zukunft verinnerlicht hat, mit nicht-traditioneller Rollenverteilung und einem involvierten Vater. Letzterer hat nach einigen Jahren als Hausmann die Chance, wieder als Theaterregisseur arbeiten zu können. Als Anästhesistin in einer Klinik war seine Frau bislang die unangefochtene Familienernährerin und stolpert als diese mitunter unabsichtlich in eine paternalistische Argumentationslogik, nach der ihre Karriere wichtiger erscheint als die seine.

Trotz dieser Ausrutscher gilt aber im Grunde die Vereinbarung, dass es beiden Elternteilen gleichberechtigt möglich sein soll, sich beruflich weiterzuentwickeln. Die Realität mit zwei Töchtern und einem überforderten Aupair-Mädchen macht es ihnen mit diesem Anspruch allerdings ganz schön schwer, was in der Zuspitzung letzlich die Beziehung der beiden zu zerstören droht.

Eine Stärke des Films ist, dass die Geschlechterkonstellation vollkommen beiläufig etabliert wird. Hier sollen keine Rollenverteilungen diskutiert werden, und lediglich in Nebensätzen klingt an, dass das erzählte gleichberechtigte Modell noch viel weniger verbreitet ist, als es eigentlich der Fall sein sollte.

Die progressive Haltung zu diesem Thema wird vorausgesetzt, weil sich der Film auf etwas anderes konzentriert: Es geht um den Spagat zwischen dem Elternsein und dem Ich, um die Gratwanderung zwischen Altruismus und Egoismus, die das Leben von Familien bestimmt.

Ohne dabei in einen bedeutungsschweren Symbolismus abzurutschen, zeigt sich diese Schere in kleinen, berührenden Szenen, in denen den Protagonisten ihre Hilflosigkeit ins Gesicht geschrieben steht. Wenn zum Beispiel der Vater auf der Treppe trotz großer Eile zögert, weil er oben seine kleine Tochter brüllen hört, oder wenn die Mutter die pubertierende Käthe nach ein paar Tagen zuhause anfleht, wieder arbeiten gehen zu dürfen, weil sie endlich wieder etwas tun möchte, was sie wirklich kann.

Überzeugende Schauspieler

Die Authentizität dieser Szenen verdankt sich auch den Schauspielern Christiane Paul und Charly Hübner, die die sich steigernde Überforderung subtil spielen bis hin zu den raren Momenten, in denen sie die Selbstbeherrschung verlieren. Als verantwortungsvolle Erwachsene bewahren sie auch dabei stets ein Mindestmaß an Weitblick, um die Kinder vor Schlimmerem zu bewahren.

So stellt Konrad der kleinen Emma, bevor er fluchtartig die Familienwohnung verlässt, noch den Naschteller und den Laptop mit Video-Dauerschleife vor die Nase, wohl wissend, dass sie sich so nicht mehr von der Stelle rühren wird bis die Mama nach Hause kommt. Auch die Darstellerinnen der beiden Mädchen sind ein großer Glücksgriff für diesen Film, vor allem Paraschiva Dragus, die die altkluge Zehnjährige mit einer wunderbar sensiblen Mischung aus Starrköpfigkeit und Verletzlichkeit verkörpert. 

„Eltern“ ist sicherlich kein Werbefilm fürs Kinderkriegen, auch wenn er mit einem versöhnlichen „Ich bereue nichts“-Moment endet. Trotzdem findet hier kein grundsätzliches Infragestellen à la „Regret Parenthood“ statt, das die These untermauert, Eltern seien in der Regel unglücklicher als Kinderlose.

Hauptsächlich geht der Film sehr ehrlich mit einem Thema um, das in der öffentlichen Diskussion extrem ideologisch aufgeladen ist, indem er glaubwürdig davon erzählt, wie schwer bis unmöglich es ist, alles unter einen Hut zu bekommen. Das hätte leicht ein Selbstvergewisserungsfilm für Eltern werden können („es ist okay, Fehler zu machen“), reicht aber über das Familienthema hinaus, denn die Unvermeidbarkeit dessen, ständig Entscheidungen treffen zu müssen, mit denen man es nicht allen recht machen kann – mit denen man häufig sogar anderen schadet – betrifft letzlich jedes Mitglied der Gesellschaft.

Und zum Glück versucht Thalheim gar nicht erst, eine vermeintliche Lösung für dieses Dilemma anzubieten, sondern resümiert gewissermaßen schulterzuckend: So ist das Leben eben. Aber wir mögen es trotzdem.

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