Kind in einem Flüchtlingsheim in Fürstenfeldbruck.
+
Kind in einem Flüchtlingsheim in Fürstenfeldbruck.

TV-Kritik: „Flüchtlinge – Aufnehmen oder Abschieben?“ (ARD)

Zwischen Humanität und Asylrechtsverschärfung

Die Dokumentation "Flüchtlinge – Aufnehmen oder Abschieben?“ erzählt von traurigen Einzelschicksalen, widersprüchlichen Gesetzen und Brüchen des Völkerrechts.

Von Jana Schulze

Nila Aziz kam vor sieben Jahren aus Afghanistan nach Hamburg, geflüchtet aus einem Land, in dem Terroranschläge zum Alltag gehören. In Deutschland wurde sie Übersetzerin, hat geheiratet. Integration wie im Bilderbuch. Und dann sitzt die junge Frau vor der Kamera und fragt mit Tränen in den Augen: „Warum musste meine Schwester sterben?" Ihre Schwester ertrank bei der Überfahrt von Afrika nach Europa im Mittelmeer, mit ihr starben zehn weitere Menschen. Ihr Vorwurf: Kurz vor dem Ziel Griechenland hat die griechische Küstenwache das Schlepperboot zurückgewiesen – in Richtung Türkei. Dabei ist das Boot untergegangen, weil es marode war. „So viele, die nach Europa, nach Deutschland kommen, wollen doch nichts Schlimmes, nur Frieden“, sagt Nila Aziz.

Es ist diese eine Schicksalsgeschichte, die sich durch die 45-minütige Dokumentation „Flüchtlinge – aufnehmen oder abschieben?“ im Ersten zieht. Als Christian Jentzsch vor knapp einem Jahr seine Recherchen zum Film begann, war der Flüchtlingsstrom aus Syrien und Eritrea, aus der Ukraine und Afghanistan nicht so stark wie heute. Aber in der deutschen Flüchtlings- und Asylpolitik gab es auch damals nicht weniger Probleme. Und genau denen geht der Autor intensiv auf den Grund, hakt nach und macht die Kamera am Zaun der Asylbewerberunterkunft auch nicht aus, als ihn das Sicherheitspersonal dazu auffordert. Er will wissen, wie das Leben für Menschen ist, die ihr Land nicht freiwillig verlassen, sondern weil ihr Leben dort bedroht ist – und hier als Neuankömmlinge zwischen offiziell gelobter Humanität für Flüchtlinge und Asylrechtsverschärfungen irgendwie leben.

Langsam und einfühlsam, ohne dabei Mitleid zu erregen, erzählt diese Dokumentation nur einige von vielen Flüchtlingsgeschichten – oft sind sie in ähnlicher Weise vor anderen laufenden Kameras vorgetragen worden. Aber eben, weil es nur diese Einzel-Schicksale sind, die die Angst vor Fremden in Deutschland nehmen können, müssen sie wieder und wieder erzählt werden. Nur wer – zumindest via Fernsehen - einen Einblick in eine schlecht ausgestattete Asylbewerber-Unterkunft bekommt, nur wer erfährt, dass es dort in manchen Einrichtungen nur kalt fließend Wasser gibt, nur wer hört, wie Ärzte und Ingenieure aus Syrien berichten, dass sie von deutschen Polizisten wie Tiere behandelt wurden, der kann vielleicht umdenken. Und dazu holt Jentzsch Menschen vor die Kamera, die die deutsche Flüchtlingspolitik bewerten – einen Wissenschaftler der Stiftung Wissenschaft und Politik, Seelsorger, Pro Asyl-Mitarbeiter, aber auch den Chef von Frontex, Europas Grenzschutz auf dem Mittelmeer.

6000 Euro für den Schleuser

Denn das Schiff der griechischen Küstenwache, das Nilas Schwester zurück in die Türkei wies, war nach Auskunft in Athen im Auftrag von Frontex unterwegs – die Behörde verneint dies, gibt aber immerhin zu, dass es auch Fälle gäbe, die als „nicht so gut gelaufen“ bezeichnet werden müssen. „Nicht so gut gelaufen“ bedeutet im Fall der Afghanen: Tod. Das internationale Flüchtlingshilfswerk UNHCR sagt, diese sogenannte „Push Back“-Methode, also ankommende Flüchtlinge zurückzudrängen, werde häufig praktiziert – und verstoße gegen das Völkerrecht.

Und so stößt der Film nach und nach auf mehr Unrecht, widersprüchliche Gesetze, unsinniges Recht. So haben etwa Syrer, die nach dem offiziellen Kontingent-Abkommen nach Deutschland kommen, keinen Anspruch auf Deutschkurse und Krankenkassenmitgliedschaft, geschweige denn finanzielle Unterstützung, sondern allein ihre Angehörigen in Deutschland müssen für jegliche Unterstützung bürgen.

Der Film will nicht einfach hinnehmen, dass auch die Politik mit den täglich steigenden Zahlen an Flüchtlinge überfordert ist. Der Autor klopft an die Tür des Abschiebegewahrsams in Berlin: Dort trifft er nicht nur auf einen Ingenieur aus Eritrea, der abgeschoben wird und damit 6000 Euro Schleusergeld umsonst ausgab, vor allem aber seinen Traum vom Leben in Frieden verlor. Jentzsch erfährt vom Anstalts-Seelsorger, dass der Unterhalt des Gefängnisses pro Jahr 120 Millionen Euro kostet – für 220 Häftlinge. „Warum wird das Geld nicht in Betreuung und Beratung für die Flüchtlinge gesteckt?“, fragt der Seelsorger.

Und nicht zuletzt thematisiert die Dokumentation die Frage, ob Flüchtlinge den Deutschen wirklich Arbeit und Geld wegnehmen. Die Stiftung Wissenschaft und Politik beweist das Gegenteil: Laut einer Studie säßen in den Booten, die fast täglich übers Mittelmeer kommen, viele Ingenieure und Fachkräfte – jene, die Deutschland fehlen. „Ausländer sind ein Wachstumsfaktor“, sagt der Stiftungsmitarbeiter.

Am Ende kommen Nila Aziz wieder die Tränen – dieses Mal aber vor Freude: Ihr Cousin und der Mann ihrer ertrunkenen Schwester kommen nach hartem Kampf in Hamburg an. Die Afghanen und ihr Mann müssen dafür monatlich 2700 Euro bereithalten – so verlangt es das deutsche Gesetz.

Am Ende dieser hochemotionalen 45 Minuten waren es vielleicht ein, zwei Beispiele zu viel. Dennoch ist es wunderbar ruhig erzählter Film - mit bekannten Informationen, aber auch vielen neuen Fakten.

„Flüchtlinge – Aufnehmen oder Abschieben?“, Montag, 23.30 Uhr, ARD

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare