Anna Maria Mühe (l.) mit Silke Bodenbender als Ermittlerin Lotte Jäger.
+
Anna Maria Mühe (l.) mit Silke Bodenbender als Ermittlerin Lotte Jäger.

ZDF

Zwischen Hirschgeweihen

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
    schließen

„Lotte Jäger und das tote Mädchen“ überführt das Prinzip „Cold Case“ ins Brandenburgische.

Lotte Jäger tritt uns als Ermittlerin ruhigen Blutes entgegen. Dass Regisseurin Sherry Hormann sie eine Weile in die Sonne blinzeln lässt, bevor sie gemächlich in Aktion tritt, passt zu ihr. Und selbst der Eifersuchtsanfall, der sie im Verlauf der von Rolf Basedow und Ralf Zöller geschriebenen Handlung ankommt, spielt sich zeitverzögert ab.

Eile ist im Falle von Lotte Jäger auch beruflich nicht geboten. Vor 27 Jahren geschah die Tat, und selbst der Mann, der damals möglicherweise zu Unrecht verurteilt wurde, ist längst wieder frei. Jetzt ist er sich sicher, im Berliner ÖPNV einen der Protagonisten von damals wiederzutreffen. Eine kleine Verfolgungsjagd endet schlecht, aber die Polizei wird aufmerksam und alarmiert die Abteilung, die für uralte Geschichten zuständig ist. Hier arbeitet Silke Bodenbender als Lotte, an ihrer Seite nur noch Sebastian Hülk – gestern Abend erst als Wolfi Biesinger im „Polizeiruf“ zu sehen –, beide vor allem fürs Papierwälzen zuständig. „Lotte Jäger und das tote Mädchen“ orientiert sich an US-Serien wie „Cold Case“, bringt die Labor- und Aktenordner-Atmosphäre aber mit brandenburgischer, sommerlich schlaffer Ländlichkeit in überzeugende Übereinstimmung.

Atmosphärisch am dichtesten sind allerdings die Rückblenden. 1988 ist bei einem sozialistischen Jagdausflug mit feudalen Zügen eine junge Frau ums Leben gekommen. Zusammen mit ihrer Freundin ist sie als Bedienung mit von der Partie, aber es scheint üblich zu sein, später für alles Mögliche zur Verfügung zu stehen. Isolda Dychauk und Anna Maria Mühe zeigen gerade in der vergnügten Feierstimmung eine alltägliche Aussichtslosigkeit. Lotte Jäger kann sich nicht vorstellen, dass die beiden dafür kein Geld genommen haben. Manchmal gab es kleine Geschenke, immer gab es Abwechslung, macht Anna Maria Mühe deutlich. Sie ist in den vergangenen 27 Jahren kein bisschen älter geworden, das ist etwas gewöhnungsbedürftig.

Man sieht einen betrunkenen Russen Glas essen und daraufhin einen Asiaten sogar den – noch härteren? – Stiel des Glases. Man sieht nackte Männer quiekend in einen See hüpfen. Man weiß nicht, warum das die große weite Welt sein soll, nimmt es aber interessiert zur Kenntnis.

Lotte Jäger, von Bodenbender ohne Scheu vor Drögheit konsequent dargestellt, staunt wie wir. Offenbar ist sie aus dem Westen, spricht auch den Kommissar a. D. gleich als Kommissar an, dabei ist er in Ostdeutschland ein Hauptmann gewesen. Der Hauptmann a. D. will, dass Lotte Jäger ihm beim Fischausnehmen hilft. Dabei kommt ihr wiederum ihre Lethargie zupass. Überhaupt macht sie ihre Arbeit ja gut. Wühlt in alten Hirschgeweihen. Nimmt zwischendurch ein Bad, denkt aber weiter. Ärgert sich nicht direkt tot, als die blöde Dorfjugend ihr den Reifen zerschneidet.

„Lotte Jäger und das tote Mädchen“ schlägt seine Funken daraus, dass die DDR so unfassbar vorbei und doch nicht vorbei ist. Außer der jungen Frau sind die meisten noch da. „Wie versuchen doch alle, die Zeit zu überleben, in denen wir leben“, sagt ein Ex-Stasi-Mann. Am Titel merkt man schon, dass es weitergehen könnte, auch wenn das ZDF und Bodenbender sich bedeckt halten. Fad wäre das nicht.

Kommentare