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Im Spielfilm "Saat des Terrors" verkörpert Axel Milberg (re.) den Leiter der BND-Residenz in Pakistan, Thomas Günther. Richard Demayo spielt Gregory Nolan, den Leiter der CIA in Pakistan.

"Saat des Terrors", ARD

Zwischen den Fronten

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Daniel Harrichs Polit-Thriller beschreibt, wie westliche Geheimdienste den islamistischen Terrorismus groß gemacht haben.

Das Ziel ist Einflussnahme, aber das Ergebnis ist ein Monster, das sich gegen seinen Schöpfer wendet: Wenn Geheimdienste aktiv eingreifen, werden sie die Geister, die sie riefen, meist nicht mehr los. So hat der Verfassungsschutz mit einer völlig verunglückten Strategie dafür gesorgt, dass sich ostdeutsche Rechtsextremisten vernetzen konnten; und so hatte die CIA Mitte der Achtzigerjahre maßgeblichen Anteil an der Gründung von Al-Qaida, deren Mitglieder damals in Afghanistan gegen die Sowjets kämpften. Von dieser Saat des internationalen Terrorismus’ erzählt Daniel Harrich in seinem aufwändigen und äußerst komplexen Polit-Thriller. Die Handlung setzt allerdings erst gut zwanzig Jahre später ein. Hauptfigur ist Jana Wagner (Christiane Paul), eine in Pakistan stationierte Agentin des Bundesnachrichtendienstes, die schließlich zwischen die Fronten gerät, weil sie ihre Arbeit nicht länger mit ihrem Gewissen vereinbaren kann.

Komplizierte Zusammenhänge verständlich erzählt

Harrich, der das Drehbuch gemeinsam mit Gert Heidenreich geschrieben hat, startet mit einem spektakulären Knalleffekt: Bei einem Treffen mit CIA-Agenten in einem Hotel berichtet Jana gerade von einer bevorstehenden Anschlagserie in Indien, als eine Bombe explodiert. Dann springt der Film drei Wochen zurück: Eine pakistanische Frau verrät Jana, dass ihr Mann, der Amerikaner James Logan Davis (Crispin Glover), ein wichtiger Informant des BND, nicht nur auf der Lohnliste der CIA stehe, sondern Anschläge auf touristische Ziele in Mumbai plane. Janas Warnungen verhallen jedoch ungehört, obwohl sie Davis in die indische Metropole gefolgt ist und ihn beim Auskundschaften der Ziele beobachtet hat. Ihr Vorgesetzter (Axel Milberg) pfeift sie zurück, die Amerikaner haben ebenfalls kein Interesse. Die gleichen Terroristen werden Jahre später auch in Europa aktiv; die Pariser Anschläge vom November 2015 hätten womöglich schon 2008 verhindert werden können.


Daniel Harrich ist einer der ganz wenigen deutschen Regisseure, die sich in ihren Arbeiten ständig mit hochbrisanten Themen befassen. Dabei gelingt es ihm regelmäßig, komplizierte Zusammenhänge verständlich zu erzählen, ohne sie zu vereinfachen. Sein erstes Werk dieser Art, „Der blinde Fleck“ (über die Hintergründe des Oktoberfestattentats 1980) hatte noch gewisse Schwächen, aber mittlerweile sind seine Arbeiten gleichermaßen anspruchsvolle wie packende Spielfilme: „Meister des Todes“ (2015) prangerte fragwürdige deutsche Waffenlieferungen in Krisenregionen an, „Gift“ handelte vom milliardenschweren Handel mit gefälschten Medikamenten. Immer wiederkehrendes Element der Geschichten ist die Einsamkeit der jeweiligen Hauptfigur: Als BND-Agentin ist Jana Wagner mitverantwortlich für die Ereignisse, aber dann wird sie mehr und mehr zur Kritikerin ihres Umfelds; so ging es auch den Protagonisten von „Meister des Todes“ und „Gift“.

Anders als beispielsweise Raymond Ley, dessen preisgekrönte Dokudramen von ähnlicher Relevanz behandeln (etwa „Eine mörderische Entscheidung“ über den Luftangriff bei Kundus 2009), fiktionalisieren Harrich und der Journalist Heidenreich ihre Stoffe; das Duo hat bereits bei den anderen beiden Filmen zusammengearbeitet. Wie gut der Ruf des Regisseurs ist, zeigt sich – auch dies eine Parallele zu Ley – an der stets hochkarätigen Besetzung. Heiner Lauterbach ist seit Harrichs fesselndem Kammerspieldebüt „Ein schmaler Grat“ (2012) immer dabei; „Saat des Terrors“ ist bereits die fünfte Zusammenarbeit. Hier spielt er Janas Bodyguard: Sicherheitsmann Nicholas Krüger ist der einzige, dem die Agentin vertrauen kann. Mit einer einfachen, aber wirkungsvollen Szene verdeutlicht Harrich die fundamentale Verunsicherung seiner Heldin, als sie selbst dem treuen Nicholas zutraut, Informationen weitergegeben zu haben.

Momente dieser Art sorgen dafür, dass „Saat des Terrors“ auch emotional funktioniert, was angesichts des Faktenreichtums und der Unübersichtlichkeit der Verhältnisse nicht unwichtig ist. Mit der Bildgestaltung setzen der Regisseur und sein bevorzugter Kameramann, der renommierte Gernot Roll, weitere Akzente. Aufnahmen aus der vertikalen Vogelperspektive geben dem ohnehin aufwändig wirkenden Film einen Kino-Look, Licht und Farbgebung schaffen gemeinsam mit der Musik (Ian Honeyman) eine orientalische Atmosphäre; diverse Spiegel-Bilder deuten das doppelte Spiel an, das viele der Beteiligten treiben. Das gilt vor allem für den Chef des pakistanischen Geheimdienstes: Oberst Baqri zeichnet sich durch eine ungewöhnliche Vorliebe für Lübecker Marzipan aus und ist dank Navid Negahban eine der faszinierendsten Figuren des Films. Der gebürtige Iraner hat eine Weile in Deutschland gelebt, bevor er nach Hollywood ging und dort als Darsteller des Terroristen Abu Nazir aus der US-Serie „Homeland“ Furore machte. Hierzulande hat er mit seinen markanten Gesichtszügen zuletzt einen „Tatort“ („Die Feigheit des Löwen“, 2014) geprägt. 

Im Anschluss an „Saat des Terrors“ zeigt das „Erste“ die Dokumentation „Spur des Terrors“. Harrich präsentiert hier die Ergebnisse seiner jahrelangen Recherchen zu dem Spielfilm und beschreibt, welche Verantwortung CIA und Co. am Aufbau jener pakistanischen Terrorzellen haben, die später auch in Europa aktiv geworden sind. Die Realität, sagt er, „ist viel schockierender, als eine fiktionale Adaption je sein kann.“

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