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Christoph (Nils Hohenhövel, r.), betreut während seines freiwilligen sozialen Jahres den an Muskeldystrophie erkrankten Sven (Samuel Koch, l.). Der hadert mit seiner Situation und macht es Christoph nicht immer leicht.

TV-Kritik: „Draußen in meinem Kopf“ (ZDF)

Zwischen Bach und Porno

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Ein einziger Raum, neunzig Minuten dramatische Spannung: Das Spielfilmdebüt „Draußen in meinem Kopf“ mit Hauptdarsteller Samuel Koch.

Schon einmal hatte sich die Fotografin, Autorin und Regisseurin Eibe Maleen Krebs eine besondere Herausforderung gestellt: In ihrem Dokumentarfilm „Vom Hören Sagen“, für pädagogische Zwecke empfohlen, brachte sie die inneren Bilder geburtsblinder Menschen auf die Leinwand. Ein derartiges Projekt verlangt Einfühlungsvermögen und setzt Vorstellungskraft voraus. Mit „Draußen in meinem Kopf“ wechselte Krebs zum Spielfilm und gehörte 2014 mit diesem Stoff zu den ersten vier Gewinnern des Wim-Wenders-Stipendium. Ein wesentliches Kriterium für dessen Vergabe ist der bildsprachliche Aspekt eines Projekts. Nicht das dröhnende, grenzenlose Dauerfeuer des Mainstream-Kinos ist gefragt, sondern eine Bildgestaltung, die Bedeutungen enthält, Stimmungen vermittelt. Bei „Draußen in meinem Kopf“ lag sie in den Händen der erfahrenen und vielfach preisgekrönten Kamerafrau Judith Kaufmann. Die Handlung von „Draußen in meinem Kopf“ spielt sich, mit einer Ausnahme am Schluss, ausschließlich in einem Krankenzimmer ab. Keiner dieser vorrangig funktionalen Räume für befristete Aufenthalte, sondern mit persönlichen Gegenständen ausgestattet. Sie sagen etwas aus über den Bewohner, den 28-jährigen Sven (Samuel Koch), für den dieser Raum die Welt bedeutet. Er leidet seit frühester Jugend an Muskelschwund, ist ans Bett gefesselt und auf Hilfe angewiesen.

Ein garstiger Patient

Der einige Jahre jüngere Christoph (Nils Hohenhövel) hat sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr entschieden und wird Sven als Betreuer zugeteilt. Christoph befindet sich in einer Übergangsphase, soll den Rapsölbetrieb des Vaters übernehmen, möchte aber lieber Nautik studieren. Seine Zukunft mag ungewiss sein, aber sie liegt offen vor ihm und bietet viele Wege. Anders bei Sven. Seine Krankheit nähert sich dem Endstadium. Der Idealismus des eher schüchternen, hilfsbereiten Christoph trifft auf den Fatalismus eines jungen Mannes, der sich mit dem Tod arrangieren muss. Trost findet Sven in der Musik. Er hat sich eine Tonanlage aufstellen lassen, optimal ausgerichtet auf den Standort des Krankenbetts. Bachs „Komm, süßer Tod“ zählt zu seinen Lieblingsstücken, mit denen er bisweilen den gesamten Trakt beschallt. „Bour¬geoi¬sie-Scheiß“, urteilt der vulgäre Mitpatient Larry (Lars Rudolph), einer von Svens wenigen Kontakten, der mit ihm am liebsten Pornos schaut und Alkohol in die Klinik schmuggelt, was Sven gar nicht gut bekommt. Christoph wird von Sven nicht eben freundlich empfangen. Er irritiert den FSJler mit Grobheiten, mit zynischen Sprüchen und bitteren Wahrheiten: „Wenn ich gesund wäre, würde ich dich einen Scheißdreck interessieren.“ Umgekehrt gölte wohl dasselbe. Und doch entsteht alsbald Nähe zwischen den beiden. Zwangsläufig, weil Christophs Aufgabe dies verlangt, aber nach und nach entwickelt sich eine gewisse Vertrautheit, die Sven einmal auf übelste Weise missbraucht.

Die Mücke sticht

Sven und Christoph werden nie „ziemlich beste Freunde“ im Geiste glatt geschmirgelter Wohlfühlkomödien, muntern sich nicht mit Earth Wind & Fire auf, sondern geben sich, da dem einen Alkohol verboten ist und der andere ihn aus Verantwortungsbewusstsein meidet, mit Totenmessen und Death Metal musikalisch die Kante. Trotz der klar begrenzten Kulisse gelingen Regisseurin Eibe Maleen Krebs und Kamerafrau Judith Kaufmann immer wieder abwechslungsreiche szenische Auflösungen, durch ein gekonntes Wechselspiel unterschiedlicher Kameraeinstellungen, durch bewussten Einsatz der Bildschärfe, durch Konzentration auf bestimmte Details. Überzeugend schon der Auftakt, der ganz ohne Worte auskommt: Sven liegt in seinem Bett, man hört das Sirren einer Mücke. Seine Augen suchen nach ihr, dann sitzt sie auf seiner Hand. Er ist vom Hals abwärts unbeweglich, kann sie nicht verscheuchen, versucht es durch kräftiges Pusten. Vergeblich. Gespielt wird Sven von Samuel Koch, der seit einem schweren Unfall in der TV-Show „Wetten, dass …?“ im Jahr 2010 querschnittsgelähmt ist. Koch ist ausgebildeter Schauspieler. Er gehört zum Ensemble des Nationaltheaters Mannheim und ist immer wieder in Kino- und Fernsehproduktionen zu sehen. In „Draußen in meinem Kopf“, vom ZDF in der Nachwuchsreihe „Shooting Stars“, ausgestrahlt, spielt er erstmals eine Hauptrolle in einem abendfüllenden Kinofilm.

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