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Überrascht: Regisseurin Ildikó Enyedi mit dem Golden Bären.

Berlinale

Das zweite Debut

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Der ungarische Festivalbeitrag von Ildikó Enyedi gewinnt mit „On Body and Soul“ den Goldenen Bären. Am Ende versöhnen die Jurypreise und innovative Dokumentarfilme mit der Berlinale.

Im Kino sind Überraschungen Trumpf, am Ende eines Festivals hoffen wir dagegen nur noch, dass die Gerechtigkeit siegt. Leider ist das nur sehr selten der Fall, Favoriten gewinnen selten Palmen oder Bären. Ausgerechnet Jurypräsident Paul Verhoeven, der mit seinen Genrefilmen so oft polarisierte, brach nun auch mit diesem ungeschriebenen Gesetz.

Sein Lob für den ungarischen Kritiker- und Publikumsliebling „On Body and Soul“ kam von Herzen und bewies wahren „basic instinct“: Die ganze Jury habe sich in diesen Film verliebt, erklärte er bei der Übergabe des Goldenen Bären an eine fast vergessene Veteranin des modernen ungarischen Films, Ildikó Enyedi.

1989 gewann sie mit ihrem Erstling „Mein 20. Jahrhundert“ in Cannes eine Goldene Kamera, später saß sie selbst in der Berlinale-Jury. Die tragikomische Romanze, mit der sie nun, mit 61 Jahren, an den frühen Erfolg anknüpft, wirkt so frisch wie ein zweites Debüt. Wie in ihrem Erstling über zwei ungleiche Schwestern, die eine Feministin, die andere Kurtisane, die sich in den gleichen Mann verlieben, gehen Poesie und Realismus Hand in Hand.

Aki Kaurismäki erhält den Silbernen Regiebären

Spielort ist ein Schlachthof mit überraschend herzlichem Arbeitsklima. Fast möchte man sich bei den Kantinengesprächen an jene leichten Komödien erinnern, wie sie im Sozialismus in Serie produziert wurden. Doch dann sind da diese merkwürdigen verschneiten Waldszenen, die zunächst ohne Erklärung die Handlung unterbrechen. Erst beim Besuch einer Betriebspsychologin werden uns diese Bilder als Traumerzählungen erklärt. Doch wie kann es sein, dass gleich zwei Mitarbeiter von einem Hirschpaar träumen, seinem denkbar unspektakulären Grasen um das Dasein?

Wie in „Mein 20. Jahrhundert“ bricht eine romantische Poesie über eine nüchterne Wirklichkeit herein, und wieder ist es ein auf den ersten Blick denkbar ungleiches Paar, das durch eine überraschende Gemeinsamkeit miteinander in Beziehung tritt. Jedenfalls könnte die Distanz der intelligenten Produktkontrolleurin zu ihrem freundlichen aber etwas hemdsärmeligen Vorgesetzten anfangs nicht größer sein.

Während die überglückliche Ildikó Enyedi kaum Worte herausbrachte, musste man Aki Kaurismäki seinen Silbernen Regiebären für seine Tragikomödie „The Other Side of Hope“ buchstäblich an seinen Platz im Berlinalepalast tragen. Eine gewisse Zerknirschtheit mag dabei im Spiel gewesen sein, denn wer am letzten Tag zurück in den Festivalpalast bestellt wird, der hofft schon auf den Hauptpreis.

Den Goldenen Bären für sein Flüchtlingsstück hatten auch viele erwartet, doch wenn man ehrlich ist, dann ist es wirklich erst der typisch-lakonische Regiestil, der die einfache Geschichte gegenseitiger Hilfe ins Besondere hebt. Unvergesslich geriet dafür Kaurismäkis Auftritt bei der Pressekonferenz. Als eine bereits als Rassistin aufgefallene russische Journalistin ihn auf eine angebliche Islamisierung Europas ansprach – offensichtlich missbilligte sie seine Anteilnahme an einem syrischen Flüchtlingsschicksal – entgegnete er trocken: „Ach, Sie meinen die Islandisierung? Die Isländer breiten sich ja wirklich überall in Skandinavien aus.“ Bis ihm dann am Ende doch der Kragen platzte und er die Fragende auf den Blödsinn ihrer Behauptung festnagelte.

Politik war eher außerhalb der Wettbewerbsfilme das Thema, doch leider war es auch die Kunst, die vielen bei den meisten Beiträgen fehlte. Doch solange ein Festival seine Filme nicht selbst produziert, muss es eben das Beste aus dem Angebot machen, das da ist. Wenn der allgemeine Qualitätsstandard derart niedrig ist, dann hilft nur, das Programm anders zu strukturieren.

Bei weniger Beiträgen würde sich die Aufmerksamkeit wie von selbst auf die guten Filme lenken, zusätzliche Wiederholungsvorstellungen würden die Säle genauso füllen. Doch das würde von Dieter Kosslick und seinem Team verlangen, sich klarer zu positionieren, und nicht durch eine denkbar breite Streuung darauf zu setzen, dass sich die Spreu wie von selbst vom Weizen trennt.

Eine gute Idee ist der neue Akzent auf den Dokumentarfilm, der den Zuschauer fordernde Gewinnerfilm eröffnet dem nichtfiktionalen Kino neue Wege. In „Ghost Hunting“ knüpft der aus Ramallah stammende Filmemacher Raed Andoni an das performative Konzept des Amerikaners Joshua Oppenheimer an, der in „The Act of Killing“ Folterszenen durch indonesische Massenmörder nachinszenieren ließ. Andoni lädt wie in einer Art Gruppensitzung palästinensische Ex-Häftlinge ein, erst die Gefängnisräume nachzubauen und dann das Erlittene noch einmal durchzuspielen.

Eine durchgehende Erzählung ist im Schicksal des ehemaligen Häftlings Mohammed „Abu Atta“ Khattab präsent, der als er selbst agiert, in weiteren Szenen aber von einem Schauspieler verkörpert wird. Eine dritte Ebene bespielen Andonis eigene Erinnerungen in kurzen Animationssequenzen – als 18-jähriger wurde er selbst zum Opfer der im Film dokumentierten Gewaltanwendung. Gleich drei weitere Preise bezeugen die Aufmerksamkeit, die dieser Film in der Panorama-Sektion erfuhr.

Dort hatte auch der visuell vielleicht spektakulärste Dokumentarfilm unter den diesjährigen Beiträgen Premiere, möglicherweise sogar des ganzen Festivals. Der 2014 verstorbene Österreicher Michael Glawogger hat „Untitled“ unvollendet hinterlassen, doch was er von seiner letzten Weltreise mitbrachte, ist atemberaubend. „Dieser Film soll ein Bild der Welt entstehen lassen, wie es nur gemacht werden kann, wenn man keinem Thema nachgeht, keine Wertung sucht und kein Ziel verfolgt“, hatte er über seinen Film gesagt. Tatsächlich ist es genau diese visuelle Freiheit, die den Film in eine Reihe stellt etwa mit den besten Werken des dokumentarischen Fotografen Sebastiao Salgado, während die intuitive Farbsicherheit an den Amerikaner William Eggleston erinnert.

Bevor Glawogger an Malaria starb, bereiste er den Balkan, Italien, Nordwest- und Westafrika. Dass er auch an Orten größter sozialer Not eine merkwürdige Schönheit findet, hat nichts mit aufgesetztem Ästhetizismus zu tun. Es ist das Testament eines Weltwanderers der dokumentarischen Kunst.

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