Auf dem Weg zum Tatort: Tobler (Eva Löbau, l.) und Berg (Hans-Jochen Wagner), zwischen ihnen die Chefin (Steffi Kühnert).
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Auf dem Weg zum Tatort: Tobler (Eva Löbau, l.) und Berg (Hans-Jochen Wagner), zwischen ihnen die Chefin (Steffi Kühnert).

"Tatort: Goldbach", ARD

Zwei schlimme Möglichkeiten

Tobler und Berg ermitteln zum ersten Mal im Schwarzwald. Der Winter-Tatort "Goldbach" erzählt eine traurige Geschichte, hält sich selbst aber Optionen offen.

Dem ersten Tatort eines neuen Teams wohnt immer Spannung, aber kein Zauber mehr inne. Nicht die vielbeklagte Überfülle an Kommissaren und Folgen ist schuld, zumal die alten Hasen aus Stuttgart gerade klargemacht haben, dass noch viele gute Ideen auf meisterliche Ausführung warten. Eher wächst seit längerem die Erkenntnis, dass man nicht mehr die nächsten zwanzig Jahre zusammen verbringen wird. Auch nicht die nächsten zehn Jahre. Auch nicht die nächsten zwei Jahre. Und so weiter. Harald Schmidt, designierter Chef und fürs offizielle Foto schon seriös in Szene gesetzt, hat nicht mal die erste Folge absolviert. Das ist ernüchternd und etwas traurig, und wer mit dem Tatort durch dick und dünn geht, kann sich fühlen wie eine beleidigte Leberwurst.

Trotzdem lohnt es sich, die Augen offen zu halten. Vom neuen Freiburger, in den Schwarzwald ausschwärmenden Ermittlerduo, dem statt Schmidt nun Steffi Kühnert vorsteht, kennt man die Hälfte bereits aus der vortrefflichen Kommissarin-Heller-Reihe im ZDF: Hans-Jochen Wagner scheint in der neuen Kombination nun eher den bösen Buben zu übernehmen, trinkt hochprozentigen Alkohol und ist undiplomatisch gegenüber einem Vertreter der Waffenindustrie. So dass sich ein böserer Bube vorstellen lässt. Seine Kollegin, Eva Löbau, weist zwar darauf hin, dass sie von nichts wisse („wie immer“), aber als es Spitz auf Knopf steht, deckt sie ihn dann doch. Zwei Grundlinien sind gelegt. 

Ein Kind ist tot, ein Kind ist weg

Friedemann Berg und Franziska Tobler heißen die beiden (vielleicht damit man sich merken kann, dass die Handlung ins höhere Mittelgebirge führt) und lassen sich ansonsten vorerst nicht in die Karten gucken. Sie wird von jemandem abgeholt, er nicht. Das ist so die Ebene, auf der Informationen rausgegeben werden. Es ist dabei gut nachzuvollziehen, dass Bernd Lange (Buch) und Robert Thalheim (Regie) keine Lust hatten, sich auf die übliche erste Vorstellrunde einzulassen. Berg und Tobler überspringen das nicht nur uns gegenüber. Auch untereinander kennen Sie sich schon. Wir also mittenrein in ein Team, bei dem nicht das Dach brennt.

Stattdessen soll gleich Platz für eine finstere Wintergeschichte sein. Drei Familien sind nach janz weit draußen gezogen (hier auch als „Arsch der Welt“ bezeichnet), um in der Natur zu sein und ihre Kinder friedlich aufwachsen zu lassen. Nun wird die kleine Tochter des einen Paares erschossen im Wald gefunden – die Ankunft der Kripo ist der schnörkellose Beginn. Der kleine Sohn des zweiten Paares ist verschwunden. Der kleine Sohn des dritten Paares taucht bald wieder auf, ist aber reichlich verstört und will nichts wissen. Es gibt jedoch genau zwei Möglichkeiten. „Ist beides scheiße“, murmelt Franziska Tobler. Das ist eine Gelegenheit anzufangen, sie zu mögen. 

Lange und Thalheim geben sich und uns Zeit, die Paare kennenzulernen, sie als gebeuteltes Menschengrüppchen und nicht die Ermittler sind die Hauptfiguren. Victoria Mayer und Godehard Giese spielen das Paar, dessen Kind tot ist. Odine Johne und Shenja Lacher spielen das Paar, dessen Kind vermisst wird. Isabella Bartdorff und Felix Knopp spielen das Paar, dessen Kind bald wieder da ist. Man sieht die Verzweiflung, aber wichtiger ist Lange offenbar die Stressstudie. Natürlich keimt Misstrauen in der Gruppe, zugleich geht es um Elfjährige, zugleich (oder eben deswegen) richtet sich eine völlig sinnlose Wut gegen die Polizei. 

Erst wirkt das zum Teil holzschnittartig, dann fällt einem wieder ein, wie holzschnittartig das Leben ist. Und wie klug das Drehbuch einfängt und vermittelt, wie gebildete und ambitionierte Bürger die Schuld in Sekundenschnelle beim Staat und seinen Vertretern suchen, wie schnell Meuterstimmung wider alle Vernunft aufkommt. Wie rau der Ton gegenüber den Polizisten ist. Wie ausgeschlossen es zu sein scheint, dass man selbst etwas falsch gemacht haben könnte. 
Das ist das Interessanteste, was „Goldbach“ bietet. Anderes ist routiniert, wie es sich für ein eingespieltes Team gehört, fügt sich zwang-, aber auch überraschungslos, zumal es im Fernsehkrimi jenen Schlenker der erwartbaren Überraschung gibt, die insofern eben auch nur noch pro forma eine ist. Noch etwas anderes fügt sich klassisch: Die Vertreter der Waffenfirma – blasierte Unsympathen. 

Um noch einmal auf das Thema Holzschnitt zurückzukommen: Bei den Dreharbeiten im Schwarzwald habe es, berichtet der Regisseur,  geschneit, um dann über Nacht wieder zu tauen. Das wirkt wie eine Fehlplanung beim Drehen, scheint aber zum Schwarzwaldwetter zu gehören. Die Hoffnung armer Tiefebenenbewohner, in einen perfekten Winteralptraum zu geraten, erfüllt sich jedenfalls nicht.

Anders als die unglücklichen Menschen im Film macht „Goldbach“ nichts falsch, hält sich zumindest alle Optionen offen. Es wäre auch zu unfair, überladene Starts zu beklagen und diesen geradlinigen Beginn jetzt profillos zu nennen. Obwohl er schon irgendwie Gefahr läuft, profillos zu wirken. Die Vorgänger-Reihe des SWR, der Bodensee-Tatort, lief 14 Jahre. In Folge 1 wurde einer der Ermittler erschossen. Ein Hammer. Für den Fortgang der Konstanz-Folgen hatte es aber wenig zu sagen.

Von Judith von Sternburg

Schwarzwald-Tatort irrlichtert durch einen trostlosen Wald des Begehrens: Der Schwarzwald-Tatort „Ich hab im Traum geweinet“ erzählt zur Fasnet Geschichten des fatalen Begehrens.

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