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Markus Lanz diskutiert und arabische Medien feiern Sieg gegen „den westlichen Zwang“

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Von: Tina Waldeck

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Bei Markus Lanz (ZDF) diskutieren sie über die WM in Katar.
Bei Markus Lanz (ZDF) diskutieren sie über die WM in Katar. © Screenshot_Lanz_ZDF

Die verbotene Armbinde „One Love“ bei der Fußball-WM in Katar ist auch Thema beim Talk von Markus Lanz im ZDF.

Bei Markus Lanz (ZDF) blickt Golineh Atai (leitet als gebürtige Iranerin das ZDF-Studio in Kairo) zusammen mit Thomas Kistner (Sportjournalist der „Süddeutschen Zeitung“) zur WM nach Katar. In den arabischen sozialen Medien wird ein Sieg gegen „den westlichen Zwang“ gefeiert, weil die Armbinden mit dem Schriftzug „One Love“ nicht getragen werden dürfen. Da erwacht auch in dem aus Berlin zugeschalteten Vizekanzler Robert Habeck ein „kleines anarchisches Momentum“ in der Diskussion darüber, dass nichts mehr unpolitisch ist, auch nicht der Sport.

Nach einer Strafandrohung der FIFA wird die Regenbogen-Armbinde nun doch nicht getragen, so kommuniziert es der DFB vor dem ersten Spiel der deutschen Nationalmannschaft am 23. November. Thomas Kistner überrascht das nicht. Der europäische Wille ist da, etwas gegen „Unterdrücker-Regime zu tun“ und „Zeichen zu setzen“, aber wenn „man die FIFA kennt“, dann war es klar, dass das Verhalten der Spieler schon länger beobachtet wurde und irgendwann „aus dem Hinterhalt“ reagiert wird. Um eine langwierige Diskussion zu umgehen, kommt der drohende Zeigefinger mit: Das „geht nicht, da gibt es Sanktionen.“

Markus Lanz (ZDF): Diskussion über die WM ind Kartar und die Armbinde „One Love“

Doch in der „nicht existenten Kommunikationen des DFB wissen wir ja gar nicht, was die Strafe eigentlich ist“, beschreibt es Thomas Kistner bei Markus Lanz (ZDF). „Im herrschenden Regelsystem“, bekäme der betreffende Spieler „eine Gelbe Karte“ und müsste die Armbinde wieder ablegen. Sie könnten die Armbinde dann solidarisch an andere Spieler weitergeben: So würden mehrere von ihnen „eine Gelbe Karte kassieren“, aber niemand würde ausfallen. Das wäre durchaus „machbar.“

Gäste bei Markus Lanz
Thomas KistnerSüddeutsche Zeitung
Golineh AtaiZDF-Studio Kairo
Robert HabeckWirtschaftsminister (Grüne)

Die iranische Nationalmannschaft hat ganz andere Probleme. Schon im Vorfeld wurden die Spieler heftig angegriffen, weil sie sich nicht mit den laufenden Protesten solidarisiert hatten. Im Iran ist diese Aktion also „nicht als große heldenhafte Geste angekommen“, stellt Golineh Atai klar. Deutschland hat diese Situation nur ehrfürchtig hervorgehoben, weil im „gleichen Atemzug“ die Diskussion mit der „One Love“ Armbinde aufkam und die Spieler aus dem Iran etwas Schlimmeres zu befürchten haben als nur eine potenzielle Geldstrafe: das Ende ihrer sportlichen Karrieren und Gefängnisaufenthalte.

Diskussion bei Markus Lanz (ZDF): Zwischen Mut und Anpassung

Währenddessen möchte Katar, dass nach ihren „Regeln gespielt wird.“ Golineh Atai beschreibt bei Markus Lanz (ZDF) weiter, wie durch die arabischen Behörden immens Druck ausgeübt wird: Selbst Spielsachen mit Regenbogenfarben werden konfisziert, weil sie einen schädlichen Einfluss haben könnten. Filme werden verboten, in denen es auch nur annähernd um Homosexualität geht. Es gibt vehemente Diskussionen um den „Rechte freien Raum“ der Online-Streaming-Anbieter: „Das ist ein intellektueller Angriff auf unser System. Auf unser Glaubenssystem. Auf unser Herrschaftssystem“, so wird es dort empfunden.

Alles „schädliche“ soll draußen bleiben. So erklärte auch die FIFA lange, dass es „natürlich Alkohol geben wird bei dieser WM“ und Katar „hat den Ball flach gehalten.“ Nun ist es drei Tage vorher anders bestimmt worden. Die amerikanische Biermarke wird sicherlich klagen, aber „die paar Millionen stören die FIFA nicht“, erklärt Thomas Kistner. Überhaupt: was „im Westen abgeht, das interessiert den (FIFA-Präsidenten Gianni Infantino) überhaupt nicht“, denn das Schulterklopfen kommt aus einer anderen Richtung: „Die Befehle gibt Katar“ und „Infantino läuft an der kurzen Leine mit.“ Er ist nach Katar gezogen, als der Boden in der Schweiz für ihn zu heiß wurde und jetzt wird über ihn alles umgesetzt, was von der Herrscherfamilie gewünscht wird.

Markus Lanz (ZDF): Gegen menschenverachtende Systeme

Die One-Man-Show-Pressekonferenz, auf der Gianni Infantino verkündete, er fühle sich wie ein Araber. Er fühle sich schwul. Er fühle sich behindert. Er fühle sich wie ein Gastarbeiter. „Was sollte das?“, fragt sich da nicht nur Markus Lanz. Bei dem einstündigen „Sprechdurchfall“, wie es Thomas Kistner benennt, hat der FIFA-Präsident ebenso erklärt, die früheren Mobbing-
Erfahrungen mit seinem „einnehmenden Wesen“ gut überstanden zu haben: Ein Mann, der „im eigenen Laden Furcht und Schrecken vermittelt“ und gegen den die Staatsanwaltschaft in der Schweiz in mehreren Verfahren ermittelt. Und der offensichtlich ernsthaft glaubt, „dass er mit so einer Rede in Richtung Friedensnobelpreis unterwegs ist“, empört sich der Sportjournalist.

Was wäre denn vonseiten der FIFA und Gianni Infantino passiert, wenn alle sieben europäischen Teams gemeinsam gesagt hätten „wir ziehen das mit der Armbinde durch“, überlegt da Golineh Atai. „Dann wäre es durchgezogen worden“, ist sich Thomas Kistner energisch sicher und findet den Gedanken absurd, dass die FIFA gegen sieben Top-Mannschaften vorgegangen wäre. Der zugeschaltete Robert Habeck ist zwar nicht der Medienberater des DFB und auch nicht Manuel Neuer, fügt er mit einem Schmunzeln hinzu, aber er würde es „vielleicht drauf ankommen lassen.“

Markus Lanz (ZDF): Robert Habeck erklärt - „Es wäre ein moderater Protest“

„Es wäre ein moderater Protest“, erklärt der Vizekanzler bei Markus Lanz (ZDF). „Es ist nur eine Binde“ und keine „elaborierte Last-Generation-Protestform“, aber es gibt auch im Sport viele unterschiedliche Arten von Protestbildern. So erinnert er an den amerikanischen Football-Spieler Colin Kaepernick, der sich weigerte, für ein Land aufzustehen, welches, so sein Statement, „Schwarze und andere Farbige unterdrückt.“ Vor vier Jahren war die WM in Russland: Auch dort ist „vieles nicht glänzend gelaufen“, formuliert es Robert Habeck vorsichtig weiter. Momentan gibt es einfach „nichts Unpolitisches mehr“, also gibt es auch „keinen unpolitischen Sport.“ Das, was die deutsche Mannschaft jetzt tun sollte, „wäre einfach mit der Binde anzutreten“, stimmt ihm Thomas Kistner zu. „Lasst es darauf ankommen!“ (Tina Waldeck)

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