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Felicitas Arnold (Mitte) mit Freundinnen.

"Unsere Kindheit in Bayern", Bayerisches Fernsehen

Zurückgelassen, gedrillt, verwöhnt

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In einer dreiteiligen Reihe des Bayerischen Fernsehens werden Kindheitserfahrungen aus fünf Jahrzehnten nebeneinander gestellt. Das Konzept geht auf.

Vielleicht ist die eine oder der andere des bajuwarischen Zungenschlages derzeit ein wenig müde. Es wäre aber schade, wenn das Bayerische Fernsehen und die dort heute startende dreiteilige Dokumentarreihe darunter zu leiden hätten. Darin blickt das Autorenteam Julia Grantner und Robert Grantner vergleichend auf Kindheiten in fünf Jahrzehnten zurück und spricht damit bei weitem nicht nur bayerische Zuschauer an.

Für den ersten Teil wurden sieben Erwachsene aus unterschiedlichen Generationen ausgewählt. Ihnen gemein ist, dass Teile ihrer Jugendjahre auf Schmalfilm festgehalten wurden. Die Autoren und ihre Protagonisten verlieren sich aber nun keineswegs in weich gezeichneter, farbverblasster Nostalgie. Ihre Erinnerungen kennzeichnen das jeweilige Lebensgefühl der durch sie repräsentierten Phasen deutscher Geschichte.

Mit den Geschwistern Inge Artinger und Gerhard Cerny sind gleich zwei völlig unterschiedliche Jahrgänge aus derselben Familie mit einem romanhaften Schicksal vertreten. Inge wurde 1962 geboren. Amateuraufnahmen zeigen sie gegen Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger. Die Kamera führt ihr älterer Bruder, der vierundzwanzigjährige Gerhard. Er studiert in München und kommt nur noch gelegentlich heim in den niederbayerischen Marktflecken Hengersberg. Inge wird streng erzogen, wächst aber behütet auf, in einem Gebirge aus barocker Innenarchitektur mit schweren Polstermöbeln und viel Spielraum draußen im Garten. Als sie Gerhard in München besucht, ist sie von den vielen Eindrücken schier überrumpelt und geht im Kaufhaus Hertie verloren.

Gerhard wurde unter anderen Umständen groß. Er wurde 1944 in den Krieg hinein geboren, seine Eltern, Sudetendeutsche, mussten fliehen und ließen den erkrankten Sohn bei einer Großtante zurück. Erst vier Jahre später, sie hatten in Bayern eine neue Heimat gefunden und eine Existenz aufgebaut, ließen sie das Kind nachkommen. Gerhard und seine Eltern sollten nie emotional zueinanderfinden.

Nicht jede der nachgezeichneten Biografien verlief gleich dramatisch. Interessant sind sie alle. Die Brüder Lorenz und Max Winkel seien noch erwähnt, aufgewachsen in eher alternativem Milieu, vom Vater, einem Lehrer, frühzeitig an die Musik herangeführt. Da stehen sie im Film mit den angeschabten Bildern und interpretieren im Verein mit dem Vater schon sehr versiert Jazztitel wie Herbie Hancocks zur Zeit der Aufnahmen beinahe noch zeitgenössischen „Watermelon Man“ und „Chameleon“. Einen zünftigen Dixieland beherrschen sie auch – sie spielen für das Filmteam, und die Autoren schneiden die heutige Aufnahme mit einem alten Schmalfilm zusammen.

Die persönlichen Erinnerungen veranschaulichen das Zeitgefühl, die Autoren liefern den Rahmen. Protest- und Alternativbewegungen, Frauenemanzipation, Helmut Kohl, Nicole und Boris Becker in den Achtzigern. Pioniere des vegetarischen oder zumindest ausgewogenen Essens, deren Kinder neidvoll zu den Nachbarskindern lugten, wo es Wurst aufs Brot und knusprige Sonntagsbraten gab. Autoritäre, weniger autoritäre, antiautoritäte Erziehungsmethoden. Dann wieder Reminiszenzen: Commodore 64 und Tamagotchi, Holz- und Elektroeisenbahnen, frugale Weihnachten in den Sechzigern, Überfluss in den Neunzigern.

Die Band Kuult tritt auf, sie hat den „Kindern der Neunziger“ einen Song gewidmet. Felicitas Arnold, Jahrgang 1988, ist begeistert. Der Text treffe präzise das damalige Zeitgefühl. Und sie erinnert sich grienend an Sätze wie „Geh mal aus dem Internet, ich muss telefonieren.“

Es gibt immer wieder Gelegenheit, gemeinsam mit den Protagonisten zu schmunzeln. Umso wirkungsvoller treten die Schattenseiten hervor, strenge Erziehung, Armut, Außenseitertum. Dank der spürbar mit Sorgfalt ausgewählten Zeitzeugen kommen die Autoren dem kindlichen und jugendlichen Alltag sehr nahe. Nicht nur dem im Südzipfel. Die Geschichten sind verallgemeinerbar auch für den Rest der Republik.

„Unsere Kindheit in Bayern“, drei Teile, ab Montag, 9.7., montags um 21:00 Uhr, Bayerisches Fernsehen. Wiederholungen sonntags um 12:00 Uhr und in der Mediathek.

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