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Hier noch auf festem Boden: Der Pflichtbewusste (Ryan Gosling) und seine Frau (Claire Foy).

Aufbruch zum Mond

Zurück in der Zukunft

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Was bringt den nachdenklichen Science-Fiction-Film zurück? Damien Chazelles "Aufbruch zum Mond" und Ulrich Köhlers "In My Room".

Kinogenres sind unsterblich, und doch: Sie kommen und sie gehen in merkwürdigen Schüben. Gerade erlebt das Weltkino ein erstaunliches Comeback einer bestimmten Spielart des Science-Fiction-Films. Im Schatten der großen Fantasy-Blockbuster hat sich eine anspruchsvolle, nachdenkliche Variante des Genres einen Platz im Kino zurückerobert. Gleich drei Beispiele starten diese Woche. Jeder dieser Filme spiegelt dabei globale Veränderungen am Individuum. Ihre Protagonisten müssen in existenziellen Krisen bestehen, die sie in der Überforderung auf sie selbst zurückwerfen. 

Der Kanadier Mark Palanksy arbeitet sich in „Rememory“ am alten Menschheitstraum einer Maschine ab, die Erinnerungen aufzeichnet – entwickelt daraus aber nicht viel mehr als einen psychologischen Kriminalfilm. 

Es war der vom Existenzialismus geprägte Autorenfilm der 60er und 70er Jahre, der diese spezielle Spielart des Genres prägte: Chris Markers visionärer Kurzfilm „La Jetée“ von 1962 oder Alain Resnais’ selten gezeigter Klassiker des Erinnerungsfilms „Ich liebe dich, ich liebe dich“ (1968). Während des Kalten Krieges überboten sich West und Ost gegenseitig an Weltraumfilmen, die eine Situation größter Verunsicherung buchstäblich in epische Weiten trugen: Bereits 1963 drehte der spätere „Pan Tau“-Regisseur Jindrich Polák sein frühes Meisterwerk „Ikarie XB 1“. Da hatte der „Space Race“, der Wettlauf um die Eroberung des Weltalls in der bemannten Raumfahrt, längst begonnen. 

„Aufbruch zum Mond“ ist ein Zeitbild der Sixties

Der Amerikaner Damien Chazelle nimmt in „Aufbruch zum Mond“ die Biografie des Astronauten Neil Armstrong zum Anlass für ein beklemmendes Stimmungsbild dieser Epoche. Es ist der Rhythmus zitternder Cockpit-Nahaufnahmen und das Dröhnen vibrierenden Metalls, der den Zuschauer auf eine klaustrophobische Reise nimmt. Das Kräftemessen der Politik zwängte in den 60ern hüben wie drüben tapfere junge Männer in fliegende Ofenrohre – und forderte dabei etliche Opfer. Kennt man Chazelles frühere Filme, wirkt das Raumfahrt-Szenario fast wie eine austauschbare Hülle. Bevor Chazelle sein „La La Land“ bereiste, wurde er mit dem Jazzfilm „Whiplash“ bekannt. Doch sein musikalischster Film bislang ist dieser. 

Wie seine früheren Filme handelt „First Man“ von eiserner Disziplin. Bis sich in der letzten Viertelstunde, deutlich beeinflusst von Kubricks „2001“ und gedreht auf breitem Imax, die erhoffte Freiheit einstellt, zeigt sich Armstrongs Biografie als Leidensgeschichte. Unfähig, sich selbst den eigenen Kindern gegenüber zu öffnen, schöpft der wortkarge Astronaut seinen ganzen Mut aus Pflichtbewusstsein. Ryan Gosling überzeugt in einem fast statischen Spiel – und einer ganz ungewöhnlichen Heldenrolle, die das öffentliche Bild des ersten Mondbesuchers auf den Prüfstand stellt. Er ist getrieben von denselben militärischen Untugenden, die der sadistische Bandleader in „Whiplash“ mit der Peitsche predigte. 

In dieser beklemmenden Färbung entsteht ein außergewöhnliches Zeitbild der von Hollywood sonst so gern in weichen Pastelltönen gemalten Sixties. Wie „2001 – Odyssee im Weltraum“ ist „Aufbruch zum Mond“ über weite Strecken ein Avantgardefilm – und als Spiegel des Kalten Kriegs zugleich politisches Kino. Heimliche Hauptdarstellern ist Claire Foy, die treusorgende und schließlich rebellierende Ehefrau. 

„In My Room“: Drei Filme in einem

Auch Ulrich Köhlers Drama „In My Room“ konfrontiert einen Einzelnen mit einer schließlich übermenschlichen Krise. Auch wenn sich das Weltende in kleinen Schritten ankündigt: Ein Nachrichtenkameramann (Hans Löw) hat beim Sammeln von Politikerstatements das Aus- mit dem Anschalten verwechselt und so nichts auf dem Band. Eine Gelegenheitsbekanntschaft ergreift die Flucht, nur weil er sie seine Zahnbürste nicht benutzen lässt. 

Bald darauf verliert er mit dem Tod seiner schwerkranken Oma seine offenbar einzige wirkliche Bezugsperson in der Familie. Und dann, am nächsten Morgen, sind plötzlich alle Lebenden buchstäblich verschwunden. Nur die Tiere haben dem großen Verschwinden getrotzt, eine mitteleuropäische Robinsonade beginnt. 

Wie in einem Bilderbuch erlebt man zunächst die verspätete Menschwerdung eines Mannes, der sich von einer Art Steinzeitleben aus Schritt für Schritt seine vertraute Zivilisation aufs Neue erschafft. Vom mit der Hand gepflügten Acker über die Wassermühle bis zur wieder funktionierenden Bohrmaschine. Die Krise setzt das Talent zur Nachschöpfung frei. 

Der Spielort des titelgebenden Beach-Boys-Songs „In My Room“ erklärt sich zusehends als Metapher für das, was hier verloren geht: Das eigene Zimmer, es ist nicht weniger als die vieldiskutierte Heimat. Der Einsiedler denkt gar nicht daran, in eine leere Luxuswohnung im verwaisten Berlin zu ziehen. Lieber ist er der einsame König des Lebensraums seiner Kindheit. Als er nach einem Unfall von einer überraschend auftauchenden weiteren Überlebenden der menschlichen Rasse gerettet wird, scheinen auch die letzten verloren geglaubten bürgerlichen Ideale wiederherstellbar. Doch so einfach lässt sich die Moderne dann doch nicht außer Kraft setzen. 

Köhler hat mit seinem Endzeitdrama gleich drei Filme in einem gedreht: Eine Viertelstunde lang präsentiert er einen geistreichen Dialogfilm; dann einen imponierenden stummen Mittelteil, schließlich ein absurdes Beziehungsdrama, bei dem die Sprache bereits zum kulturellen Ballast geworden ist. Was diese so unterschiedlichen Filme gemeinsam haben, ist ihre Absage an die romantischen Versprechen des Abenteurertums. Das Eroberungspathos des Kalten Krieges fand in der Raumfahrt seine Umkehr ins scheinbar unschuldige Entdeckertum. Nun ist beides zurück, eine bemannte Mars-Mission scheint möglich – und zugleich als ultimative Flucht vor ökologischen und politischen Krisen. Kein Wunder, dass sich auch der nachdenkliche Science-Fiction-Film zurückmeldet.

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