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Zum Tod von Wolfgang Petersen: Unendliche Geschichten

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Von: Daniel Kothenschulte

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Der Filmregisseur Wolfgang Petersen bei den Dreharbeiten zum deutschen Spielfilm „Das Boot“ am U-Boot-Bunker im Hafen von La Rochelle.
Der Filmregisseur Wolfgang Petersen bei den Dreharbeiten zum deutschen Spielfilm „Das Boot“ am U-Boot-Bunker im Hafen von La Rochelle. © KEYSTONE / Keystone

Zum Tod des Regisseurs Wolfgang Petersen, der nicht nur der erfolgreichste Deutsche in Hollywood war – auch im deutschen Fernsehen setzte er Maßstäbe.

In einer Zeit, als in Deutschland eine tiefe Kluft den angesehenen Autorenfilm vom Unterhaltungskino trennte, ging Wolfgang Petersen so leichtfüßig darüber hinweg, als gäbe es sie nicht. Dass dieser Weg früher oder später nach Hollywood und dort ins kostspieligste Segment, das Blockbuster-Kino, führen wurde, scheint aus heutiger Sicht fast vorgezeichnet. Und doch sprengte Wolfgang Petersens Karriere alle Maßstäbe. Nur der Emdener selbst ließ in norddeutscher Bescheidenheit die Geheimnisse seines Erfolgs gerne mit entspanntem Lächeln vergessen: Kompromissloses Qualitätsbewusstsein und die Ausdauer, die damit einhergeht.

Allerdings war es zunächst das Fernsehen, das sich seinem ganz erstaunlichen Gespür für innovative Genre-Formate öffnete. Nachdem die ARD seinen einstündigen Abschlussfilm der Berliner Filmhochschule dffb, den düsteren Thriller „Ich werde dich töten, Wolf“, angekauft hatte, bot ihm der NDR mehrere Folgen der jungen Tatort-Reihe an. „Blechschaden“, Folge 8 dieser wohl erfolgreichsten deutschen Krimi-Serie, war auch das Debüt von Klaus Schwarzkopf in der Rolle des Kommissars Finke.

Später wurde Petersen gerne als eine Art deutscher Steven Spielberg gefeiert –tatsächlich begannen die Parallelen schon hier. Beide Filmemacher hatten sich in der Jugend auf Super-8 erprobt und bewiesen ihr Talent für die große Leinwand zunächst auf dem Bildschirm. Und während der Amerikaner eine „Columbo“-Folge inszenierte, machte Petersen aus dem Synchronsprecher des von Peter Falk gespielten Ermittlers einen „Tatort“-Helden. Und ebenso wie Spielberg mit seinem Frühwerk „Duell“ eine Art Blockbuster für den Bildschirm kreierte, gelang Petersen für Deutschland ähnliches mit „Smog“.

Der von Wolfgang Menge geschriebene Film – heute würde man sagen: Eventfilm – nutzt die spezifischen Qualitäten des Mediums für einen Reality-Thriller. Viele Zuschauerinnen und Zuschauer hielten die im Stil einer Fernsehreportage dargestellte Smog-Katastrophe im Ruhrgebiet für real und riefen besorgt beim Sender an. Bereits im Vorfeld hatte die Industrie-kritische Perspektive einen CDU-Landespolitiker zu einem glücklosen Zensurversuch im Parlament angeregt. Das Fernsehen reflektierte dabei auf verblüffende Weise seine typischen Darstellungsformen – ähnlich wie es Wolfgang Menge bereits 1970 mit „Das Millionenspiel“ gelungen war.

Mehr noch als ein „deutscher Spielberg“ war der produktive Petersen damals allerdings eine Art Fassbinder des „Straßenfegers“, wie man die populären Fernsehfilme nannte. Der Mann, der später seine Hollywoodfilme jahrelang vorbereitete, stemmte Mitte der Siebziger drei Regiearbeiten im Jahr – darunter auch sein erster Kinofilm aus dem Jahr 1974, „Einer von uns beiden“. Ein Student (Jürgen Prochnow) erpresst darin einen Professor (Klaus Schwarzkopf) wegen eines Plagiats, trifft jedoch auf unerwartete Gegenwehr.

Derart konzentrierte Thriller sah man damals in deutschen Kinos eher aus französischer oder britischer Provenienz, was durchaus gewürdigt wurde: Beim deutschen Filmpreis ehrte man Petersen als Nachwuchsregisseur. An Erfahrung fehlte es ihm freilich längst nicht mehr. Nicht alles, was er damals drehte, wurde auch zum Klassiker – verdiente aber gleichwohl ein Wiedersehen. Wie der WDR-Zweiteiler „Die Stadt im Tal“ (1975), ein Politthriller über Korruption in einer Kleinstadt im Sanierungswahn.

Weit erfolgreicher war im Folgejahr die Krimikomödie „Vier gegen die Bank“ über eine Schar Hobby-Bankräuber aus besseren Kreisen – 2016 von Petersen selbst ein zweites Mal verfilmt mit Til Schweiger, Matthias Schweighöfer, Jan Josef Liefers und Michael Herbig. Doch kein Fernsehfilm, den Petersen inszenierte, wurde ein größerer Klassiker als der sechste und letzte seiner „Tatorte“: „Reifezeugnis“. Teils Coming-of-Age-Geschichte, teils Psychodrama ist diese Geschichte über das Verhältnis zwischen einer 16-jährigen Schülerin und ihrem Lehrer erst auf den zweiten Blick ein „Krimi“ – und weist der Fernsehserie gerade dadurch neue Wege. Hauptdarstellerin Nastassja Kinski eröffnete er sogar eine Weltkarriere. Auch Petersen selbst muss zu diesem Zeitpunkt erkannt haben, dass sein Talent weit größer war als die Möglichkeiten, die ihm das Fernsehen bieten konnte.

In Bernd Eichinger fand er einen jungen Produzenten, der Petersens Idee von anspruchsvollem Publikumskino teilte. Gemeinsam realisierten sie „Die Konsequenz“: Die schwule Liebesgeschichte, abermals mit Jürgen Prochnow in der Hauptrolle, fotografiert in nuanciertem Schwarzweiß, wäre auch außerhalb der deutschen Filmgeschichte eine Rarität: Nur wenige Filme für ein Mainstreampublikum problematisierten damals die Diskriminierung Homosexueller.

Auch Prochnow sollte dem Regisseur bald eine Weltkarriere verdanken: „Das Boot“, zu dem Petersen, der Sohn eines Marineoffiziers, auch das Drehbuch nach Lothar Günther Buchheims Roman verfasst hatte, sprengte schon produktionstechnisch alle Dimensionen. Das Budget von 32 Millionen DM gehört zu den größten der deutschen Filmgeschichte. Der auch in den USA erfolgreich gezeigte Film wurde für sechs Oscars nominiert und ebnete zahlreichen Schauspielern ihre Karrieren, darunter Heinz Hoenig, Uwe Ochsenknecht, Jan Fedder, Martin Semmelrogge, Claude-Oliver Rudolph, Ralf Richter und Herbert Grönemeyer.

Das Eindrucksvollste aber ist die realistische Inszenierung der beengten Räumlichkeiten innerhalb des maßstabsgerechten Modells der U-96 und die oft aus der Hand geschossenen Bilder eines Meisters seiner Zunft, Joos Vacano. Dazu die berauschende Filmmusik Klaus Doldingers, der schon Petersens ersten Kinofilm vertont hatte. Petersens eigene Karriere nahm durch diesen Welterfolg ebenfalls noch einmal einen großen Schritt nach vorn: Alle seine weiteren Filme hatten zweistellige Millionenbudgets.

Visionär erscheint aus heutiger Sicht auch die hybride Konzeption unterschiedlicher Kino- und Fernsehfassungen. Auf die 149-minütige Kinofassung von 1981 folgte drei Jahre später eine Fernsehserie mit doppelter Laufzeit. Und als goldener Mittelweg folgte schließlich – 1997 – ein Director’s Cut, vor allem klanglich nochmal eine Erweiterung.

Was „Das Boot“ für den Erwachsenenfilm war, das war Petersens nächstes Großprojekt für den Familienfilm. „Die unendliche Geschichte“ adaptierte die erste Hälfte von Michael Endes phantastischem Bestseller für die große Leinwand. Der Autor der Vorlage traf mit seiner Kritik weitgehend auf taube Ohren. Auch aus heutiger Sicht ist Petersens Film ein Paradebeispiel für die Unübersetzbarkeit literarischer Poesie ins filmische Medium. Der Raum des Imaginativen ist begrenzt auf das Handfest-Sichtbare in Petersens Film. Doch wer sich darauf einlässt, erkennt eine eigne Liebenswürdigkeit – in der Lebendigkeit der Figuren und der handgemachten Poesie der Effekte und Kulissen.

Genau hierin sollten Petersens spätere Hollywood-Blockbuster ihren Vorsprung gegenüber dem Alltäglichen behaupten: Die menschliche Dimension trotzte dem Aufwand, der sie umgab. Am überzeugendsten in drei Filmen, in denen Petersen auch die Gesellschaftskritik seiner Fernsehthriller wieder aufleben ließ. „In the Line of Fire“ inszenierte er auf Einladung des Hauptdarstellers Clint Eastwood, der „Das Boot“ bewundert hatte. „The Outbreak“, dieser durch die Corona-Pandemie in beklemmende Aktualität gerückte Thriller, setzt ein bedrohliches Virus in Beziehung zur Rüstungspolitik: Während sich Mediziner um ein Gegenmittel bemühen, will das Militär seine tödliche Waffe schützen. In „Air Force One“ schließlich spielt Harrison Ford einen US-Präsidenten, dessen Maschine von Terroristen entführt wird, die einen gestürzten kasachischen Diktator unterstützen.

Leichthändig meisterte Petersen in den frühen 2000er Jahren Projekte, deren Aufwand allein einschüchternd wäre. Darunter das 200-Millionen-Dollar-Projekt „Troja“, einer der – neben Ridley Scotts „Gladiator“ – wenigen erfolgreichen Versuche, den „Sandalenfilm“ wiederzubeleben. Dass es auch hier eines nachgeschobenen Director’s Cut bedurfte, um Petersens eigentliche Konzeption zu sehen, bewies nur ein weiteres Mal die Beharrlichkeit dieses außergewöhnlichen Filmemachers: Er setzt das durch, mit einer Extra-Million des Studios. Auch Diane Kruger in der Rolle der Helena verdankt Petersen den entscheidenden Anschub ihrer Weltkarriere.

„Computer und Technologie führen zur Vereinzelung, aber das Kino ist einer der letzten Orte, wo wir zusammenkommen in einer gemeinsamen Erfahrung“, war Petersen überzeugt. Nun hat es auch ihn überlebt. Im Alter von 81 Jahren starb er in seinem Wohnort Brentwood, einem Stadtteil von Los Angeles, an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Glenn Close, einer der Stars aus „Air Force One“, erinnerte an den erfolgreichsten Deutschen im gegenwärtigen Hollywood als „einen Mann voller Lebenslust, der tat, was er am meisten liebte“.

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